Übersetzerresidenzen
Weltweite Botschafter für deutsche Literatur

Das Festspielhaus in Dresden-Hellerau; Foto: Shoshana Liessmann
Foto: © Shoshana Liessmann

Übersetzer stehen nur selten im Rampenlicht trotz ihrer Bedeutung für den Literaturbetrieb. „Bücher übersetzen – Brücken schlagen“ lautet das Motto eines Residenzprogramms, das an zwei außergewöhnlichen Orten Übersetzern Arbeitsaufenthalte in Deutschland ermöglicht und damit auch deren literarische und interkulturelle Leistung in den Fokus rückt.

Goldgelbe Getreidefelder, der Ostseestrand und ein malerischer Gutshof bilden den ungewöhnlichen Rahmen einer Übersetzerresidenz im ostholsteinischen Siggen. Das bewirtschaftete Anwesen ist im Besitz der Hamburger Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., die seit den 1970er-Jahren vor allem das historische Herrenhaus und mittlerweile auch einen Neubau regelmäßig als Forum für europäische Begegnungen, interdisziplinäre Sommerakademien, Seminare und Kammerkonzerte nutzt. Das Besondere an diesem Miteinander von Seminarzentrum und landwirtschaftlichem Betrieb ist auch das Konzept, sämtliche erwirtschafteten Erträge des Hofs direkt in Kulturförderung umzumünzen.

Gut Siggen: Begeisterung für den einzelnen Übersetzer

Das Herrenhaus auf Gut Siggen; Foto: Shoshana LiessmannSeit 2008 bietet die Stiftung Literaturübersetzern während der Sommermonate die Möglichkeit eines Arbeitsaufenthalts in Siggen. In einem ruhigen, backsteinernen Nebengebäude befindet sich die ehemalige Chauffeurswohnung, die inzwischen umgebaut als Stipendiatenwohnung dient. Ansgar Wimmer, Stiftungsvorstand, erinnert sich an die Anfänge des Residenzprogramms: „Wir haben uns bewusst für eine Übersetzerresidenz entschieden, denn Übersetzer werden nach wie vor zu wenig wahrgenommen. Gerade das Übersetzen von Literatur ist eine Leistung, die wir besonders wertschätzen und die zu unseren Stiftungsanliegen passt“. Auswahlkriterien sind aber nicht nur das jeweils geplante Übersetzungsvorhaben und die berufliche Erfahrung der Stipendiaten. „Es liegt uns vor allem daran, die besondere Biografie einer Person zu fördern. Deshalb suchen wir gezielt Übersetzerpersönlichkeiten“, erklärt Wimmer und zitiert den rumänischen Philosophen Andrei Plesu: „Kultur ist die Aufmerksamkeit für den Einzelnen, die Begeisterung am Unikat.“

Nebengebäude auf Gut Siggen; Foto: Shoshana LiessmannMittlerweile hatten Übersetzerinnen und Übersetzer zumeist aus dem europäischen Ausland die Gelegenheit, in Siggen an der Übertragung belletristischer Werke aus dem Deutschen in andere Sprachen zu arbeiten. Während ihrer rund zweimonatigen Aufenthalte können die Stipendiaten ebenfalls an dem Seminar- und Kulturangebot in Siggen teilnehmen und werden von dem Team vor Ort umsorgt. Vor allem bietet die ländliche Umgebung trotz des geschäftigen Treibens von Traktoren und Mähdreschern beste Voraussetzungen für ein konzentriertes literarisches Arbeiten.

Dresden-Hellerau: Anknüpfen an literarische Traditionen

Mit einem ganz besonderen Flair kann auch ein zweites Residenzprogramm aufwarten, das seit 2009 in Hellerau Übersetzern Arbeitsaufenthalte ermöglicht. Heute ein Stadtteil von Dresden, wurde Hellerau 1909 als erste Gartenstadt Deutschlands erbaut. Das kulturelle Herz der Siedlung bilden nach wie vor das imposante Festspielhaus und die gegenüberliegenden Pensionärshäuschen, in denen mittlerweile unter anderem die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen sowie Ateliers und Stipendiatenwohnungen untergebracht sind.

Das Pensionärshäuschen in Dresden-Hellerau, in dem die Stipendiatenwohnungen untergebracht sind; Foto: Shoshana Liessmann„Dresden und Hellerau können auf eine wichtige literarische und verlegerische Vergangenheit zurückblicken. Bis 1914 versammelten sich hier viele bekannte Vertreter der europäischen Kulturelite, darunter auch die Schriftsteller Franz Kafka, George Bernard Shaw und Stefan Zweig“, erzählt Manuel Frey, stellvertretender Direktor der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen. „Um 1912 gründete der Übersetzer Jakob Hegner einen „Hellerauer Verlag“, der Werke von Theodor Haecker und Übersetzungen von Paul Claudel veröffentlichte. Leider gibt es diesen Verlag nicht mehr.“ Auf der Suche nach neuen Förderformaten fiel das Augenmerk der Stiftung in Anlehnung an diese Tradition schnell auf Literaturübersetzer, eine Gruppe, die nach Freys Worten trotz ihrer offensichtlichen Bedeutung für den Literaturbetrieb immer noch unter schwierigen Bedingungen arbeiten muss. 


Mit der Übersetzerresidenz in Hellerau möchte die Stiftung diese Gruppe gezielt unterstützen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung osteuropäischer Übersetzer sowie der Übersetzung von Wendeliteratur, die sich mit der ehemaligen DDR auseinandersetzt. Der Standort bietet Übersetzern viele Möglichkeiten, sich direkt auf die Spuren der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte zu begeben. Darüber hinaus nutzen die Stipendiaten den Aufenthalt, um sich mit Verlagen, Autoren und anderen Übersetzern zu vernetzen. Die direkte Nachbarschaft von Stipendiatenwohnung und Stiftungssitz und die damit verbundene Möglichkeit zu Gesprächen und gemeinsamen Mittagessen empfinden sowohl die Stipendiaten als auch das Team der Mitarbeiter als große Bereicherung. „Übersetzer sind Botschafter“, sagt Manuel Frey. „Sie machen weltweit auf deutschsprachige Literatur aufmerksam. Der Aufenthalt in Hellerau soll darüber hinaus anregen, die sächsische Literaturszene zu entdecken.“

Bücher übersetzen – Brücken schlagen ist ein europäisches Übersetzer-Residenzprogramm des Goethe-Instituts in Kooperation mit der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und bietet professionellen Literaturübersetzern aus dem Ausland ein Arbeitsstipendium in den Orten Siggen und Hellerau in Deutschland an.

Shoshana Liessmann
lebt als freie Journalistin und Dozentin in München.Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion 
Oktober 2012

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