Sparte: Sachbuch

Peter Eigen
Das Netz der Korruption. Wie eine weltweite Bewegung gegen Bestechung kämpft

Buchbesprechung

"Korruption ist der Missbrauch von Macht zu privatem Nutzen", so lautet die Definition von Transparency International (TI), der weltweit größten Nichtregierungsorganisation (NGO). Vor zehn Jahren von Peter Eigen, einem ehemaligen Weltbankdirektor, gegründet, ist TI heute mit Niederlassungen in mehr als 100 Staaten ein "Global Player" gegen die Korruption, die nach Eigens Einschätzung das größte Hindernis für die wirtschaftliche und demokratische Entwicklung vor allem in den Ländern der Dritten Welt darstellt.

Eigen beschreibt in seinem Buch ausführlich die Entstehung und Arbeit von TI. Sie ist eng mit seiner Person verknüpft, so dass sich, besonders in den ersten Kapiteln, autobiographische Passagen mit einer Fülle von Sachinformationen mischen. Diese ersten Kapitel beschreiben die Beweggründe, die den langjährigen leitenden Mitarbeiter der Weltbank 1993 dazu brachten, aus dem Berufsleben auszusteigen und sich ausschließlich der Korruptionsbekämpfung zu widmen.

Kern und zentrales Anliegen des Buches ist die Darstellung der konkreten Arbeit von TI, der Ideen und Konzepte, die ihr zu Grunde liegen und der praxisbezogenen Instrumente, die sie inzwischen hervorgebracht hat. Die regelmäßig veröffentlichten Berichte zur weltweiten Korruption werden erläutert und große Erfolge in der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen aufgeführt. Prinzipiell stellt TI keine Einzelfälle an den Pranger, sondern schlägt Auswege aus dem existierenden Dilemma vor. Dieses Prinzip wird theoretisch begründet, seine Wirksamkeit durch Beispiele aus der Praxis belegt.

Der Verweis auf andere Organisationen, die sich am Kampf gegen die Korruption aktiv beteiligen und ein Ausblick auf zukünftige Vorhaben von TI runden die Darstellung ab. Im umfangreichen Anhang findet der Leser aktuelle Materialien wie "Die Weltkarte der Korruption", einen nach Regionen untergliederten Bericht über Korruptionspraktiken, die beiden wichtigsten Indices von TI, den "Bribe Payers Index" und den "Corruption Perceptions Index", sowie Informationen über besonders betroffene Wirtschaftsbranchen und Ergebnisse relevanter Umfragen.

Die Entstehung von Transparency International
Durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Weltbankdirektor für Lateinamerika und zahlreiche Aufenthalte in Afrika für die destruktive Kraft der Korruption sensibilisiert, versuchte Eigen zunächst, das Thema innerhalb seiner Institution zu diskutieren. Die damals gängige Auffassung, Korruption sei Bestandteil einer "afrikanischen Kultur" und somit von den Geberländern hinzunehmen, erwies sich unter den politischen Bedingungen des Ost-West-Konflikts als folgenschwer: Die herrschenden Eliten der Entwicklungsländer sollten durch großzügige Zahlungen und möglichst wenig "Konditionalität" an die westlichen Industriestaaten gebunden werden. Eine Diskussion über Unterschlagung und Korruptionsforderungen war innerhalb der Weltbank tabu, begründet durch das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Nehmerländer. So führte das Gefühl, sich in der eigenen Organisation in einer Sackgasse zu befinden, Peter Eigen schließlich dazu, 1993 die Weltbank zu verlassen und die Gründung von Transparency International gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden und Bekannten aus den Führungsetagen von Wirtschaft und Entwicklungshilfeorganisationen voranzutreiben.

