Sparte: Belletristik

Léda Forgó
Vom Ausbleiben der Schönheit

Roman

Buchbesprechung

Lále heißt eigentlich nicht Lále, sondern Lábán Lenke. Lábán, das heißt auf Ungarisch „auf dem Bein von jemandem“. Niemand außer ihrer Mutter hat sie jemals so genannt. Doch daran, jemals auf dem Bein ihrer Mutter gesessen zu haben, kann Lále sich nicht erinnern. Daher, so denkt sie, passt der Name nicht recht zu ihr. Als Lále nach Deutschland kommt, stellt sich die Frage nach dem passenden Rufnamen erneut. „Lenke“, überlegt sie, könnte sie sich auch nennen. Doch damit werden im Deutschen seltsame Wörter verbunden. „Lenken“, „Link“ oder „linkisch“ zum Beispiel. Und so beschließt sie, auch in Deutschland „Lále“ zu bleiben. Die Frage nach der Identität steht im Zentrum des neuen Romans von Léda Forgó, einer Schriftstellerin ungarischer Herkunft, die 2008 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis für Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft ausgezeichnet wurde. Sie wird an der Figur der Lále in vielen Facetten verhandelt.

Als junge Frau ist Lále nach Berlin gekommen. Im Rahmen ihres Filmstudiums lernt sie Pável kennen, einen Landsmann, mit dem sie eine leidenschaftliche Beziehung beginnt. Doch Pável ist verheiratet und hat Kinder, er entzieht sich Lále immer wieder und stößt sie zurück. Als sie schwanger wird, drängt er sie dazu, das Kind abzutreiben. Lále ist verzweifelt und fügt sich dennoch. Der Verlust des Kindes wird zum Schlüsselmoment für die weitere Geschichte der jungen Frau. Als Pável sich endgültig von Lále trennt, sucht sie Halt – und findet ihn über eine Partneragentur. Pit heißt der dritte Kandidat, den Lále trifft, und er erweist sich zumindest nicht als ungeeignet. Vor allem aber beantwortet er die einzig wichtige Frage richtig: Er möchte mit Lále ein Kind bekommen.

An dieser frühen Stelle im Roman sind die Weichen für seinen weiteren Verlauf bereits gestellt. Lále, eine feinsinnige und sensible Frau, nimmt ihre Umwelt aufmerksam wahr. Tastend bewegt sie sich durch ihre Umgebung und füllt durch ihre Art, die Dinge um sich mit Aufmerksamkeit zu bedenken, den abstrakten Begriff der „Schönheit“ mit ihrem ganz persönlichen Sinn. Pit hingegen ist grobschlächtig und wirkt stumpf und gleichgültig neben der feinfühligen Frau. In dem Moment der Schwangerschaft und der unzerbrechlichen Bindung zu Pit ist Láles Schicksal besiegelt. Die Geschichte von ihrem Unglück, dem „Ausbleiben der Schönheit“ in ihrem Leben, nimmt ihren Lauf.

Lále nennt ihren Sohn nach ihren ungarisch-jüdischen Wurzeln Nathan Bors Lábán. Den Namen muss sie gegen Pits Familie durchsetzen, die für das neue Familienmitglied den deutschen Namen „Hermann“ vorgesehen hatte. In ihrer Beziehung versucht Lále krampfhaft, sich ihren Wunsch-Pit zu erschaffen. Sie überredet ihn, seine Stellung in einer kleinen Firma für Windräder zu kündigen und sich selbständig zu machen. Doch Pit ist kein Geschäftsmann und scheitert. Um den Kredit für ein günstiges renovierungsbedürftiges Haus in Cottbus zu bekommen, heiratet das ungleiche Paar. Der Umzug von Berlin nach Cottbus befördert vor allem Lále in die soziale Isolation. Schnell muss sie einsehen, dass sie mit dem unselbständigen Pit auch dessen Familie geheiratet hat, die in einer ihr fremden, spießbürgerlichen Welt lebt. Kommunikation zwischen ihnen ist nur schwer möglich. „,Ach, Ungarn‘, sagte der Vater, während er den grauenhaften Kaffee ohne Zaudern schluckte, ,Ungarn!‘, setzte er die Tasse ab. Lále sah, dass seine Züge sich verkrampften. ,Dobri djen!‘, rief er dann plötzlich, als ob er soeben persönlich nach langer Unterdrückung die Demokratie proklamiert hätte. Sie schwieg höflich, und als die Erwartung im triumphierenden Blick des Vaters nicht nachließ, sagte sie: ,Das ist kein Ungarisch‘“.

