Sparte: Sachbuch

Irene Heidelberger-Leonard
Jean Améry. Revolte in der Resignation

Biografie

Buchbesprechung

Als Herausgeberin der bei Klett-Cotta erscheinenden Werkausgabe Jean Amérys verfügt Irene Heidelberger-Leonard über eine außerordentliche Detailkenntnis der journalistischen, essayistischen und literarischen Veröffentlichungen dieses bedeutenden Autors. Ihre Biographie des Österreichers Améry spiegelt diese Kenntnis wider, indem sie den Autor in dem engen Beziehungsgeflecht von persönlichen Erfahrungen, literarischem Schaffen und der Reaktion seiner Umwelt auf seine Veröffentlichungen darstellt. Das facettenreiche Bild eines in vieler Hinsicht maßgeblichen Autors entsteht vor dem Hintergrund seiner Zeit – und diese Zeit in ihren für Améry entscheidenden Aspekten darzustellen ist der Autorin in außergewöhnlicher Weise gelungen.

Jean Améry, 1912 als Hans Mayer in Wien geboren, ist der deutschsprachigen Öffentlichkeit vor allem durch sein essayistisches Werk bekannt. 1965 erschien, zunächst als Radio-Essay, danach gedruckt im MERKUR, seine Schrift Die Tortur, in der er seine Erfahrungen in Nazi-Verhören und Konzentrationslagern beschreibt und analysiert. Eine solche Darstellung aus erster Hand, die trotz der persönlichen Nähe zum Thema die intellektuelle Distanz bewahrt, war bis dahin – und ist es wohl bis heute – einzigartig. In kurzer Folge erschienen weitere Essay-Bände, und Améry wurde ein gefragter Interview- und Diskussionspartner, als die deutsche Öffentlichkeit, die sich nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitz-Prozessen ab Ende 1963 allmählich einer Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit öffnete.

Heidelberger-Leonard zeigt in ihrem Buch aber auch, dass Améry weit mehr war als der „Berufs-KZler“, wie er sich selbst manchmal spöttisch-resigniert bezeichnete: Gewissenhaft und manchmal ein wenig detailverliebt führt sie den Leser durch mehr als vierzig Jahre literarischer Produktion, angefangen bei den ersten Schreibversuchen des Schülers Mayer über seine „Fronarbeit“ als Journalist und seine – oben bereits erwähnten – großen Essay-Bände bis hin zu seinen Arbeiten als Erzähler. In der Regel orientiert sich die Biographin am literarischen Schaffen Amérys und beleuchtet, von den Büchern ausgehend, die Beziehungen zu seinem persönlichen, kulturellen und politischen Umfeld.

Im ersten Drittel des Buches überwiegt die Darstellung des familiären Hintergrunds zwischen österreichischem Katholizismus und dem Judentum der Familie väterlicherseits, zwischen dem städtischen Leben Wiens und dem Eintauchen in die ländliche Idylle der Ischler Berge. Der Heimatbegriff des späteren Exilanten hat seine Wurzeln zum Teil sicher in dieser Zeit

Améry nimmt bereits früh am intellektuellen Leben teil, er erlebt die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und den „Austromarxisten“ mit und nähert sich im Denken dem Wiener Kreis um die Neo-Positivisten Carnap, Schlick und Wittgenstein an. Ein „Rausch der Klarheit“ erfasst den noch nicht Zwanzigjährigen, und als es 1934 zum Aufstand gegen die Regierung Dollfuß kommt, ist Améry aktiv beteiligt. Er erkennt die Zeichen des heraufziehenden Faschismus und bleibt dennoch bis 1938 in Österreich, denn er will sich die Heimat nicht nehmen lassen.

Mit einer Ausnahme, die sich auf Amérys erstes erzählerisches Werk, Die Schiffbrüchigen, bezieht, hält sich Irene Heidelberger-Leonards Darstellung bis 1945 eng an die biographischen Daten.

In Die Schiffbrüchigen schafft Améry mit dem Protagonisten Eugen Althager sein (erstes) alter ego. Der nie veröffentlichte Roman liefert eine „österreichische Mentalitätsgeschichte der dreißiger Jahre aus der Sicht eines arbeitslosen jüdischen Autodidakten und Intellektuellen“.

Es folgt die Flucht aus Österreich, die Ankunft in Belgien und die erste Verhaftung Amérys in Brüssel – absurderweise – als „feindlicher Ausländer“. Nach seiner Flucht aus dem französischen Gefangenenlager in Gurs und der Rückkehr nach Belgien engagieren sich Améry und seine erste Frau Regine im kommunistischen Widerstand gegen die Nazis. 1943 wird er verhaftet und gefoltert, später – nachdem er als Jude „erkannt“ wurde – nach Auschwitz-Monowitz verschleppt. Anfang 1945 evakuieren die Deutschen das Lager und Améry gerät über die Buchenwald-Außenstelle Dora-Mittelbau ins Konzentrationslager Bergen-Belsen, wo er schließlich im April 1945 von den britischen Truppen befreit wird.

