Sparte: Belletristik

Jo Lendle
Die Kosmonautin

Buchbesprechung

Eine Reise zum Mond. Wer denkt da nicht an heroische Bilder, berühmte Schritte und noch viel berühmtere Männer? Die Menschheit triumphiert über das Weltall, und der Fortschritt fliegt gleichsam selbst seit den sechziger Jahren gen Himmel. Jo Lendle schlägt in seinem ersten Roman Die Kosmonautin bedeutend leisere Töne an. Seine Heldin Hella unternimmt anstelle ihres verstorbenen Sohnes Tobi eine Reise zum Mond, ein Gewinn in einem Preisausschreiben. Ganz unheroisch macht sie sich in ihrem klapprigen Wagen auf den Weg Richtung - ja wohin eigentlich? Sie scheint in die grenzenlose Weite des Ostens zu fahren, auf einer Strecke, deren Ödnis und Einsamkeit man auch auf dem Mond vermuten könnte. Wohin die Reise genau führt, wissen weder der Leser noch Hella so recht. Ist es eine Reise zu sich selbst, ein wilder Abenteuertrip, die Verarbeitung der Trauer um Tobi – oder die Flucht davor?

Der erste Teil des Romans besteht aus Hellas schier endloser Fahrt durch die Steppe. Dabei verliert sie jegliches Gefühl für Raum und Zeit, rast versunken dahin und spürt schon die Schwerelosigkeit, die sie bald erwartet. Die Landschaft ist trist, erinnert an eines der „zahlreichen Enden der Welt“. „Außerirdisch“, fällt Hella dazu nur ein, „ein Ort zum Verlorengehen“. Die Dynamik, mit der sie bald in den Himmel geschossen wird, bestimmt schon ihre Reise: „Auch als sie bereits ausgestiegen war, schien alles in Bewegung zu bleiben. Sie hätte nicht entscheiden können, ob es das Vibrieren des Autos war, das noch in ihr anhielt, oder eine unaufhörliche Erschütterung der Welt. Am Ende war sie es wohl einfach selbst, die zitterte.“

Was sucht Hella eigentlich? Sie, die bis dahin gesichts- und geschichtslos in den Weiten des Ostens unterwegs war, erhält im Kapitel „Ringfinger“ eine Biographie. Die Benennung der Kapitel nach den fünf Fingern wirkt ebenso unwirklich wie Hellas Reise in die Ungewissheit. „Was jagte sie? Sie sah sich selbst in der Mitte eines gewaltigen Fehlers, ohne einen Platz, unaufgehoben, verlacht. [...] Wie war es möglich, hier zu sein? Auf einer Reise, die nicht ihre war, weil es ihre eigene nicht mehr gab.“ Hellas Leben hat jeglichen Sinn verloren. Das Ende ihrer Lebensgeschichte markiert der Tod ihres dreizehnjährigen Sohnes Tobi, der sich für alles begeisterte, was mit dem Weltall zu tun hatte, und auf der Flucht vor der Polizei tödlich verunglückte. Ihr Leben scheint abgeschlossen: Die Freunde haben sich abgewandt, Tobi ist tot. Was noch lebt, sind die Erinnerungen, an ihren Sohn, seinen Raumfahrtspleen, an kleine Anekdoten aus seiner Kindheit. Das ist alles.

Jo Lendle beobachtet äußerst genau, entwirft ein nüchternes Bild von Hella, eher mit impressionistischen Andeutungen als langen Erklärungen. Nur im Hinblick auf Tobi und bei der späteren Romanze mit Adam hat man das Gefühl, dass auch die abgestumpft wirkende Hella ein Mensch aus Fleisch und Blut ist. Lendles Erzählstil ist nüchtern und konkret, entwickelt aber auch großes Einfühlungsvermögen, etwa wenn die zaghafte Zuneigung Hellas zu Adam in der trostlosen Umgebung der Raumstation plötzlich aufkeimt.