In dem neuen Zuhause im provinziellen Cottbus, in dem die Schwiegereltern selbstverständlich ein und aus gehen, fühlt Lále sich mehr und mehr an den Rand gedrängt. Auch die Ehe zwischen Pit und ihr ist längst zur Zweckgemeinschaft geworden. Immer öfter zieht Lále sich in ihr „Kreuzberger Zimmer“ zurück, den Raum in ihrem Haus, den sie mit Tapeten, Möbeln und Gegenständen aus ihrer Zeit in Berlin ausgestattet hat. Es ist der letzte Ort der „Schönheit“ in einer sie erdrückenden Umwelt. Doch Lále gibt nicht auf in ihrem Kampf um ein Leben, das ihren Vorstellungen entspricht. Sie klammert sich an Nathan, ihren lange ersehnten und heißgeliebten Sohn. Als sie in der Kinderkrippe die ebenfalls verheiratete Marlis trifft und eine leidenschaftliche Affäre mit ihr beginnt, kehrt Hoffnung in ihr ansonsten trostloses Leben zurück. Doch wenig später stirbt Marlis an Krebs. Während Lále sich wieder in ihren beengenden familiären Verhältnissen einfindet, muss sie bemerken, dass sich etwas verändert hat: Pits Familie intrigiert gegen sie. Eines Tages verlässt Pit mit Nathan das gemeinsame Haus und lässt Lále alleine zurück.

Für Lále bricht eine Welt zusammen. Mit letzter Kraft täuscht sie die Versöhnung vor. Pit und Nathan kehren zurück, während Lále im Geheimen die Flucht vorbereitet. Gemeinsam mit ihrem Sohn geht sie nach Berlin, wo sie in einer kärglich möblierten Wohnung eines ehemaligen Liebhabers unterkommt. Ohne finanzielle Mittel und auf sich alleine gestellt vereinsamt sie weiter. Auch Nathan leidet unter der Trennung von seinem Vater und der unsicheren finanziellen Situation. Er wächst in der Obhut seiner verzweifelten Mutter ohne Kontakt zu Gleichaltrigen auf. Hilfe kann Lále von keiner offiziellen Stelle erwarten – von ihrem Ehemann wurde sie angezeigt und wird nun als Kindesentführerin gesucht. Sie vertraut sich einer jungen, unerfahrenen Anwältin an. Doch im Prozess um das Sorgerecht für Nathan stellt sich heraus, dass auch das ein Fehler war: Sie verliert ihren Sohn und steht erneut dort, wo sie zu Beginn des Romans nach der Abtreibung stand: vor dem Nichts.

Es wäre leicht, den Roman als Geschichte vom Scheitern eines jungen Lebens zu lesen. Immer wieder trifft Lále falsche Entscheidungen. Nachdem sie Pável und ihr gemeinsames Kind verloren hat, hält sie am Verlorenen fest und verkennt, dass sie in der Verbindung zu Pit nicht das Glück finden kann, das sie mit Pável suchte. Immer mehr verstrickt sie sich in haltlose Konstrukte: Der gemeinsame Sohn, die Hochzeit, schließlich die finanziellen Fesseln durch den Kauf des Hauses auf Kredit – unweigerlich empfindet es der Leser als quälend, Láles Einbindung in die Strukturen nachzuvollziehen, die ihr die Luft zum Atmen nehmen werden.

Und doch ist Láles Handeln nachvollziehbar. Nur allzu beklemmend wird klar, wie sehr ihr Kampf um ein glückliches Leben auch ein Ringen um Halt und eine stabile Identität ist. Diesen Konflikt stellt der Roman deutlich heraus: Lále ist Halbjüdin, so hat man ihr jedenfalls erzählt, denn ihr Vater wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Von ihrer Mutter früh verlassen, wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. Es ist nicht zuletzt diese Leere, die Lále mit einem eigenen Kind zu füllen sucht. Ihre Heimatlosigkeit spiegelt sich auch in ihrem Leben in Deutschland. So lebt sie zwischen den Sprachen Ungarisch und Deutsch, schwankt zwischen Männer- und Frauenbeziehungen und zwischen den beiden Männern Pável und Pit, die nicht zuletzt für zwei verschiedene Kulturen stehen. So entsteht eine Leere um Lále, die wie in einem Kokon zu leben scheint und auf Distanz zur sie umgebenden Welt bleibt.

Zu diesem Eindruck trägt auch die Erzählhaltung bei. Die Erzählerstimme springt zwischen Innen- und Außenperspektive der Hauptfigur hin und her. Sie hält die Spannung zwischen Lále und ihrer Umgebung aufrecht. Wie eine zwischen der Protagonistin und den Dingen aufgespannte Membran verbindet und trennt sie Figur und Umwelt. Immer wieder stellen Rückblenden den Bezug zu Láles vergangener Beziehung zu Pável her und führen ihre gegenwärtige Isolation eindrücklich vor Augen. So verbinden sich Inhalt und Sprache zu der beeindruckenden Darstellung eines modernen Frauenschicksals. Trotzdem wird hier nicht ausschließlich ein gescheiterter Lebensentwurf präsentiert. Die Geschichte stellt auch die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten eines Individuums, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Und es bleibt offen: Vielleicht kann Lále das nächste Mal die richtigen Entscheidungen treffen.
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Von Eva Kaufmann, 19.12.2011