ViceVersa: Deutsch-Arabische Übersetzerwerkstatt
Der Dialog geht weiter: "Wir Übersetzer sitzen doch alle im selben Boot"

Vice Versa Übersetzerwerkstatt im Literaturhaus München
Vice Versa Übersetzerwerkstatt im Literaturhaus München | © Goethe-Institut

Nach der positiven Resonanz auf die deutsch-arabische ViceVersa-Übersetzerwerkstatt im Juli 2017 haben sich alle Beteiligten –  das toledo-Programm der Robert Bosch-Stiftung, der Deutsche Übersetzerfonds, das Literaturhaus München, das Litrix-Programm des Goethe-Instituts und die beiden Seminarleiterinnen, Leila Chammaa und Hebatallah Fathy – für eine Neuauflage der Werkstatt im Mai 2018 erneut zusammengetan.

Aus der Fülle der eingegangenen Bewerbungen ergab sich eine in jeder Hinsicht vielfältige Gruppenzusammensetzung: die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für beide Sprachrichtungen war ausgewogen, mehrere arabische Länder waren vertreten und schließlich wurde eine große Bandbreite an Textsorten besprochen, die sehr unterschiedliche Facetten der Übersetzungsarbeit zeigten.
 
Als "Warm-Up" gab es zu Beginn jedes Tages den Block „Grundsätzlich am Morgen“  mit kurzen Impulsreferaten zu generellen Themen wie „kulturelle Kontexte & unterschiedliche Konnotationen“ oder „Zerstörung und Aufbau in der übersetzerischen Textgestaltung“.  In der anschließenden Diskussion wurden die Teilnehmer für sprachliche und stilistische Phänomene sensibilisiert, ihr jeweiliges Vorwissen wurde aktiviert und an verschiedenen  Beispielen wurden mögliche Ansätze durchgespielt, wie mit den genannten übersetzerischen Herausforderungen umgegangen werden könnte.
 
Gleichzeitig stimmte die Einheit "Grundsätzlich am Morgen" auf die anschließende Textarbeit ein: hier diskutierte Aspekte begleiteten den Austausch über die von den Teilnehmern übersetzten Texte und regten Perspektivwechsel sowie Reflexionen über unterschiedliche Übersetzungsstrategien an. Dabei ging es u.a. um den Umgang  mit kulturspezifischen Konnotationen in den beiden Sprachen, um das Finden einer  passenden Protagonistenstimme, das adäquate Verhältnis zwischen Text und Bild bei der Übersetzung eines arabischen Comics ins Deutsche oder aber um die Freiheiten bei der Übersetzung von Lyrik.
 
Denn so unterschiedlich die Herangehensweisen an Belletristik, Kinderbuch, Comic oder Sachbuch auch sein mögen, eines ist ihnen allen gemeinsam: in der Übersetzungsarbeit stellen wir Übersetzer uns bestimmte Fragen, die uns den Ablauf von Übersetzungsprozessen vergegenwärtigen und diese beschreibbar machen. Das vermittelte allen Teilnehmenden das Gefühl, dass wir – trotz der einsamen Arbeit des Übersetzers – doch alle „im selben Boot sitzen"; eine Metapher, die uns durch die gesamte Werkstatt begleitete.
 
Die Veranstaltung „Ton, Stil und Haltung“ mit dem renommierten Übersetzer Frank Heibert griff genau diese Fragen auf: Wie gelingt es mir als Übersetzerin oder Übersetzer, den Ton des Originaltextes aufzuspüren? Welche Stimme spricht im Originaltext zu mir? Mit welchen sprachlichen Mitteln der Zielsprache kann ich diese Haltung wiedergeben? Es blieb aber nicht bei der Theorie: Viele Beispiele veranschaulichten mögliche Herangehensweisen, und praktische Fingerübungen ermöglichten es, die übersetzungskritischen Überlegungen Frank Heiberts unmittelbar anzuwenden.
 
Wie im letzten Jahr bemühten sich die Organisatorinnen auch in diesem Jahr um die Einbindung praxisbezogener Aspekte der Übersetzung in die Werkstatt: So berichtete Mahmoud Hassanein über die Rezeption von Übersetzungen aus dem Deutschen in der arabischen Welt. Neben statistischem Material zum arabischen Buchmarkt, dem Anteil von Übersetzungen aus dem Deutschen und den einschlägigen Verlagen präsentierte Hassanein auch verschiedene Vermittlungs- und Förderinstitutionen des deutsch-arabischen Literaturaustauschs. Auch seine persönlichen Erfahrungen als Übersetzer von deutschsprachigen Kinderbüchern kamen zur Sprache. Die Redakteurin Dima AlBitar Kalaji stellte das Projekt „Weiterschreiben jetzt“ vor, ein Portal für Literatur aus Krisengebieten, und eröffnete den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Werkstatt Möglichkeiten der Kooperation. Der Besuch beim C.H. Beck-Verlag wiederum lieferte Einblicke in die Gestaltung des Verlagsprogramms und die Arbeit der Lektoren mit übersetzten Texten.
 
Der Dialog aus dem Vorjahr wurde also rege fortgesetzt, er bezog sich aber auch auf neue Aspekte und Herausforderungen der Übersetzung zwischen dem Arabischen und Deutschen. Diese  Form der Kontinuität ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn gewesen und macht noch einmal  den Erfolg des ViceVersa-Formats deutlich. Schließlich sitzen wir Übersetzer doch alle im selben Boot!

Hebatallah Fathy ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Kairo und freiberufliche Literaturübersetzerin.

November 2018