Ideen und Konzepte
Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Angst vor Wettbewerbs-nachteilen Unternehmen zur Zahlung von Bestechungsgeldern veranlasst, definierten die Gründungsmitglieder von Transparency International ihre Rolle als die eines Katalysators: Ziel ihrer Arbeit ist es, ein Klima zu schaffen, das eine transparente Zusammenarbeit ermöglicht. Nicht die Suche nach einzelnen Schuldigen ist die Aufgabe von TI , vielmehr will man ein weltweites Bewusstsein für die volks- und privatwirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe schaffen, die langfristig durch verhinderten Fortschritt im Bildungssektor und der Infrastruktur der Entwicklungsländer entstehen. Gleichzeitig will TI den Blick für die umwelt- und entwicklungspolitischen Katastrophen schärfen, die ebenfalls Folgen der Schmiergeldpraxis sind.

Zentrale Kontrollinstanz der Korruptionsbekämpfung auf lokaler wie globaler Ebene kann nach Auffassung von TI nur die Zivilgesellschaft sein. Bürger können diese Kontrollfunktion allerdings nur dann erfüllen, wenn ein Höchstmaß an Transparenz im Umgang mit öffentlichen Geldern gewährleistet ist. Eine in einigen Ländern bereits übliche Praxis ist die Veröffentlichung im Internet. Dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist, verhehlt Eigen nicht. An Hand von Beispielen aus unterschiedlichsten Ländern zeigt er aber, dass sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene bereits große Erfolge errungen werden konnten.

Praxisbezogene Instrumente und institutionelle Erfolge
Die Arbeit von TI hat in den vergangenen 10 Jahren eine Reihe von Anti-Korruptionsinstrumenten hervorgebracht, die von den nationalen Sektionen ("National Chapters") den lokalen Gegebenheiten angepasst und weiterentwickelt werden. "Integrität" und "Transparenz" sind die Schlüsselbegriffe, um die sich alles dreht: So bezeichnet der "Integritätspakt" eine bereits in der Ausschreibung eines Projekts angekündigte Vereinbarung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmern bzw. Bewerbern . Alle Beteiligten verpflichten sich, keine Bestechungsgelder zu zahlen oder anzunehmen und alle Informationen zur Ausschreibung öffentlich zugänglich zu machen. Absprachen unter den Bietern sind ebenso verboten wie eine exklusive Informationsweitergabe seitens der Auftraggeber an einzelne Bieter. Wer diese Bedingungen nicht einhält, wird mit finanziellen Sanktionen bestraft, kommt auf eine schwarze Liste und kann sich zukünftig nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen.

Das bereits in 20 Sprachen vorliegende Source Book liefert Methoden, Instrumente und Beispiele zur Analyse korrupter Systeme und damit Ansatzpunkte für deren Veränderung. Beispiele erfolgreicher Korruptionsbekämpfung und konkrete Anregungen für die Arbeit auf lokaler Ebene bietet der "Werkzeugkasten des Korruptionsbekämpfers" ("Corruption Fighter's Toolkit").

Erfolge
Ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zu einer global erfolgreichen Tätigkeit von TI und seinen Verbündeten ist die OECD-Konvention, die 1997 von den dreißig OECD-Mitgliedstaaten sowie fünf weiteren Exportländern unterzeichnet wurde. Die Tatsache allerdings, das damit die Zahlung von Bestechungsgeldern im Ausland von den Behörden im eigenen Land strafrechtlich verfolgt werden kann, ist bedauerlicherweise in Deutschland nur relativ wenigen Unternehmern bekannt.

Berichte
2001 veröffentlichte TI zum ersten Mal seinen weltweiten Korruptionsbericht, eine Zustandsbeschreibung der bestechlichen Welt. Dieser Global Corruption Report gilt neben den beiden regelmäßig erstellten "Ranglisten" der bestechlichsten Länder ("Corruption Perception Index") und derjenigen Länder, deren Unternehmen am meisten Schmiergelder bezahlen ("Bribe Payers Index"), als verlässlicher Indikator für die Entwicklung der Korruption in den einzelnen Ländern.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.01.2004