Kafka in der Arabischen Welt
Literaturgespräch auf der Leipziger Buchmesse

Kafka in der Arabischen Welt
© Arte

Franz Kafka ist einer der international wirkmächtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Aber was genau fasziniert die arabischen Leser am Werk und an der Person Kafkas, welche Rolle spielen seine Texte gegenwärtig für ästhetische und intellektuelle Positionsbestimmungen im arabischen Sprach- und Kulturraum? 

Über die aktuelle Lesart Kafkas und seines Werks in der arabischen Welt diskutierten die Kairoer Literaturwissenschaftlerin Hebatallah Fathy und der Münsteraner Komparatist Abdo Abboud auf der Leipziger Buchmesse 2016.

Der Prager Schriftsteller Franz Kafka erlangte nach seinem Tod weltweite Anerkennung – auch in der arabischen Welt. Das überrascht nicht, denn auch andere deutschsprachige Schriftsteller, wie Goethe, Heidegger oder Walter Benjamin, werden auf Arabisch gelesen. Bemerkenswert ist jedoch, dass das Interesse an Kafkas Werken in den arabischsprachigen Ländern seit einiger Zeit eine Renaissance erlebt. Zur Jahrtausendwende erschien eine neue Übersetzung all seiner Schriften ins Arabische und die Übersetzung der umfangreichen dreibändigen Kafka-Biografie von Reiner Stach ist für die nächsten Jahre geplant.

Hat sich die Rezeption Kafkas nach dem Arabischen Frühling verändert? Hat das Interesse an seinen Werken in der Arabischen Welt zugenommen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Podiumsgespräch des Übersetzungsförderungsprogramms „Litrix.de“, zu dem Dr. Hebatallah Fathy, Juniorprofessorin für Neuere Deutsche Literatur und Literaturübersetzerin (Kairo), und Abdo Abboud, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft (Damaskus/Münster), an den ARTE-Stand auf der Leipziger Buchmesse 2016 eingeladen waren. Die Moderation übernahm Anne-Bitt Gerecke von Litrix.de (Goethe-Institut, Berlin).

Neuübersetzungen ebnen breiterer Kafka-Rezeption den Weg

Hebatallah Fathy begegnete Kafka und seinen Konzepten des „Kräftegleichgewichts“ und der „sozialen Phobie“ erstmals während ihres Studiums an den Universitäten in Kairo und Wien. Abdo Abboud hat sich im Rahmen seiner Doktorarbeit "Deutsche Romane im arabischen Orient" intensiv mit Kafka auseinandergesetzt und beschreibt ihn als einen der am häufigsten ins Arabische übersetzten Schriftsteller. In der Vergangenheit seien Kafkas Schriften oft vom Englischen – und  nicht direkt aus dem Deutschen – ins Arabische übersetzt worden, wodurch das Verständnis seines Werks in diesem Sprachraum lange mangelhaft geblieben sei. Jetzt, da Verlage jedoch Wert darauf legten, Übersetzungen auf Grundlage der Originalsprache anfertigen zu lassen, werde Kafkas Stimme klarer denn je gehört.

Hebatallah Fathy wies darauf hin, dass das Aufkommen der Online-Literaturkritik und die steigende Anzahl von Übersetzern ebenfalls dazu beigetragen hätten, die Qualität von Übersetzungen zu verbessern. Daher werde die „kafkaeske Erfahrung“ dem arabischen Leser nun umfassender und in leichter zugänglicher Form vermittelt und bleibe nicht länger einer kleinen Elite vorbehalten, die der deutschen Sprache mächtig ist.

Kafkas Protagonisten laden junge Leser zur Identifikation ein

Anne-Bitt Gerecke fragte nach dem Grund für die außergewöhnliche Resonanz, die Kafkas Ideen in der arabischen Welt finden, und ob dies im Zusammenhang mit den jüngsten politischen Veränderungen in der Region stehe. Die Schriften Kafkas, so Abboud, seien natürlich keine politischen, sondern literarisch-künstlerische Arbeiten, die sich aber mit der Seite im Menschen befassten, die von politischen und sozialen Umständen beeinflusst werde. Als Beispiel nannte er den Roman Der Prozess: Zweifellos könne sich die Jugend, die am arabischen Frühling teilgenommen, sich gegen die Diktaturen aufgelehnt und das Grauen des Krieges in ihrem Land erfahren habe, in Kafkas Protagonisten Josef K. wiedererkennen, dem grundlos der Prozess gemacht wird; oder auch in Gregor Samsa, der Hauptfigur aus Kafkas Roman Die Verwandlung, die eines Tages aufwacht und feststellen muss, dass sie sich in ein riesiges "Ungeziefer" verwandelt hat. Im Gegensatz dazu sei beispielsweise dem Roman Das Schloss in der arabischen Welt eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden.

Der ästhetische Reichtum und die Universalität von Kafkas Texten

Das Interesse an der Person Kafkas zeige sich auch in der Begeisterung, mit der seine Briefe in der Arabischen Welt gelesen werden. Den Grund dafür vermutet Abdo Abboud darin, dass Kafka stark von der ihn umgebenden patriarchalischen Gesellschaft geprägt war – auch damit könne sich die Jugend in der arabischen Welt identifizieren. Hebatallah Fathy hingegen betonte den ästhetischen Reichtum in Kafkas Schriften, der einen großen Freiraum für ganz unterschiedliche persönliche, gesellschaftliche und politische Lesarten lasse. Viele arabische Schriftsteller seien von Kafka beeinflusst worden und einige Übersetzer hätten ihn einfach aus großem persönlichen Interesse heraus übersetzt. Was Kafka jedoch vor allem auszeichne sei ihrer Meinung nach seine Universalität, die dazu führe, dass seine Schriften auch nach einem Jahrhundert noch immer und überall aktuell sind.


Amira Elmasry
Übersetzung: Jana Duman