Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Tobias Elsäßer
Ab ins Paradies

Buchbesprechung

Tobias Elsässers Jugendroman Ab ins Paradies ist ein klassisches literarisches Roadmovie: Aufgrund eines äußeren Ereignisses macht sich jemand auf den Weg ins Unbekannte, trifft Menschen, die ihn mit neuen Facetten seiner selbst konfrontieren, überwindet Schwierigkeiten und kommt schließlich ans Ziel, um viele Erkenntnisse reicher und den Blick nach vorn gewandt.

In Fabians Fall ist dieses „äußere Ereignis“ der unerwartete Tod seines geliebten Großvaters. Anders, als es sich der alte Mann immer gewünscht hat, wird seine Asche nach der Trauerfeier nicht ins Meer gestreut, sondern auf dem Friedhof seiner süddeutschen Heimatstadt beerdigt. In einer nächtlichen Aktion gräbt Fabian die Urne aus und ersetzt sie durch eine Keksdose. Dann macht er sich mit der Urne im Rucksack per Anhalter auf den Weg nach Sylt, der Insel in der Nordsee, auf der der Großvater einst Adele, seine große Liebe, traf und wieder verlor.

Kaum ist Fabian unterwegs, wird er von Alice in ihrem alten Auto mitgenommen. Sie ist ebenfalls von zu Hause weggelaufen und befindet sich in einer Stimmung manisch-depressiver Ziellosigkeit. Als Fabian ihr von seinem Plan einer nachträglichen Seebestattung erzählt, beschließt sie kurzerhand, ihn zu begleiten.

Im Verlauf der mehrere Tage dauernden Reise lernen die beiden sich ziemlich gut kennen. Die Begegnung mit Alice wird für Fabian zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Er ist zur gleichen Zeit in sie verliebt, um sie besorgt und von ihr genervt und muß dabei auch noch versuchen, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Alice ihrerseits findet Fabian zwar sympathisch, ist aber in einer psychischen Verfassung, die Gefühle für andere kaum zulässt: Sie glaubt, dass ihre Eltern sie nur gezeugt haben, um über den Verlust einer ersten, verunglückten Tochter hinweg zu kommen, und fühlt sich daher betrogen und ungeliebt. Als sie Fabian trifft, dessen familiäre Situation auch alles andere als harmonisch-liebevoll zu nennen ist, entdecken beide, wie relativ Unglück doch sein kann.

Auf Sylt angekommen, lernen sie Pitt kennen. Er arbeitet als Hausmeister in dem Jugenderholungsheims, in dem sie Unterkunft suchen. Da es außerhalb der Saison kaum Gäste gibt, lädt er die beiden zu sich ein. Sie sprechen über dies und das und Pitt erzählt, dass er am folgenden Tag – wie jedes Jahr an diesem Datum – aufs Meer hinausfahren wird, um zum Andenken an seine Mutter Adele Rosenblätter ins Meer zu streuen. Fabian und Alice nehmen die Gelegenheit wahr und schließen sich ihm an, und so landet Opas Asche, vereint mit den Rosen für Adele, am Ende wie erhofft in der Nordsee vor Sylt.

Wenn die Geschichte im Ganzen auch etwas zu konstruiert erscheinen mag, so sind die Charaktere der beiden Protagonisten doch glaubhaft gezeichnet. Fabian erprobt zum ersten Mal in seinem Leben seine Eigenverantwortlichkeit, zum ersten Mal tut er nicht nur etwas Unerwartetes, sondern etwas Unerhörtes, und das erschreckt ihn selbst am meisten. Das Zusammentreffen mit Alice ermöglicht es ihm zwar einerseits, seiner Trauer freien Lauf zu lassen, andererseits muss er aber auch der jungen Frau helfen, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Indem der Autor den Leser an den Gedankengängen des Jungen teilhaben lässt, zeigt er, wie verworren und vielschichtig seine Empfindungen sind und wie sich Zufall, der Wunsch, sich treiben zu lassen, und verantwortungsbewusstes Handeln bei ihm abwechseln. Ab ins Paradies ist ein Buch, in dem der Tod zwar oft vorkommt, das sich aber sehr intensiv und eindrücklich mit dem Leben Jugendlicher beschäftigt.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.02.2008