Noch im Frühjahr 1945 beginnt Améry mit der Arbeit an seinem Essay Die Psychologie des deutschen Volkes sowie mit verschiedenen fiktionalisierten Erinnerungen, in denen er unter anderem auch die Erfahrungen der Folter verarbeitet. Anders als in seinem zwanzig Jahre später erschienenen Text Die Folter lässt er in der Fiktion den „Geist über die Materie siegen“, indem es dem gequälten Opfer gelingt, seine Peiniger mit Lügen zu täuschen. Vor allem aber Die Psychologie des deutschen Volkes erlaubt einen erstaunlichen Einblick in Amérys Haltung direkt nach der KZ-Haft. Anstatt die Gesamtheit der Deutschen schuldig zu sprechen, ist er überzeugt, dass sie „umerziehbar“ sind, „verantwortlich für [ihr] …Tun und besserungsfähig“.

Der Existentialismus und insbesondere die Schriften Jean Paul Sartres eröffnen für Améry eine Weltanschauung, die diesen Willen zur Zuversicht unterstützt. Der lebenslange Briefwechsel mit seinem (Schul-)Freund Ernst Mayer sowie die zahlreichen Briefe an und von Maria Leitner dokumentieren dagegen Amérys ständiges Leiden an der Welt, seinen unaufhörlichen Wechsel zwischen hoffnungsvoller Zuversicht und der Überzeugung von der absoluten Sinnlosigkeit des Daseins

1961 erscheint Geburt der Gegenwart, eine „Kultur-Reportage“, mit der Améry „nichts weniger (…) als die ganze westliche Welt“ ausloten will und mit der er zugleich aus der „Fron“ der Auftragsarbeiten heraustritt.

Von Helmut Heißenbüttel unterstützt, beginnt Améry ab Mitte der sechziger Jahre mit der Veröffentlichung seiner wichtigsten Texte. So erscheinen zwischen 1965 und 1971 die Essaybände Jenseits von Schuld und Sühne, Über das Altern und Unmeisterliche Wanderjahre. Zum ersten Mal, so scheint es, trifft Améry auf das Echo, das er sich erhofft, und die intellektuelle Öffentlichkeit, z.B. Heißenbüttel, Andersch, Paeschke, Bachmann und Canetti, äußert sich enthusiastisch. Hinzu kommen zahlreiche Ehrungen.

Es handelt sich um eine Trilogie, in der sich die autobiographische und zeitgeschichtliche Perspektive verbinden. So setzt sich Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten mit seinen Erfahrungen in der Lagerhaft, dem Verlust der „kulturellen Persönlichkeit“ und den „Grenzen des Geistes“ auseinander, der ihm in der Stunde der größten Not „den Dienst verweigert“ hat.

1968 erscheint Über das Altern. Revolte und Resignation. Améry konstruiert hier eine Parallele zwischen „Judesein“ und Altern, die nachzuvollziehen laut Heidelberger-Leonard „einiger Phantasie bedarf“. In Amérys Sicht ist es „der Blick der Anderen (…), der den Alternden zum Alternden macht, genauso wie es der Blick der Antisemiten ist, der den Juden zum Juden macht.“ Auch dieses Buch ist ein großer Erfolg und wird in mehreren Auflagen immer wieder herausgebracht.

1971 erscheint der letzte Band der Trilogie: Unmeisterliche Wanderjahre, in dem der Autor die örtlichen und zeitlichen Zäsuren seines Lebens als Ausgangspunkte für seine „zeitbiographischen“ Überlegungen nimmt. Wien, Paris, Köln, 1938, 1943, 1945 und 1966 sind die Punkte, an denen Améry „die Zeitentwicklung des Geistigen“ darstellt. Heidelberger-Leonhard spricht hier von einer „Engführung von Philosophie und Literatur (…), so organisch ist das Verweben von Zitiertem, Erinnertem und Erfundenem, so inspiriert der Elan, der den Ideen Atem einflößt“.

Der letzte Teil der Biographie rückt den Erzähler Jean Améry in den Mittelpunkt. Außer seinem Aufsehen erregenden Buch Hand an sich legen. Über den Freitod, das noch 1976 erscheint, widmet sich Améry in seinen letzten Lebensjahren dem großen Projekt, doch noch als Literat und nicht „nur“ als Essayist zu reüssieren.

Lefeu oder Der Abbruch schließlich, 1974 erschienen, soll Amérys großes literarisches Werk werden. Protagonist ist Lefeu/Feuermann, ein Überlebender des Holocaust, in dessen zwiegespaltener Persönlichkeit verschüttete Vergangenheit und selbstbestimmte Gegenwart zum Ausdruck kommen. Amérys letzter Versuch auf dem Feld der Fiktion ist der Text Rendezvouz in Oudenaarde. Auch hier spielt er mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion und versucht, diese so weit wie möglich zur Deckung zu bringen, wodurch die „Realität literarischer Figuren (…) erhärtet“ werden soll. Die Reaktion der Öffentlichkeit erlebt Jean Améry nicht mehr, da er sich im Oktober 1978 in Salzburg das Leben nimmt.

Irene Heidelberger-Leonard gelingt es in ihrer Biographie, das Leben, Denken und Schreiben Amérys in ihrer unauflöslichen Wechselwirkung darzustellen. Mag auch ihr Stil dem einen oder anderen Kritiker nicht gefallen, mag auch die sehr kleinteilige Gliederung der Kapitel an einigen Stellen den Lesefluss etwas beeinträchtigen: Diese Biographie zeigt, wie wichtig Améry in seiner Zeit war und dass seine Relevanz weit über die mit ihm assoziierten Schlagworte hinausgeht.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.07.2004