Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Reinhard Kleist
Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar

Graphic Novel

Odyssee einer Kämpferin

Olympia 2008 in Peking. Im 200-Meter-Sprint erreicht die somalische Teilnehmerin Samia Yusuf Omar als Letzte das Ziel. Trotzdem erntet die magere Läuferin großen Applaus, weil sie bis zuletzt kämpft…  
Zurück in Mogadischu darf sie als Frau ihr Training nicht fortsetzen. Für die Verwirklichung ihres Traums von den olympischen Spielen in London 2012 bleibt ihr nur die Flucht nach Europa. Im Frühjahr 2012 ertrinkt Samia während der Überfahrt in einem mit Flüchtlingen überfüllten Schlauchboot im Mittelmeer.
 
Der 1970 geborene, in Berlin lebende deutsche Comiczeichner Reinhard Kleist hat Samia Yusuf Omars einzigartiges Schicksal in einem berührenden Comic nacherzählt. Kleist gehört einer Generation deutscher Künstler an, der es ein Anliegen ist, die jüngere Geschichte wie auch gesellschaftlich-politische Verhältnisse glaubwürdig in ihren Comic-Erzählungen abzubilden. Sein Genre ist die gezeichnete Biografie. Er stützt seine Geschichten auf reale, außergewöhnliche Lebensläufe, entwickelt diese zu scharfen Charakterporträts und erzählt vom Lebenskampf seiner Protagonisten, von ihrer Schwierigkeit, Leben und Werk unter einen Hut zu bringen. Dabei kennt Kleist keine Berührungsängste vor anderen Kulturen. Um das erforderliche Höchstmaß an Authentizität zu erreichen, betreibt Kleist stets sorgfältige Recherchen. Kleist deckt so die Höhen und Tiefen im Leben des drogensüchtigen Country-Sängers Johnny Cash in „Cash – I See a Darkness“ (2006) auf, skizziert die politische Karriere des Fidel Castro („Castro“, 2010) und schilderte den erschütternden Leidensweg des Juden Hertzko Haft, der die Haft im KZ Auschwitz alleine durch seine Boxbegabung überleben konnte („Der Boxer“, 2011). Nur mittels schwarzer Tusche und mit sparsam eingesetzten Dialogen erschafft Reinhard Kleist realistische und zugleich stark verdichtete Porträts.
 
Kleists jüngste Graphic Novel „Der Traum von Olympia“ ist - angesichts der anhaltend aktuellen Flüchtlingsproblematik - auch das brisanteste aus seiner Reihe biografischer Comics: Nach Samias Rückkehr aus Peking fokussiert Kleist ihre ärmlichen Lebensverhältnisse in Mogadischu. Aufs Brutalste wird deutlich, dass ihr einziges Ziel, nämlich für die nächste Olympiade weitertrainieren zu dürfen, von den islamistischen Al-Shabaab-Milizen unterbunden wird. Samia sieht keinen anderen Ausweg, als ihr Land zu verlassen und es in Äthiopien zu versuchen. Doch auch dort findet sie keine Unterstützung für ihren Sport. Europa ist ihre letzte Hoffnung. Mithilfe von Schleppern reist Samia unter menschenunwürdigen Bedingungen über den Sudan nach Libyen, wo sie auf ein Fluchtboot wartet.
 
In seinen expressiven, schwarzweiß-grauen Tuschezeichnungen konzentriert sich Reinhard Kleist auf seine Hauptfigur Samia und bringt sie dem Leser damit sehr nahe, lässt ihn teilhaben an ihren bedrückenden Erlebnissen und den zahlreichen Rückschlägen, die ihr widerfahren. Zugleich findet er prägnante, auch poetische Bilder, etwa, wenn auf einer Lasterfahrt durch die Wüste auch andere Flüchtlinge von ihrer Herkunft erzählen, und ihren Hoffnungen.
„Der Traum von Olympia“ ist das einfühlsame Porträt einer willensstarken Sportlerin, die sich auch von den widrigsten Verhältnissen nicht unterkriegen lässt, und gleichzeitig die exemplarische Odyssee eines Flüchtlings.
 
Reinhard Kleist beweist erneut, dass die Graphic Novel ein geeignetes Medium ist, um komplexe, gesellschaftskritische Geschichten zu erzählen, die zum Weiterdenken anregen können.

Mehr zu Reinhard Kleist im Litrix.de-Magazin
Vorname Name

Von Ralph Trommer, 26.11.2015

Ralph Trommer, Dipl. Animator, freier Autor und Künstler, schreibt für verschiedene Medien regelmäßig Rezensionen und Fachartikel über Comics, Graphic Novels und Filme.