Eröffnung in Kairo
Neuer Litrix-Schwerpunkt Arabische Welt 2015-2017

Ricarda Junge in Kairo
Ricarda Junge | © Mohamed Samaha / Goethe-Institut Kairo

Mit einer Lesung von Ricarda Junge aus ihrem Roman „Die letzten warmen Tage“ und einer Vorstellung des Litrix-Programms wurde der neue Schwerpunkt im Rahmen des Cairo International Literature Festivals eröffnet.

Für den Austausch von Wissen und Kultur zwischen Deutschland und der arabischen Welt will sich in den kommenden drei Jahren das Übersetzungsförderungsprogramm Litrix.de des Goethe-Instituts einsetzen. Litrix.de existiert seit 2003 und ist Teil des Bereichs „Literatur und Übersetzungsförderung“ in der Zentrale des Goethe-Instituts in München. Im Drei-Jahresrhythmus konzentriert sich das Programm jeweils auf eine bestimmte Sprache. Bislang hat Litrix.de die Übersetzung von rund 100 Titeln der bisherigen Schwerpunktsprachen Arabisch (2004-2005), Chinesisch (2005-2006), Portugiesisch: Brasilien (2007-08), Spanisch: Hispanoamerika/Argentinien (2009-2011) und Russisch (2012-2014) gefördert. Von Anfang 2015 bis Ende 2017 steht nun erneut die arabische Welt im Fokus.

Der Startschuss für den Litrix-Schwerpunkt Arabische Welt 2015-2017 fiel Ende Februar 2015 in Kairo. In der Buchhandlung Kotob Khan in Maadi drehte sich einen Abend lang alles um Übersetzungen und das Förderprogramm. Zu Beginn gab die Übersetzerin Dr. Cherifa Magdi einen Einblick in die historischen Hintergründe der Übersetzungsbewegung vom Deutschen ins Arabische.

In Ägypten eröffnete die erste Übersetzungshochschule im Jahr 1835. Ausgangssprache war damals das Französische und primär wurden Militärhandbücher und naturwissenschaftliche Schriften übersetzt, wie Cherifa Magdi erklärte. Etwa um 1920 wurden „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang von Goethe ins Arabische übersetzt, und aus dieser Zeit stammt wohl auch eine Übersetzung des "Faust". „Der Quantensprung in der Übersetzung aus dem Deutschen kommt in den 1960er-Jahren“, sagt Cherifa Magdi. Doch bis heute gebe es ein Problem mit der Bibliographie und der Lexikographie. Es fehle an guten, modernen Deutsch-Arabischen Wörterbüchern. „Es ist immer noch erforderlich, über das Englische oder Französische zu gehen, um unbekannte Wörter zu erforschen“, sagt die Übersetzerin. Bis heute werde, vor allem im Bereich der Psychologie und der Philosophie, noch oft vom Englischen und Französischen ins Arabische übersetzt statt direkt aus dem Deutschen. Das Problem gebe es auch in der Belletristik, so sind zum Beispiel von 14 arabischen Hermann Hesse-Übersetzungen nur drei direkt aus dem Deutschen vorgenommen worden.

Hier setzt das Litrix.de-Programm an. „Schon der allererste Förderschwerpunkt 2004 bis 2005 war Arabisch, und wir sind gespannt, was sich in der Zwischenzeit entwickelt hat“, sagt Shoshana Liessmann von Litrix.de. Es geht um den literarischen Austausch zwischen Deutschland und der arabischen Welt. Auf einem eigens dafür eingerichteten Literaturportal – www.litrix.de – wird in den kommenden drei Jahren zeitgenössische deutschsprachige Literatur vorgestellt. Die Titel-Auswahl trifft eine deutsch-arabische Jury. Jeweils im Frühjahr und im Herbst trifft eine deutsche Kritikerjury eine erste Vorauswahl aus den deutschsprachigen Neuerscheinungen, aus der die arabischen Literaturkenner dann in einem zweiten Schritt  die zehn bis zwölf Titel auswählt, die im Laufe des Jahres auf der Website präsentiert werden. So werden auf www.litrix.de in den kommenden drei Jahren laufend neue Titel vorgestellt .

Die Jury wählt Titel aus drei Sparten aus: Belletristik, Sachbuch und Kinder-/Jugendbuch. Zu jedem Buch gibt es auf dem Portal auf Deutsch, Englisch und Arabisch jeweils eine ausführliche Buchbesprechung, umfangreiche Leseproben von bis zu 15 Seiten, Autorenporträts und Informationen zu den Verlagen. „Es ist wichtig, dass sich die interessierten Verleger einen eigenen Eindruck verschaffen können von der Sprache und dem Rhythmus eines Buches“, sagt Shoshana Liessmann. Über die Website können sich interessierte Verleger dann direkt mit der Lizenzabteilung des deutschsprachigen Verlags  in Verbindung setzen, um sich nach den Übersetzungsrechten zu erkundigen.

Das Übersetzungsförderungsprogramm von Litrix.de übernimmt die Kosten für die Übersetzung ins Arabische und gewährt auch einen Zuschuss zu den Lizenzkosten. „Wir hoffen natürlich, dass wir bald viele Bücher in arabischer Übersetzung vorliegen haben“, sagt Shoshana Liessmann. Doch die Förderung und der Austausch hören nicht bei der Übersetzung auf. Sobald ein Buch ins Arabische übersetzt ist, bemüht sich Litrix.de in enger Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten in der Region darum, das arabische Publikum in direkten Kontakt mit den deutschen Autoren und ihren Bücher zu bringen, zum Beispiel auf Buchmessen in der arabischen Welt und bei Lesungen. „Der Austausch ist uns sehr wichtig“, sagt Shoshana Liessmann.

Dieser Austausch begann schon beim Startschuss des Förderprogramms in Kairo in der Buchhandlung Kotob Khan. Die deutsche Autorin Ricarda Junge las aus ihrem Roman „Die letzten warmen Tage“, einem der aktuell auf Litrix.de vorgestellten Bücher. Der Roman handelt vom geteilten Deutschland und erzählt davon, was es mit einem Land macht, wenn politische Systeme in Familien eingreifen. „Ich hoffe, Sie mit meiner Lesung für die deutsche Sprache begeistern zu können“, sagte die Autorin an das Publikum gerichtet.

Doch wie war es für sie, die Übersetzung ihres Textes ins Arabische zu hören? „Ich habe jetzt das Gefühl, ich verstehe Arabisch“, antwortet die Autorin auf die Frage und lacht. Denn tatsächlich bemerkte Ricarda Junge während der arabischen Lesung ganz richtig, dass ein anderer Teil gelesen wurde als der, den sie zuvor auf Deutsch gelesen hatte. Übersetzungen seien ja immer Übertragungen in eine andere Sprache, in der Wörter oft einen anderen Resonanzrahmen hätten, sagte Shoshana Liessmann. Bisher gibt es zwei Übersetzungen von Romanen der Autorin Ricarda Junge, eine ins Französische und eine ins Schwedische. „Vom Französischen habe ich gar nichts mitbekommen, aber im Schwedischen gab es einen regen Austausch mit dem Übersetzer“, sagt Ricarda Junge. Es sei eine großartige Erfahrung gewesen, so eng mit dem Übersetzer zusammenzuarbeiten. Manche Phrasen und Redewendungen ließen sich einfach nicht übersetzen. „Mir ist dabei klar geworden, dass es tatsächlich ein anderes Buch geworden ist.“
 

Autorin
Amira El Ahl, lebt und arbeitet als Journalistin und Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten in Kairo.
Februar 2015