Sparte: Belletristik

Ulrich Peltzer
Das bessere Leben

Roman

"Die Wirklichkeit ist eine Kette von Schnitzern"
Ulrich Peltzers vielschichtiger Gegenwartsroman "Das bessere Leben"

Ulrich Peltzer ist ein Einzelfall in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Ein Autor, der Theoriekenntnis, gesellschaftsdiagnostisches Potential und hohe Erzählkunst zu einem stringenten Ganzen verweben kann. Man wartet auf seine Romane, um aus ihnen etwas über unsere Gegenwart zu erfahren. Sein Roman „Das bessere Leben“ ist, rein technisch gesehen, anschlussfähig an die großen Werke der klassischen Moderne, an Joyce oder Döblin; allein die Bewusstseinslage der Figuren hat sich verändert. Ist die Welt in den vergangenen hundert Jahren komplexer geworden? Oder haben sich die Komplexitätsmuster nur verschoben?
 
In der Hauptsache sind es zwei Figuren, die den Roman tragen; beide sind etwa Mitte fünfzig; beide verdienen ihr Geld im Bereich der globalen Wirtschaft. Sylvester Lee Fleming, in England geboren, in den USA aufgewachsen, mittlerweile überall in der Welt zu Hause, hat, wenn man seiner Visitenkarte glaubt, etwas mit Versicherungen zu tun. Das hat er wohl auch tatsächlich, unter anderem; darüber hinaus ist er aber auch eine Art Geldbeschaffer, der allerdings die Bedürfnisse erst erzeugt, die er dann bedient. Die zweite Hauptfigur heißt Jochen Brockmann. Sein Aufgabengebiet ist weitaus konventioneller; er ist Sales Manager eines finanziell ins Schlingern geratenen italienischen Konzerns, der etwas ganz Konkretes herstellt, nämlich Anlagen zur Beschichtung von Trägermaterialien.
 
Um Brockmann, der wie Ulrich Peltzer selbst vom Niederrhein stammt, und Fleming herum sind eine Vielzahl von Neben- und Halbnebenfiguren angeordnet; Freunde, alte Weggefährten, Familie, Geliebte und Ex-Frauen, ein unendlicher Wirbel von Stimmen, die da aus den verschiedenen Lebensabschnitten heraus sprechen, in den Köpfen von anderen oder persönlich. In harten Schnitten ist das erzählt, mit Einsparungen und Auslassungen. Das ist nicht neu, aber ungemein ausdrucksstark und effektvoll. Um der Gefahr zu entgehen, sein Personal zu bloßen Typen zu degradieren, hat Peltzer seinen beiden Protagonisten eine Geschichte gegeben; im Fall von Sylvester Lee Fleming möglicherweise sogar ein Schicksal.
 
Fleming war Augenzeuge und Beteiligter des Kent-State-Massakers, bei dem die Nationalgarde am 4. Mai 1970 an einer Universität im US-Bundesstaat Ohio vier Studenten erschoss, die gegen die amerikanische Vietnampolitik demonstrierten. Mit einer der Toten, Allison Krause, verband Fleming nicht nur die politische Überzeugung, sondern auch eine große Verliebtheit. Brockmann wiederum, Sohn eines Arztes und einer Ärztin, erinnert sich in Rückblenden an das linksalternative, anarchistisch angehauchte Provinzmilieu seiner Jugend.
 
„Das bessere Leben“ ist kein Wirtschaftsroman und kein Abgesang auf linke Ideale. Peltzer treibt die philosophische Frage um, was einem ökonomisch gesicherten, materiell solide ausgepolsterten Dasein, einem guten Leben also, fehlt, um ein besseres zu werden. Scheinbar so unumstößlichen Kategorien wie Chronologie und geschichtlicher Kausalität misstraut Peltzer zutiefst, „die Wirklichkeit eine Kette von Schnitzern, von Beiläufigkeiten und spontanen Entschlüssen, die sich im Nachhinein, das war den meisten Menschen unbegreiflich, als hieb- und stichfest ... als triftige Verbindung von A nach B ...“ So strömen Flemings Gedanken, während er allein auf dem Bett eines Hotelzimmers in Sao Paolo liegt.
 
Ulrich Peltzer hat das Stilmittel der erlebten Rede zur Perfektion gebracht. Frappierend an „Das bessere Leben“ ist der virtuos gestaltete Wechsel von szenischer Prägnanz und sprachlichen Soundwellen, auf denen es sich über Seiten hinweg dahinsurfen lässt, mitsurfen lässt, bis es urplötzlich wieder ganz konkret, anschaulich wird. Jede Einzelszene ist exakt herausgearbeitet; die Motive sind so sorgfältig miteinander verknüpft wie im Gegensatz dazu die Wegkreuzungen der Figuren zufällig erscheinen. Peltzer fällt keine Urteile. Er will nicht belehren, er stellt dar. Er zeigt Charaktere inmitten von Liebe, Kunst, Politik und Wirtschaftswelt. Und er inszeniert den Prozess einer Bewusstseinsentleerung, ohne in der Hohlheit der Figuren banal zu werden.
 
„Das bessere Leben“ ist exakt der Roman geworden, der er werden sollte. Ein bilderstarkes, überkomplexes, vor allem aber ideologisch offenes Buch. Und mithin, in seiner radikalen Indifferenz gegenüber sämtlichen Haltungen, ein hochpolitisches.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 29.02.2016

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.