Sparte: Sachbuch

Jürgen Goldstein
Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt.

Sachbuch

Die Meridiane eines abenteuerlichen Lebens - Georg Forster als Weltumsegler, Forscher und Revolutionär

In dem kurzen, ereignisreichen Leben des Naturforschers, Übersetzers, Entdeckers und Revolutionärs Georg Forster (1754-1794) waren zwei Gebiete eng verknüpft, die bis heute meist streng voneinander geschieden bleiben: Politik und Natur. „Freiheit und Naturgewalt“ heißt darum auch der Untertitel der 2015 erschienenen Biographie von Jürgen Goldstein. Während frühere Untersuchungen und Lebensbeschreibungen meist das eine zugunsten des anderen vernachlässigten oder in der Fülle der Ereignisse aus den Augen verloren, gehört für Goldstein beides untrennbar zusammen: „Mit dem Begriffspaar Freiheit und Naturgewalt hält man den Ariadnefaden in den Händen, der durch das Labyrinth von Forsters unstetem Leben führt: von den frühen Naturwahrnehmungen zur politischen Revolution.“  Diesen Faden hatte Goldstein, Philosophieprofessor an der Universität Koblenz-Landau und Spezialist für neuzeitliche Subjektivität und Rationalität, schon früher aufgenommen, in seinem 2013 veröffentlichten Band „Die Entdeckung der Natur. Etappen einer Erfahrungsgeschichte“. Dort hatte er dem neunzehnjährigen Georg Forster, der als Teilnehmer von Cooks zweiter Weltumseglung 1773 Tahiti erreichte, ein eigenes Kapitel gewidmet und ihn unter jene reisenden Schriftsteller und schreibenden Forscher eingereiht, die unsere Wahrnehmung der Natur nachhaltig geprägt hätten.
 
In seinem neuen Buch stellt Goldstein Forsters Lebenslauf und Lebensleistung noch deutlicher in den Kontext seiner Zeit: Geboren 1754 in der Nähe von Danzig und von seinem Vater früh auf weite Reisen an die Wolga sowie auf Cooks Weltumseglung mitgenommen, wächst der wißbegierige junge Mann in einer Epoche auf, in der die Welt noch groß und unerforscht ist und das überlieferte Wissen von neuen Entdeckungen verdrängt wird. Die „Vermessung der Welt“ hat gerade erst begonnen, für Forster geht sie einher mit einer sinnlichen Wahrnehmung der Natur und ihrer Erscheinungen, die mit eigenen Augen gesehen, die selbst ertastest und erspürt werden müssen.
 
Die Lebendigkeit dieser Erfahrungen, der berührten Eisberge und gekosteten exotischen Früchte, schlägt sich in der Lebendigkeit jenes Schreibens nieder, das Forster für Goldstein zu einem der Großen der Reiseliteratur werden läßt, zu einem Ahnherrn späterer, meist berühmterer Entdecker: Alexander von Humboldt habe erst von Forster gelernt, wie man die Natur schildert, und Darwin habe es wiederum von Humboldt gelernt. Dabei sei Forster weder Theoretiker noch Philosoph gewesen, sondern eher ein Essayist, der es sich, nach seinen eigenen Worten, erlaubte, auf „unphilosophische Art zu philosophiren“, und obendrein das Menschenrecht, „inkonsequent und inkalkulabel zu seyn“, für sich in Anspruch nahm.
 
Goldstein lässt diesen ungelesenen Klassiker der deutschen Geistesgeschichte durch Zitate und Auszüge immer wieder selbst zu Wort kommen, das „Profil seiner Erfahrungen und Reflexionen“ hervortreten. Dadurch entsteht ein reiches Panorama seines Lebens und seiner Zeit, eine Art Entwicklungsbiographie, die die Zusammenhänge zwischen Erfahrung und Handlung, Erlebnis und Denken, Natur und Politik durchleuchtet. Goldstein nimmt dafür das ganze umfangreiche Werk in den Blick, „seine bedeutenden Bücher wie die vielen anregenden, mitunter entlegenen Aufsätze, seine Rezensionen und Reden, seine Tagebücher und schließlich seine mehr als tausend Briefe“, um mit deren Hilfe „sein Denken [zu] kartographieren und die Meridiane seines Lebens [zu] bestimmen“.
 
An Ereignissen und Abenteuern mangelt es diesem imposanten Lebensweg jedenfalls nicht: die frühe Übersiedelung mit dem Vater nach England, die dreijährige Fahrt an Bord von Cooks Resolution, die sie dem Südpol so nahe bringt wie niemanden zuvor, die Rückkehr nach Deutschland und die Freundschaften mit Buffon und Benjamin Franklin, Alexander von Humboldt und Georg Christoph Lichtenberg (der Forster einen „Hexenmeister in der Prosa“ nennt), die Auseinandersetzung mit Kant über „Menschenrassen“, die Teilnahme am revolutionären Umbruch in Mainz und dessen Rückeroberung durch preußische Truppen, während Forster als Vizepräsident des Nationalkonvents in Paris weilt, um über den Anschluß an Frankreich zu verhandeln.
 
Gerade in den historischen Ereignissen gewidmeten Passagen, aber auch anhand von Forsters naturkundlichen Schriften kann Goldstein zeigen, was dieser unter „natürlicher Politik“ verstand, warum er „natürliche Revolutionen“ zu Durchbrüchen freiheitlicher Selbstbestimmung erklärte und mit Vulkanausbrüchen und Überschwemmungen verglich, weshalb er den Wechsel der Jahreszeiten auch im Gang der Weltgeschichte wiederfand und den Einfluß des Klimas auf die menschlichen Gesellschaften für entscheidend hielt. Die Kenntnis der Natur, so Forster, sei nicht nur für die bloße Erhaltung des Daseins notwendig, sondern auch für die „Bildung des Geistes und Herzens“ – schließlich habe alles Moralische einen Grund im Physischen. „Die Natur war für ihn weder ein Ideal noch etwas Profanes, sondern eine unmittelbar erfahrbare, überwältigende Kraft.“ Die noch heute spürbare Faszination dieser Erfahrung hat Jürgen Goldstein in seinem Buch eindrucksvoll geschildert.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 20.01.2016

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".