Sparte: Sachbuch

Lutz Hachmeister
Schleyer. Eine deutsche Geschichte

Biografie

Buchbesprechung

Um eine Biographie im konventionellen Sinne handelt es sich bei Lutz Hachmeisters Buch nicht, das macht bereits der Untertitel deutlich. Schleyer. Eine deutsche Geschichte macht einen Längsschnitt durch die deutsche Geschichte von 1915 bis 1977 und leuchtet jene Teile der deutschen Gesellschaft aus, in denen sich das Leben dieses Repräsentanten der deutschen Industrie maßgeblich abspielte und aus der heraus seine Entscheidungen und Handlungsweisen zu erklären sind. Neben die persönliche Lebensgeschichte Schleyers stellt der Autor umfangreiches Material über dessen soziales, politisches und ökonomisches Umfeld.

Einleitend skizziert Hachmeister die Methode, mit der er die „fortdauernde Okkupation der Biographie Hanns Martin Schleyers durch die RAF“ durchbrechen möchte. Die Kombination der biographischen Darstellung von familiärem Hintergrund, Bildungsweg, politischem Engagement und beruflichem Werdegang mit der detaillierten Untersuchung des jeweiligen sozialen und politischen Umfeldes eröffnet ihm den Weg zu einer „verstehenden Darstellung“, zu einem „Sich-Hineinfühlen“ in die Lebenswelt Hanns Martin Schleyers.

Schon durch die Gliederung legt der Autor einen besonderen Schwerpunkt auf die erste Lebenshälfte Schleyers und betont damit neben dem starken Einfluss familiärer Faktoren auch Schleyers frühes Engagement in politischen Strukturen und die weitgehende Übernahme der nationalsozialistischen Weltsicht. So widmet Hachmeister zwei Drittel der biographischen Darstellung (vor Schleyers Entführung im Herbst 1977) den dreißig Jahren zwischen 1915, dem Geburtsjahr Schleyers, und 1945, als dessen Tätigkeit für die NS-Wirtschaftsverwaltung im besetzten Böhmen und Mähren durch seine Flucht und anschließende Gefangenschaft bei der französischen Besatzungsmacht beendet wird. Das letzte Drittel des Buches umfasst noch einmal etwas mehr als dreißig Jahre, in denen Schleyers Werdegang bei Daimler-Benz und der (verlorene) Kampf um den Posten des Vorstandsvorsitzenden ebenso beleuchtet werden wie seine Rolle als Arbeitgebervertreter im politischen Gefüge der noch jungen Bundesrepublik Deutschland während der sechziger und siebziger Jahre.

Hanns Martin Schleyer wurde mitten im ersten Weltkrieg in eine Familie von Theologen, Juristen und Lehrern hineingeboren. Die Atmosphäre in der Familie war deutschnational geprägt. Bereits als Gymnasiast engagiert sich Schleyer in der „Teutonia“, einer „vaterländischen“ Schülerverbindung, 1931 wird er Mitglied der Hitlerjugend und am 1. Juli 1933, zwei Monate nach seinem 18. Geburtstag, tritt er in die SS ein.

Auch die Jahre des Jurastudiums in Heidelberg sind von starkem politischem Engagement geprägt. Nachdem er zunächst noch in der Studentenverbindung aktiv war, konzentriert er sich bald ausschließlich auf die maßgeblichen NS-Studentenorganisationen und übernimmt 1937 verschiedene leitende Posten im NS-Studentenwerk. Gleichzeitig wird er Mitglied der NSDAP. Anstatt seine Referendariatsstelle anzutreten geht er 1938, kurz nach der Annexion Österreichs durch das Hitler-Regime, nach Innsbruck, um das dortige Studentenwerk zu leiten, wo er dann 1939 promoviert.

Nach knapp einjährigem Einsatz als Gebirgsjäger wird er als untauglich entlassen und 1941 als Leiter des Studentenwerks nach Prag geschickt. Zwei Jahre später tritt er zunächst als Sachbearbeiter und später als Leiter des Präsidialbüros in den Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren ein, wo er bis zum Ende des zweiten Weltkriegs tätig ist.

