Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Elisabeth Steinkellner
Rabensommer

Roman

Ein blutendes Herz - Elisabeth Steinkellners beeindruckender Debütroman über das Erwachsenwerden

„Ronja riecht süß, sie riecht nach Vanille, sie riecht nach einer lauen Sommernacht, wie heute eine ist.“ So trunken vor Glück schwärmt Ronjas beste Freundin Juli, als die Welt der beiden Mädchen und ihrer Freunde Niels und August noch im Lot ist. Juli hat gerade ihre Abiturprüfungen bestanden und befindet sich auf jener Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt, die sensibel und hungrig auf die Liebe macht. In der Beziehung zu Niels gibt es jedoch erste atmosphärische Störungen, etwas, das man spüren kann, das aber noch nicht ausreichend Realität geworden ist, um es in Worte zu kleiden.
 
Ein fragiles Moment, um das sich Elisabeth Steinkellners Roman „Rabensommer“ auf immer wieder andere Weise dreht. Niels verliebt sich in ein anderes Mädchen, und Freundin Ronja zieht nach London. So wird August zu ihrem Vertrauten, aber als sie den Freund in einer fremden Wohnung antrifft, wird offenbar, dass August ein Geheimnis umgibt. Das Leben hält Überraschungen für Juli bereit, die ebenso erregend wie ängstigend sind. Elisabeth Steinkellner besitzt eine Sprache, um die Untiefen dieser Ambivalenz auszumessen.
 
Man ist mit dem Reifezeugnis zum Erwachsenen erklärt worden, aber das Leben hat diese Reife noch nicht eingelöst. Die Österreicherin beschreibt den Prozess des Erwachsenwerdens in seiner schmerzhaften, aber auch lustvollen Komplexität. Wir schauen Juli zu, wie sie selbständig wird, in die große Stadt zum Studieren zieht, wie sie sich eine eigene Wohnung sucht, sie zusammen mit der Freundin renoviert und erste Kontakte knüpft. Eine junge Frau, die ihren Weg geht, und dabei sensibel und dünnhäutig bleibt. Das Scheitern der ersten Liebe setzt ihr zu, und verwirrend bleiben auch die Männer, die zwischen ihren Bedürfnissen nach Nähe und Distanz nie berechenbar sind.
 
So fällt Juli in einen Zustand der Melancholie, heute spricht man von Depression, aber in diesem Begriff ist nicht das Gefühl enthalten, an einem blutenden Herzen zu leiden. Glüht der Roman in seiner ersten Hälfte noch vor Lebenslust, beglückenden Freundschaftsgefühlen und Erotik, tröpfelt die Sprache im zweiten Teil in Tagebucheinträgen dahin, die Julis Schwermut greifbar werden lassen. Die Achterbahn der Gefühle ist vom Gipfel in die Tiefe gerast, nun kommen die Selbstzweifel der Verlassenen ans Tageslicht. Juli kämpft sich stumpf durch den Alltag, und Elisabeth Steinkellner zeigt uns, wie aus einer bloßen Protagonistin eine Heldin wird.
 
Das moderne, selbstbestimmte Leben, in dem es den Menschen auf den ersten Blick an nichts fehlt, besitzt noch eine andere, von Einsamkeit und psychischer Not gezeichnete Seite. Juli findet aus diesem Tal wieder heraus, eine neue, ganz andere Liebe entzündet sich. Obwohl Elisabeth Steinkellner die klassischen Vorgaben des Entwicklungsromans erfüllt, wirkt nichts an ihrer Prosa konstruiert oder dramaturgisch forciert. „Rabensommer“ präsentiert sich aus einem Guss. Ein Debüt, das der deutschen Jugendliteratur eine neue unverwechselbare Stimme beschert. Ein klarer Handlungsverlauf und das Horchen auf zarte Herzensregungen müssen sich eben nicht ausschließen.
 
Die Aufrichtigkeit dieser Prosa erinnert an das ebenfalls beeindruckende Debüt von Lara Schützsack „Und auch so bitter kalt“ ein Jahr zuvor. Auch sie folgte unbeirrbar den Wegen ihrer Protagonistin, die in den Sog der Melancholie geriet. In diesem Jahr erweist sich hingegen „Rabensommer“ als bedeutendster Roman, den die deutschsprachige Jugendliteratur zu präsentieren hat.
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 31.03.2016

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.