Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Henriette Wich
Erste Liebe Kairo

Buchbesprechung

„Mittendrin“ heißt die Reihe, in der der Erika Klopp Verlag Jugendbücher zu aktuellen Themen herausgibt und in der Henriette Wichs Jugendroman Erste Liebe Kairo erschienen ist. Mittendrin in einem großen Durcheinander empfindet sich auch die sechzehnjährige Chiara, die Ich-Erzählerin der Geschichte, als ihre Eltern ihr eröffnen, dass die Familie für drei Jahre in die ägyptische Millionenstadt Kairo ziehen wird. Für Chiara bedeutet dies zunächst, die gewohnte Umgebung aufzugeben, die besten Freundinnen zu verlassen und gegen ihren Willen in eine fremde Kultur einzutauchen.

Anders als ihrem Bruder fällt Chiara dieser Wechsel sehr schwer, und das gespannte Verhältnis der Eltern macht das alles auch nicht gerade einfacher. Doch nach und nach integriert sie sich in die Klasse und knüpft erste Kontakte zu ihren ägyptischen und deutschen Klassenkameraden in der Deutschen Schule in Kairo. Der Kontakt zu ihren Freundinnen in Deutschland wird seltener und flacher und schließlich verliebt sich Chiara in einen ägyptischen Jungen, der mit ihrem Bruder in einer Band spielt. Und obwohl weder Selim noch Chiara den Stereotypen „arabischer Junge“ und „deutsches Mädchen“ entsprechen, müssen sie sich durch ein ganzes Dickicht von Missverständnissen hindurchkämpfen, bis sie endlich zusammenkommen. Doch zu unterschiedlich sind die Vorstellungen von einer Beziehung, als dass es nicht schnell zu Konflikten käme: Chiara wünscht sich mehr Nähe, Selim mehr Freiraum, und so trennt er sich bald von ihr.

Doch Chiaras intensive Mitarbeit in der Theatergruppe der Schule und ihre Freundschaft mit Mariam, die aus einer konservativen ägyptischen Familie stammt, helfen ihr über den Liebeskummer hinweg, und so schließt sie doch noch Frieden mit dieser fremden Stadt, die Kairo anfangs für sie war.

In Henriette Wichs Jugendroman sind es gleich mehrere schwierige Situationen auf einmal, die Chiara das Leben schwer machen: Zu den „normalen“ Problemen pubertierender Mädchen kommt die Konfrontation mit einer fremden Kultur, die nicht nur sie selbst, sondern indirekt auch ihre Eltern verunsichert, zwischen denen es häufig zu Streit kommt und die für Chiara daher auch kaum eine Unterstützung darstellen.

In Liebesdingen verfügt Chiara in ihrem Alter natürlich noch nicht über die nötigen Erfahrungen, um den blumig-romantischen Flirt-Code Selims richtig zu entschlüsseln, und so missversteht sie ihn zutiefst. Er spricht von ewiger Treue und großer Liebe, und sie nimmt ihn beim Wort, erträumt sich eine gemeinsame Zukunft und fällt aus allen Wolken des rosaroten Himmels, als er das auf einmal ganz anders sieht.

Auch Mariam ist ihr fremd, aber mit der Freundin stehen ihr andere, behutsamere Formen der Annäherung zur Verfügung. Hier steht kein romantisches Abziehbild im Wege, dem sich der Partner anpassen müsste, sondern tolerante Neugier und Offenheit kennzeichnen die Beziehung der Mädchen. Indem sie sich – trotz aller Unterschiede – gegenseitig unterstützen, gelingt es ihnen, die eigene Sicht auf die Welt zu überprüfen und diese in der einen oder anderen Frage auch zu korrigieren.

Es ist eine für dieses Genre komplexe Handlung, die hier auf mehreren thematischen Ebenen entfaltet wird. Die Autorin unterbricht den Erzählfluss mit Chiara als Ich-Erzählerin immer wieder durch E-Mails, Tagebucheinträge und – Chiara möchte später Filme drehen – Drehbuchentwürfe entscheidender Szenen aus Chiaras Leben. Nicht nur die Themen, auch die unterschiedlichen Erzähltechniken ergänzen sich hier in idealer Weise, man kann das Buch mehrfach lesen und wird dabei immer neue Aspekte entdecken. Jugendliche mit interkulturellen Erfahrungen werden hier Bekanntes wiederfinden, und alle anderen bekommen vielleicht Lust, ebenfalls Neues zu entdecken!
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.02.2006