Buch-Cover
Eine eigene Sprache

Mit einem auffälligen Cover kann ein Buch aus der Masse hervorstechen.
Mit einem auffälligen Cover kann ein Buch aus der Masse hervorstechen. | © Frankfurter Buchmesse/Marc Jacquemin

Tausende Bücher werben jährlich um die Gunst der Leser. Ein ansprechendes Cover zieht die Aufmerksamkeit auf sich – doch ist es wirklich ausschlaggebend für den Kauf?

„An den Autor kann ich mich nicht mehr erinnern, aber das Cover war blau“. So stand es auf Kärtchen in einer Schaufenster-Aktion der Marburger „Buchhandlung am Markt“. Ein so ironischer wie vieldeutiger Hinweis auf Kundengepflogenheiten und Buchhändlernöte: Denn erstens kündet die Aktion von der besonderen Signalfunktion der Buchgestaltung, zweitens von der schwierigen Recherchearbeit der Buchverkäufer, denn die Erinnerung erweist sich nicht selten auch noch als falsch. Das weiß auch Agnes Bötticher, die Geschäftsführerin der Marburger Buchhandlung: „Das Cover ist aber ein wichtiges Merkmal“, sagt sie, „es ist das, was den Leser zum Buch lockt.“ Und so kam sie auf die Idee, ihr Schaufenster mal mit grünen, mal mit roten, mal mit blauen Büchern zu dekorieren. Jedes Genre habe seine eigene Cover-Sprache, ergänzt Claudia Ordelmanns, Chefin der Hugendubel-Filiale in Frankfurt am Main. „Thriller sind immer sehr dunkel gehalten, das ist quasi deren Erkennungsmarke.“

Am Anfang jedes Covers stehen seine Macher, die Designer, Illustratoren, Grafiker. Ihr Ziel lautet: Im besten Fall sieht der Käufer dem Buch am Cover an, worum es geht und in welchem Stil es geschrieben ist. Für den Leser müsse der Unterschied zwischen Spannungsliteratur und Liebesroman auf den ersten Blick erkennbar sein, findet Tilman Göhler vom Münchner Verlag Antje Kunstmann. Dementsprechend werde bei Liebesgeschichten mehr mit verwaschenen Fotos und weich gezeichneten Bildern gearbeitet. Zusätzlich erhält der Schrifttyp eine besondere Bedeutung.

Roter Stoeckelschuh mit Signalwirkung

Die Erfahrung zeigt, dass gerade Liebesgeschichten auf dem Cover einen etwas plakativeren Umgang gut vertragen. Konstanze Berner, Art-Direktorin im Verlag C. H. Beck, erinnert sich an die Negativ-Reaktionen auf das Cover des Romans Souvenirs des französischen Bestsellerautors David Foenkinos. Es zeigt die Rückenansicht eines Paars bei aufgehender Sonne über dem Eiffelturm. „Der Spiegel schrieb damals“, erzählt Berner, „dass man sich diese Plattitüde hätte sparen können“. Dem kommerziellen Erfolg aber tat das keinen Abbruch. „Wir verkauften von der ,Plattitüde‘ sogar mehr Exemplare als von den anderen Foenkinos-Romanen.“ Die Verweildauer des Kundenblicks auf den Umschlag ist eben kurz. Titel und Autor werden oft gar nicht wahrgenommen. „Da merke ich mir eher, wenn dort ein roter Stöckelschuh abgebildet ist“, meint Berner.

Das klingt nun aber gerade so, als könne man mit einem attraktiven Cover jedes Buch gleich welcher Qualität verkaufen. Das jedoch wollen weder Tilman Göhler noch Konstanze Berner so stehen lassen. Für Berner gilt der Grundsatz: „Wir verkaufen Texte und keine Bilder.“ Göhler hat es noch nie erlebt, dass sich „ein schlechter Text mit einem guten Cover zufriedenstellend verkaufen lässt.“ Allerdings gibt es Fälle, bei denen ein an sich gutes Buch durch eine schlechte Umschlaggestaltung sein Verkaufspotenzial verdirbt. Claudia Ordelmanns erinnert sich an den Jugendroman Wie viel Leben passt in eine Tüte? von Donna Freitas. Der Verlag hatte das Cover in Weiß mit goldener Schrift gestaltet und erreichte nicht die Verkaufszahlen, die aus Sicht der Buchhändlerin möglich gewesen wären. „Weiß und Gold ist vor allem im Jugendbuch-Bereich nicht tragbar. Da sind wir sofort bei Theologie.“

Vieles ist erlaubt

Jährlich kommen rund 10.000 Neuerscheinungen auf den deutschen Buchmarkt. Es fällt schwer, auf den Covern klare Trends zu erkennen. Vieles scheint möglich: die Illustration, das Foto, der einfarbige und der quietschbunte Hintergrund, Figuratives und Abstraktes. Aber es gibt Tendenzen. Tilman Göhler macht auf die Ausschnitte von großen Gemälden der Kunstgeschichte aufmerksam, die sehr beliebt seien. Konstanze Berner erinnert an das Ritual, nach Verfilmungen literarischer Vorlagen Neuauflagen mit dem Filmplakat als Cover-Bild zu drucken. Auffällig ist der große handwerkliche Aufwand bei der zeitgenössischen Buchgestaltung. Da werden zum Beispiel neue Drucktechniken angewendet oder Scherenschnittmuster platziert. Oft wird auch mit Reliefprägung, Glanzlack und Leuchtfarbenoptik gearbeitet.

Die Beispiele zeigen vor allem eines: die starke verlegerische Aufmerksamkeit und Sorgfalt, die in Deutschland der Covergestaltung entgegengebracht wird. Im Gegensatz beispielsweise zu Frankreich. Dort regierte bis vor Kurzem noch die sogenannte Blanche, der schlicht elfenbeinfarbene, weiche Einband der Marke Gallimard. Und in Großbritannien? „Was Farbeinsatz und Gestaltungslust angeht, ähnelt das Programm dem deutschen“, meint Tilman Göhler. „Aber technisch ist es nicht von gleicher Qualität. In der Covergestaltung ist Deutschland einfach führend.“

Autor
Martin Maria Schwarz arbeitet als Redakteur und Moderator in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.
März 2015