Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jens Rassmus
Kann ich mitspielen? Eine Fußballgeschichte

Bilderbuch

Der Ball fliegt und fliegt. Jens Rassmus' Bildergeschichte „Kann ich mitspielen?“

So haben viele von uns angefangen. Ein Kind. Ein Fußball. Aber keine Spielkameraden. Gerade dann nicht, wenn wir den nigelnagelneuen Ball voller Stolz präsentieren wollten. Was also tun? Erst einmal alleine spielen. Und dann, beim Stand von vierunddreißig zu null für einen selbst die Frage stellen: Das kann doch nicht alles gewesen sein? Also: Freunde finden. Die nächste gemähte Wiese suchen, das Buckelfeld am Bahndamm oder zur Not auch den öden, leeren Parkplatz des Einkaufszentrums. Zwei Steine als Torpfosten oder zwei Unterhemden. Egal.
 
Das war das Spiel unserer Kindheit und ist es heute noch: Fußball spielen. Aus purer Freude. Es geht um nichts weniger als um Freude an der Bewegung, Freude am Wettbewerb, an Sport, Spiel, Spannung rund um einen kleinen Ball, rund um ein großes Abenteuer. Und es geht – dessen muss sich ein Kind nicht bewusst sein –, es geht um das Entdecken und Ausprobieren von Freundschaft, ja auch von Einfühlungsvermögen in Menschen und in Situationen.
 
Genau das ist das Leitmotiv, das der Autor und Illustrator Jens Rassmus in seinem Bilderbuch „Kann ich mitspielen? – Eine Fußballgeschichte“ so fantasievoll um die Ur-Freude am Spiel herum interpretiert und variiert. Er beginnt seine, im wahren Sinn des Wortes, Horizonte überschreitende Erzählung mit eben jener anfänglich erwähnten Grundsituation, die Kinder überall auf der Welt kennen: „Michi hat einen nagelneuen Fußball, aber keiner hat Zeit, mit ihm zu spielen.“ Da steht er also, der kleine Mann, schüchtern lächelnd und ein bisschen verloren, im ummauerten kargen Hinterhof des Mietshauses, irgendwo. Die Torpfosten an der Wand: zwei Mülltonnen. 34 : 0 – es reicht! Ein Schuss noch! Doch dummerweise fliegt der Ball über die Mauer.
 
Und damit beginnt das unglaubliche Abenteuer, zu dem uns Michi – wenn wir denn wollen – mitnimmt. Wir müssen nur auf die zweite, durch eine trittfeste Kiste erhöhte Mülltonne steigen, uns noch etwas strecken und über die Mauer blicken – hinter den ersten Horizont.
 
Der Ball fliegt in der Geschichte von Schuss zu Schuss nicht nur immer weiter in eine unbekannte Welt hinein. Der Ball landet vor den Füßen von Lebewesen, die Michi eigentlich ziemlich fremd sein müssten: Ein Hase. Ein Bär. Ein Riese. Eine Spinne. Eine Taube. Ein Engelchen. Ja, auch ein Stein. Und alle sprechen Michis Sprache. Alle empfinden – wie der Junge – Freude am Spiel und am Zusammensein. Ohne große Worte. Ohne großen Gestus. Wie selbstverständlich steht es vor allem anderen: das Vereinende. Und wie selbstverständlich wird das Unterschiedliche ohne Wenn und Aber angenommen. Bestenfalls staunt man kurz darüber, dass eine Spinne mit acht Beinen fantastisch mit dem Ball jonglieren kann, der Bär einen tollen Fallrückzieher hinlegt und sogar ein Stein Gewichtiges zum Spiel beizutragen hat.
 
So einfach ist das. Damit kommen nicht nur – wie in Grimms Märchen – Sechse durch die ganze Welt, sondern auch Achte von einem Horizont zum nächsten. Um schließlich gemeinsam auf einem Fußballfeld zu landen, auf dem eine ziemlich berühmte Mannschaft in blaugelben Trikots bereits auf das munter kunterbunte Trüppchen zu warten scheint. So einfach ist das.
 
Mit einfachen Worten, mit überraschenden Blicken über Mauern, hinter nahe und ferne Horizonte, erzählt Jens Rassmus eine Geschichte, die uns näher liegt als alles Trennende. Er erzählt sie mit Worten und er erzählt sie mit einer wunderbar leichten, farbigen Folge größerer und kleinerer Bilder. Er vermeidet dabei jede Überfrachtung mit unbedeutenden Kulissen und Requisiten. Der Künstler nützt eine Farbmischtechnik mit vielen hellen, freundlichen Farbtönen und feiner Tuschziselierung. Nur anfangs – in Michis kleiner wirklicher Welt, in der das Abenteuer beginnt –, nur anfangs dominiert das Grau eines ummauerten Hinterhofs.
 
So beginnen eben viele wahre Geschichten: Ein Kind allein – vielleicht traurig, vielleicht gelangweilt – ein grauer Hinterhof und eine fantastische Möglichkeit, die man nutzen kann; der kleine Michi und wir, die Leser. Ein bisschen strecken, ein bisschen Balance halten und dann staunen, was hinter der Mauer beginnt und nur auf uns wartet.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 07.10.2015

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.