Sparte: Sachbuch

Hans Joas
Sind die Menschenrechte westlich?

Sachbuch

Wider die westliche Selbstbeweihräucherung

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“, heißt es so schlicht wie ergreifend in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ von 1948. Doch die Geschichte der Menschenrechte reicht natürlich viel weiter zurück, zunächst in die Aufklärung mit ihren historischen Wegmarken im späten 18. Jahrhundert. Und auch in dieser Epoche haben die Menschenrechte wiederum Wurzeln, die zu den religiösen Ethiken, zur antiken griechischen Philosophie und zu außereuropäischen Denktraditionen zurückführen. Hans Joas konzentriert sich in seinem so pointierten wie zugänglichen Essay „Sind die Menschenrechte westlich?“ mit gutem Grund auf das 18. Jahrhundert und seine Folgen. Für den Soziologen und Sozialphilosophen ist die Geschichte der Menschenrechte in der Moderne aufs Engste verknüpft mit der Geschichte der Folter und der Sklaverei – und mit dem Prozess, den Joas als „Sakralisierung der Person“ bezeichnet.
 
Die Sakralisierung der Person skizziert er als historischen Wandel, in dessen Verlauf „jedes einzelne menschliche Wesen mehr und mehr […] als heilig angesehen“ wurde; wobei das Heilige nicht allein religiös gemeint sei, sondern auch säkulare Werte mit einschließe. Wie schon in seiner umfassenden Studie „Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte“ aus dem Jahr 2011 weist Joas darauf hin, dass die Entstehung der Menschrechte nicht nur als rechtlicher, sondern auch als kultureller Prozess betrachtet werden muss, der nicht einheitlich verlief. Er antwortet an dieser Stelle auf Einwände und fasst zusammen, dass sich Ansätze zur Sakralität der Person schon in der Achsenzeit (800 bis 200 vor Chr.) finden, auch in Indien oder China.
 
Die besondere Stärke des nur 80 Seiten umfassenden Essays liegt aber in der Konzentration auf Sklaverei und Folter, die als systematisch verdrängte Schattenseiten in der Geschichte der Menschenrechte hervortreten. „Keine der hochgeschätzten kulturellen Quellen der angeblichen europäischen Werte bot die Grundlage für einen konsequenten Widerstand gegen Sklaverei“, urteilt Joas – von Platon über die Bibel bis zu Hobbes und Locke wird Sklaverei akzeptiert und gerechtfertigt. Der Sklavenhandel floriert paradoxerweise gerade in jenen Zeitspannen, die Freiheit und Eigentumsrechte stark machen. Je begeisterter Europäer und Amerikaner die Freiheit für sich entdecken, desto gewinnorientierter investieren sie in die Plantagensklaverei an den Grenzen ihrer Reiche, könnte man zuspitzen.
 
Christen waren Teil dieses Prozesses. In Nordamerika etwa wurden „protestantisches Freiheitspathos“ und „rechtliche Rationalisierung der Sklaverei“ aufeinander abgestimmt. Aus der Taufe durften sich keine Ansprüche auf Freilassung ergeben; noch dazu gingen Prediger „gegen mögliche Milde und Nachlässigkeit aufseiten der Sklavenhalter“ vor. Keine religiöse und keine säkulare Tradition habe sich konsequent gegen die Sklaverei gestellt, so Joas; zwar gebe es ein Potenzial für die Sakralisierung der Person in allen Religionen und Philosophien – und damit für den moralischen Universalismus, einem Denken also, das allen Menschen die gleichen Rechte zubilligt. Dieses Potenzial sei aber immer wieder stillgelegt worden. „An die Stelle der retrospektiven Selbstfeier einer Tradition muss deshalb ein genaues Verständnis treten, wie das oft unwirksame Potenzial mobilisiert werden kann“, lautet das Fazit. Mit Nachdruck verweist Joas auf die blinden Flecken westlicher Selbstwahrnehmung – und auf eine Janusköpfigkeit, die Menschenrechte nur für einige wenige gelten ließ.
 
Neben der Sklaverei rückt die Folter in den Fokus: Auch wenn sie im 18. Jahrhundert offiziell abgeschafft wurde, war Folter in den europäischen Kolonien noch lange etabliert. „Die Errungenschaften der europäischen Freiheits- und Rechtsgeschichte“, führt der Soziologe aus, kamen für die „Bevölkerung der europäischen Kolonien gerade nicht zur Geltung“. Folter erweist sich dabei als höchste und brutalste Form der kolonialen Gewalt; entscheidend ist, dass sie systematisch eingesetzt wurde, wie Joas mit Blick auf die französische Algerienpolitik vermerkt. Während in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg mit großer Geste für Demokratie und Menschrechte geworben wurde, ging man in den Kolonien den umgekehrten Weg. „Scheinheiligkeit“ wäre das emotionalere Stichwort, das sich zur Charakterisierung des europäischen Selbstverständnisses aufdrängt; Joas’ Ausführungen bleiben allerdings stets nüchtern und präzise. Gerade weil der Autor sich der Polemik enthält, wirkt sein Essay umso eindrücklicher nach.
 
Abschließend kommt Joas noch einmal auf die „Allgemeine Erklärung“ von 1948 zu sprechen – und auf den Umstand, dass dieser Text als Frucht „westlicher Denktraditionen“ gilt. Der Soziologe verweist dagegen auf die Rolle nicht-europäischer Mitglieder der Kommission; generell hob die Philosophengruppe, die an der theoretischen Grundlage der Menschenrechte arbeitete, gerade die Vielfalt kultureller Ansätze hervor. Von einem „Oktroi des Westens“, so Joas, könne keine Rede sein. Wir müssen aus unserer Gewaltgeschichte lernen, schließt der Autor, und Überlegenheitsgesten überwinden. Kritisch merkt er an, dass im Diskurs über die europäischen Werte häufig der „Tonfall sicheren Besitzes“ bestimmend sei. Sein schmaler Band erhebt eine Forderung, die ins Herz des europäischen Selbstverständnisses trifft: Selbstkritik statt Triumphalismus. 
Jutta Person

Von Jutta Person, 30.04.2016

Jutta Person ist Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, sie schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" und "Die Zeit". Beim "Philosophie Magazin" betreut sie als Redakteurin das Ressort Sachbücher.