Sparte: Sachbuch

Asfa-Wossen Asserate
Manieren

Sachbuch

Buchbesprechung

Ein Buch über Manieren muss kein Ratgeber für gutes Benehmen sein. Asfa-Wossen Asserate ist ein äthiopischer Prinz, der seit 1974 vorwiegend in Deutschland lebt. Er zeigt in seinem Buch, dass Manieren eher eine Geisteshaltung als die Kenntnis komplizierter Verhaltensregeln sind. Asserate beleuchtet Sitten und Gebräuche ebenso wie ethische Begriffe und ihre Gültigkeit und Bedeutung in der heutigen Zeit. Die Besonderheit seines Blickwinkels ist dabei eine gewisse Distanz zu seinem Gegenstand und eine profunde Kenntnis des Verhaltens in allen Sphären unserer Gesellschaft. Ob es um den Gebrauch des Handkusses, um Familienanzeigen oder Fragen der Pünktlichkeit geht, ob Begriffe wie "Ehre" oder "Gleichheit" Thema sind: Asserates Buch ist ein Panoptikum europäischen Verhaltens und er versteht es, diesem Verhalten mit amüsanten Beispielen auf den Grund zu gehen.

Vor allem aber klingt immer wieder durch, dass Manieren helfen, die "scharfen Kanten der grundsätzlichen Feindseligkeit zwischen allen Menschen ein klein wenig abzuschleifen", wie er es im Kapitel "Der schöne Schein" formuliert. Dass die Welt aus Unterschieden besteht und jeder danach strebt, die eigenen Interessen durchzusetzen, ist für Asserate eine schlichte Tatsache, über die zu lamentieren sinnlos wäre. Dass diese Gewissheit nicht bedeutet, seine Interessen ohne Rücksicht zu verfolgen, führt Asserate an Hand zahlreicher, mitunter höchst amüsanter Beispiele vor Augen. "Die Gastgeberin, der mit Bedauern abgesagt wird, schätzt diese Form mehr, als wenn ihr ehrlich mitgeteilt würde, dass man weder auf ihren Fraß noch auf ihre Freunde die geringste Lust verspüre." Mehr als einmal entwirft der Autor zur Veranschaulichung 'eine Welt ohne Manieren' und verdeutlicht damit den angenehmen Nutzen von Manieren.

Im Abschnitt über "Vulgarität", die für Asserate den "unversöhnlichen Gegensatz der Manieren" verkörpert, geht er gleichzeitig dem eigentlichen Wesen der Manieren nach, indem er ihr Negativ betrachtet. Vulgarität ist für ihn kein Klassenmerkmal, sondern eine Frage der Moral, die auch Auswirkungen auf die Ästhetik hat: "Das zutiefst Häßliche und das zutiefst Böse fallen in der Vulgarität in eins". Vulgarität zeichnet sich vor allem durch Unfähigkeit aus: Unfähigkeit, zu verehren, Unfähigkeit, sich schuldig zu fühlen, Unfähigkeit, den Rang zu erkennen  wobei der Rang eines Menschen sich in demokratischen Gesellschaften nur schwer definieren läßt. Vulgarität ist auch die Freude am Denunzieren und Bloßstellen. In der Umkehrung dieser Verhaltensweisen finden sich bereits viele grundlegenden Eigenschaften der guten Manieren wieder.

Außer der Darstellung der vielfältigen Phänomene guter Manieren oder der Abwesenheit derselben liefert Asserate detaillierte Erklärungen, aus welchem ursprünglichen Grund und in welchen Zusammenhängen Manieren entstanden sind. Ihre Wurzeln finden sich in den höfischen Verhaltensregeln, im Minnesang und in der Religion. Die Durchlässigkeit der Klassen- und Standesschranken, die mit der Abschaffung der feudalen Systeme einherging, erforderte ein Regelwerk, mit dessen Hilfe gesellschaftliche Aufsteiger die richtigen Umgangsformen lernen konnten. Auch wenn die "Erfindung des Privatlebens" diesen verbindlich anzuwendenden Codices entgegensteht, ist Asserate dennoch der Überzeugung, "dass diese eigentümliche Mischung aus Herablassung gegenüber den Manieren und verstohlener Neugier, wie sie die Jahre nach der Französischen Revolution hervorbrachte", unsere Epoche kennzeichnet.

Dass gute Manieren gerade nicht das peinlich genaue Befolgen von Regeln bedeuten, sondern eine quasi natürliche Verinnerlichung eines Verhaltens, das dem Gegenüber angenehm ist, zeigt Asserate unter anderem mit der Beschreibung des "Aufmerksamen" und des "Nachlässigen": Der Aufmerksame ist stets bereit, die Bedürfnisse seiner Mitmenschen zu erraten und nach Möglichkeit zu befriedigen. Er kann sich Namen und Gesichter sowie die dazugehörigen Hintergründe merken. Für ihn sind alle Mitmenschen wichtig, und im Zusammenspiel mit ihnen hat er selbst keine Bedürfnisse (zu haben).

Der Nachlässige hingegen ist in seiner Entspanntheit dem Leben und den Mitmenschen gegenüber von Anmut geprägt. Er ignoriert alle Regeln, da "doch nur die Sympathie" von Interesse ist. Er ist von überwältigender Souveränität, die er grundsätzlich bei allen anderen ebenfalls voraussetzt, weswegen sie seiner Aufmerksamkeit denn auch gar nicht bedürfen. Die Kombination aus beidem, die Demut des Aufmerksamen und die Anmut des Nachlässigen, nennt Asserate die beiden Grundkomponenten der europäischen Manieren. "Wer beides besitzt, hat in seinem Leben noch nie etwas falsch gemacht. (Wenn die Demut diesen Schluss hört, glaubt sie ihn nicht, der Anmut ist er egal.)"

Die durch und durch elegante und von Sympathie für "uns Staubgeborene" charakterisierte Darstellung auch skurriler und anachronistischer Erscheinungsformen der Manieren enthält eine zu große Fülle von Anekdoten, Beispiele und ernsthafter Erörterungen, als dass an dieser Stelle umfassend darauf eingegangen werden könnte. Dass einen die Lektüre immer wieder unvermittelt auflachen lässt, ist jedenfalls kein Zeichen schlechter Manieren.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.01.2004