Literarisches Übersetzen
Jonas Lüscher in Kairo: Wenn Autor und Übersetzer gemeinsame Sache machen

Lüscher in Kairo
© Goethe-Institut

Der Schweizer Autor Jonas Lüscher und sein arabischer Übersetzer Moataz al-Maghawari begaben sich Ende September für fünf Tage in Klausur, um die letzten offenen Fragen zum philosophischen, politischen und kulturellen Kontext von Lüschers aktuellem Roman "Kraft" zu klären und der arabischen Übersetzung den stilistischen Feinschliff zu verpassen. Ein Werkstattbericht von Isis Elsherbini

Jonas Lüschers anspruchsvoller, philosophisch grundierter Text handelt von dem Rhetorikprofessor Richard Kraft der nicht nur vor den Scherben seiner Ehe, sondern auch vor dem finanziellen Ruin steht. Als ihm sein alter Freund István, inzwischen Professor an der Universität von Stanford,  per E-Mail die Ausschreibung eines Essay-Wettbewerbs schickt, der dem Gewinner/der Gewinnerin eine Million Dollar in Aussicht stellt, sieht er die Chance gekommen, all seine Probleme mit einem Schlag zu lösen. Dafür muss er lediglich die beste Antwort auf die alte Theodizee-Frage finden: Wie kann das Böse in der Welt existieren, wenn es doch einen allmächtigen und gütigen Gott gibt? Lüschers Protagonist Kraft ist ein  Intellektueller in der Midlife-Crisis und ein grüblerischer Charakter mit einer sehr eigenwilligen Sicht auf die Dinge. Mit einer Mischung aus tragischem Ernst und beißender Ironie regt "Kraft" den Leser dazu an, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und selbst über das zentrale Problem des Romans und die ihm zugrundeliegenden Konzepte – göttliche Allmacht, die menschliche Existenz, Gut und Böse – nachzudenken.
 
Für diesen vielschichtigen Roman wurde Jonas Lüscher 2017 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Im selben Jahr gingen die Rechte für die Veröffentlichung der arabischen Übersetzung an den Verlag Al Arabi Publishing and Distributing in Kairo. Auf Initiative des Verlags und mit Unterstützung des Litrix-Programms des Goethe-Instituts und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia war Jonas Lüscher Ende September 2018 für eine Woche in Kairo zu Gast, um gemeinsam mit seinem arabischen Übersetzer Dr. Moataz al-Maghawari, Dozent für deutsche Sprache an der Fakultät für Linguistik der Ain-Shams-Universität, und dem Team von Al Arabi um Verlagsleiter Sherif Bakr an der arabischen Übersetzung von "Kraft" zu arbeiten.
 
Dieser fünftägige Workshop stellte nicht nur für den Übersetzer Moataz al-Maghawari einen entscheidenden Schritt im Entstehungsprozess der arabischen Übersetzung von "Kraft" dar. In den auf Deutsch und Englisch geführten Diskussionen wurde der sprachliche und kulturelle Reichtum des Romans auf verschiedenste Weise greifbar.
 
Am ersten Tag wurde zunächst mit dem Autor über die grundsätzliche Übersetzungsstrategie für den Roman diskutiert, bevor auf einige zentrale, besonders schwierige Stellen im Roman eingegangen wurde. Dazu gehörten der Romantitel "Kraft" und seine Beziehung zur Hauptfigur, die philosophischen Theorien, die der Diskussion der Wettbewerbsfrage im Roman zugrunde liegen, sowie Verweise auf die politische Geschichte Deutschlands. An dieser Diskussion nahm auch Dr. Samar Mounir, Dozentin für deutsche Sprache an der Fakultät für Linguistik der Ain-Shams-Universität, als Expertin teil.
 
Die Besprechung schwieriger Stellen und ihrer Übertragbarkeit in die arabische Kultur wurde am folgenden Tag in erweiterter Runde fortgeführt.  So waren gleich mehrere Dozent/innen von der Ain-Shams-Universität, allen voran Dr. Ola Adel, die Jonas Lüschers literarisches Debüt "Frühling der Barbaren" übersetzt hat, als Expertinnen zu dieser zweiten Diskussionsrunde eingeladen worden.
 
Am dritten Tag las das Team von al-Arabi gemeinsam mit Jonas Lüscher einige zentrale Kapitel des Romans in deutscher, englischer und arabischer Sprache, um sich von der Genauigkeit und Qualität der Übertragung ins Arabische zu überzeugen. Auch Lobna Diab, Projektkoordinatorin im Bereich Information und Bibliothek des Goethe-Instituts Kairo, nahm an dieser Lesung teil. Anschließend gab Lüscher der Journalistin Aisha Elmaraghy von der Zeitung Akhbar al-Adab ein Interview.
 
Der vierte Tag diente dann vor allem der Überprüfung der Zitate, die die einzelnen Kapitel einleiten. Dabei wurde auch darüber diskutiert, welche Bedeutung die Zitate jeweils für den deutschen und den arabischen Leser haben könnten. Lüscher berichtete, dass ihn die Rechte für die Verwendung eines dieser Zitate 2000 Dollar gekostet hätten. Nach Abschluss des Workshop-Tages gab Lüscher Nedal Mamdouh von der Zeitung al-Dustour ein Interview, in dem vor allem auf die Reaktionen der arabischen Leserschaft auf Lüschers Bücher eingegangen wurde. Mamdouh fragte unter anderem, ob Lüscher das „Chaos“ in Ägypten gefalle, und er antwortete, dass Chaos auch durchaus seine Vorteile haben könne im Vergleich zur gnadenlosen Ordnung in anderen Ländern wie beispielsweise der Schweiz. Anschließend war Jonas Lüscher noch in der Sendung „Haduta Masriya“ des Senders Nile Culture zu Gast, wo er sich mit dem Moderator Ziauddin Hamid – und dank der Übersetzung von Moataz al-Maghawari – über seinen Roman und dessen arabische Übersetzung unterhalten konnte. Lüscher sagte, es sei ihm wichtig gewesen, für diese Treffen nach Ägypten zu kommen, um kulturelle, politische und philosophische Referenzen in Kraft zu klären und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: „Es ist immer am besten, wenn man das direkt zusammen machen kann. Das hat sich schon sehr gelohnt. Man kann über Sprache sprechen, über Rhythmus und schwierige Elemente wie Wortspiele zum Beispiel.“ Auch wenn die Geschichte erst einmal simpel erscheine, habe der Roman philosophische Dimensionen. Es gehe um „Optimismus und Pessimismus“, aber vor allem um die Frage des Wettbewerbs, warum Gott, wenn er „allmächtig und gleichzeitig gütig ist, das Leiden in der Welt zulässt.“
 
Am fünften und letzten Tag arbeiteten Autor, Übersetzer und das Al Arabi-Team an den stilistischen Feinheiten der Übersetzung, um sicherzugehen, dass das Arabische dem Original so nah wie möglich kommt und der Text gleichzeitig für die arabische Zielkultur funktioniert. Mit dieser gemeinsamen Anstrengung ist ein anspruchsvoller und intensiver Übersetzungsprozess an sein glückliches Ende gekommen. Die arabische Übersetzung von "Kraft" erscheint Ende des Jahres 2018 und wird pünktlich zu  den Internationalen Buchmessen in Jeddah (26.12.18 – 5.1.19) und in Kairo (23.1.– 5. 2. 2019) und danach in allen arabischen Ländern verfügbar sein.