Nach seiner Flucht aus Prag folgen drei Jahre Internierung im französisch besetzten Südwesten Deutschlands. Von den Entnazifizierungsbehörden als „Mitläufer“ eingestuft – nicht zuletzt wegen seiner falschen Angaben zu seinem SS-Dienstgrad – nutzt er seine während der Besatzung der Tschechoslowakei erworbenen Kenntnisse und beginnt 1949 als Referent für Außenwirtschaft in der Industrie- und Handelskammer Baden-Baden seine zweite Karriere, die ihn anschließend bei Daimler-Benz außerordentlich schnell in führende Positionen bis in den Vorstand hinein aufsteigen lässt. Als er sich aber 1971 bei der Entscheidung über den Posten des Vorstandsvorsitzenden gegen seinen Konkurrenten nicht durchsetzen kann, engagiert er sich verstärkt in der Verbandsarbeit, wird zunächst Präsident des BDA (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände) und dann, im Januar 1977, zusätzlich Präsident des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie).

Erst im letzten Kapitel thematisiert Hachmeister die Entführung durch die RAF. Der Gefahr der nachträglichen Relativierung erliegt er hierbei nicht. Die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers erscheint zwar in der menschenverachtenden Logik der RAF als folgerichtige Steigerung der vorangegangenen Morde an dem Generalbundesanwalt Martin Buback und dem Deutsche Bank-Chef Jürgen Ponto, es gelingt Hachmeister jedoch, diese Logik begreiflich zu machen, ohne dadurch das Verbrechen zu verharmlosen. Die Einfühlung in die polarisierte und insgesamt hysterisierte politische Stimmung während des „Deutschen Herbstes“ ist eine der großen Leistungen dieses Buches.

Detaillierte Einzelstudien und tiefe Einblicke in die Biografien einer Reihe von Personen, die für Schleyer zum Teil über Jahrzehnte hineg wichtige Partner, Freunde und Kollegen waren, tragen maßgeblich dazu bei, das Portrait eines „Menschen in seiner Zeit“ zu zeichnen. Hachmeister entwirft ein regelrechtes Zeitpanorama, das sich an den Lebensdaten Schleyers orientiert. Zahlreiche Zitate von Familienangehörigen und Kollegen lassen nicht nur die Person Schleyer klarer hervortreten, sondern vermitteln vor allem auch atmosphärische Eindrücke, die sich schließlich zu einem detaillierten Bild zusammensetzen, das Einblicke weit über das Individuum Schleyer hinaus ermöglicht. Wie umfassend und vergleichsweise bruchlos die personelle Kontinuität in den Führungsetagen der Wirtschaftsunternehmen beim Übergang von der Nazi-Diktatur zum demokratischen System der Bundesrepublik war, zeigt die beispielhafte Karriere Schleyers, die ohne diese Kontinuität und ohne sein auch nach 1945 funktionierendes Netzwerk an Beziehungen nicht möglich gewesen wäre.

Aber auch die Eskalation der Gewalt durch die Kommandos der „Roten Armee Fraktion“ wird vor dem Hintergrund persönlicher Äußerungen von (ehemaligen) Mitgliedern der Gruppe reflektiert. Familiäre Herkunft und persönlicher Werdegang der einzelnen RAF-Aktivisten, die an Schleyers Entführung beteiligt waren, sind für Hachmeisters vielstimmige Darstellung ebenso wichtig wie die Aussagen und Darstellungen aus Schleyers Umgebung. Anhand von Originaltexten aus der Zeit der Entführungen sowie rückblickenden Interviews mit ehemaligen RAF-Mitgliedern wird das Ausmaß des Realitätsverlusts der Aktivisten ebenso deutlich wie der Weg in die Gewaltspirale, auf den sich die deutsche Regierung einließ. Dass die Geschehnisse, deren Höhepunkt der Herbst 1977 war, für die demokratische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland kathartische Wirkung hatten, ist die zweite zentrale These dieses spannend geschriebenen und sorgfältig recherchierten Buches.

So ist Schleyer. Eine deutsche Geschichte weit mehr als die Biografie eines Menschen, der am Ende seines Lebens zu einem tragischen Opfer eines blinden Fanatismus wurde, dem die geltende Staatsräson nichts entgegen zu setzen hatte. Hachmeisters Buch über Hanns Martin Schleyer in seiner Zeit ist ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.10.2004