Als Hella nach einer gefühlten Unendlichkeit ankommt, wirkt die Raumstation wie aus einem Film zur Zeit des ersten Mondflugs, wie ein vergilbtes Bild. Auch die Menschen dort scheinen nicht aus unserer Zeit zu stammen, nehmen Hella jedoch mit mütterlicher Herzlichkeit und Wärme auf. Da ist zum Beispiel Maya Ivanova, die sie bekocht und umsorgt und die dazu beiträgt, dass Hella sich zu Hause fühlt: „Sie fühlte sich aufgehoben hier, ohne einen Grund dafür benennen zu können.“ Auch die anderen Menschen auf der Station sind neugierig und begleiten Hella durch die akribisch geplanten Tage vor dem Start. Oder sind es Wochen, Monate? Wer weiß...

Langsam und unterschwellig entwickelt sich die nüchtern anmutende Romanze zwischen Hella und Adam, einem weiteren Astronauten. Zunächst können beide ihre Gefühle nicht ausdrücken: „Man hätte über seinen Schatten springen müssen, einer von ihnen, aber wie sollte man springen, wenn sich der Schatten in der Dunkelheit niemals zu erkennen gab?“ Als sie sich in der Nacht vor dem Start endlich näher kommen, fühlt sich Hella, als habe sie „ihm das Bündel ihrer selbst hingeworfen, all die Teile, die ihr längst nicht mehr zueinander zu passen schienen. So waren manchmal die Kunden zu ihr in die Orthopädiewerkstatt gekommen, erschrocken und verschämt, und hatten an sich gezerrt und dann einen Finger oder ein Bein vor sie auf den Tisch gelegt mit fragendem Blick.“ Sie schafft es dann aber doch, leidenschaftliche Gefühle aufzubringen, „wunderte sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr, warum sie eigentlich Brüste hatte.“ In diesen Passagen ist Lendles lakonische Sprache besonders intensiv und zeigt uns eine Hella, die außer dem Flug zum Mond nichts mehr vom Leben erwartet.

Als die Reise am Ende des Kapitels „Zeigefinger“ endlich beginnt, hat Hella nach dem endlos scheinenden Countdown ein geradezu biblisches Erlebnis: „Und nun saß sie hier, die Augen geschlossen, und durchlebte im Schnelldurchlauf dieses Moments ihrerseits alles noch einmal, von Adam und Eva an. So lief also die ganze Geschichte dieser Welt vor ihr ab, ins Unkenntliche beschleunigt rasten Generationen an ihren Augen vorüber, die Ahnengalerie der Stammesväter verschmolz zu einem irrwitzigen Daumenkino zappelnder Leiber, Tempel wurden zerstört, errichtet und wieder zerstört, Blitze gingen nieder, [...] und als es schließlich an der Zeit war, daß sie selbst geboren werden sollte, erkannte sie draußen vor dem Fenster schon den Widerschein des Feuers unter sich, die Triebwerke zündeten.“ Hier wird Lendles Stil mächtig und breit, zieht den Leser in seinen Bann und vermag geradezu Sehnsucht nach einem Mondflug auszulösen.

Hellas Geheimnis erschließt sich bis zum Schluss nicht ganz. Warum hat sie die Reise zum Mond angetreten? War es die unbestimmte Rache für den Tod ihres Sohnes, die sie in ihrer stillen Verzweiflung nur an den Mond richten konnte? Wohin soll die Reise eigentlich führen? Zum Mond, natürlich, aber wohin wirklich? Adam kommt dieser Frage nahe: „Man merkt dir an, dass du nicht hin willst, sondern weg.“ Fest steht, dass es nicht ihr eigener Traum ist, zum Mond zu fliegen. Sie unternimmt die Reise für ihren Sohn, der sich nichts Phantastischeres hätte vorstellen können. Hella hat ihr Leben ausgeträumt.

Ihre Worte im Gästebuch der Raumstation, die auch aus der Feder ihres Sohnes stammen könnten, geben uns keine Erklärung, sondern lassen uns irritiert, aber auch froh zurück, der Unendlichkeit des Weltalls gedenkend: „Es ist ein kleines Licht, das die Nacht regiert. Danke für die freundliche Aufnahme.“
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Von Silke Spangler, 19.08.2008