Sachbuchtrends
Die Suche nach dem Wir

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© Hanser/Klett-Cotta/C.H.Beck/Gütersloher

Von Nils Markwardt

Als das Bücherjahr 2018 begann, schien das große Nonfiction-Thema bereits ausgemacht: 1968. Immerhin jährte sich die Studentenrevolte nun zum fünfzigsten Mal. Und auch wenn tatsächlich eine Reihe von Büchern über diese für die Bundesrepublik so einschneidende Zeit erschien (Heinz Bude – "Adorno für Ruinenkinder", Hanser; Wolfgang Kraushaar – "Die blinden Flecken der 68er Bewegung", Klett-Cotta; Christina von Hodenberg – "Das andere Achtundsechzig", C.H. Beck; Claus Koch – "1968: Drei Generationen", Gütersloher Verlagshaus), dominierte ein anderes Jubiläum überraschenderweise den Sachbuchmarkt mindestens ebenso stark: der Dreißigjährige Krieg. Hatte die Erinnerung an jenes große, nie enden zu scheinende Schlachten, dessen Beginn sich nun zum 400. Mal wiederholte, bereits 2017 viele Verlagsprogramme gefüllt (Herfried Münkler – „Der dreißigjährige Krieg“, Rowohlt; Andreas Bähr – „Der grausame Komet“, Rowohlt; Christian Pantle – „Der dreißigjährige Krieg“, Propyläen), setzte sich dies 2018 fort (Johannes Burkhardt – „Der Krieg der Kriege“, Klett-Cotta; Georg Schmidt – „Die Reiter der Apokalypse“, C.H. Beck).

Cover Collage 2So unterschiedlich diese beiden Jubiläen zunächst wirken mögen, eint sie beide doch etwas Entscheidendes: In ihnen spiegelt sich die Suche nach – einer deutschen – Identität. Während in den Debatten um das Erbe der 68er das heutige Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit und die Möglichkeiten zukünftiger Emanzipation vermessen wurde, offenbarte sich die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg wiederum als kulturhistorische Tiefenbohrung, bei der en passant auch nach den Ursprüngen kollektiver Identität in Zeiten globalisierter Totalvernetzung gesucht wird.

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Damit fügen sich die vielfältigen Veröffentlichungen zu diesen beiden historischen Jubiläen in gewisser Hinsicht auch in den aktuell vielleicht größten Trend auf dem deutschen Sachbuchmarkt ein: den Versuch einer kulturellen Positionsbestimmung in krisenhaften Zeiten. Und dazu gehört zum einen die Ursachenforschung in puncto Rechtspopulismus, „Fake News“ und gesellschaftlicher Polarisierung. Verfügt Deutschland als eines der letzten europäischen Länder mit der AfD mittlerweile auch über eine starke nationalautoritäre Kraft, widmeten Philosophen und Sozialwissenschaftler wie Philip Manow („Die politische Ökonomie des Populismus“, Suhrkamp), Wilhelm Heitmeyer ("Autoritäre Versuchungen: Signaturen der Bedrohung“, Suhrkamp) oder Philipp Hübl („Bullshit-Resistenz“, Nicolai) deren Aufstieg überaus fundierte Analysen, die weit über den hiesigen Kontext hinausgehen. Zum zweiten offenbart sich die Suche nach einer kulturellen Standortbestimmung aber auch in einer Reihe von Titeln, die sich philosophisch-tiefsinnig (Isolde Charim – „Ich und die Anderen“, Zsolnay), analysierend-thesenstark (Thea Dorn – „Deutsch, nicht dumpf“, Knaus) oder polemisch-zornig (Max Czollek – „Desintegriert euch“, Hanser) mit der zunehmend pluralistischer werdenden Gesellschaft auseinandersetzen – und dabei auch stets der Frage nachgehen, wie die aufgeklärte Gesellschaft  den autoritären Versuchungen des Populismus widerstehen kann. 

Beleuchten viele aktuelle Publikationen also die Frage nach Sinn und Möglichkeit kollektiver Identität in Zeiten zunehmender Individualisierung und Polarisierung, zeigt sich auf dem Sachbuchmarkt zeitgleich aber auch ein buchstäblicher Evergreen als Kontrapunkt zu diesen sozialwissenschaftlichen Suchbewegungen: Die Beschäftigung mit der Natur. Hat in den letzten Jahren bereits der gleichermaßen überraschende wie anhaltende Erfolg der Bücher des Försters Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“, „Das Seelenleben der Tiere“, „Das geheime Netzwerk der Natur“, alle: Ludwig) verdeutlicht, dass die durchrationalisierte Gegenwart eine verstärkte Sehnsucht nach Wald und Wiese erzeugt, setzt sich dieser Trend weiter fort.

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Diese Hinwendung zur Natur erschöpft sich dabei aber keineswegs in seichter Naturromantik, sondern zeigt sich auch in philosophischen Streifzügen (Florian Werner – „Der Weg des geringsten Widerstands. Ein Wanderbuch“, Nagel & Kimche) oder zoologisch hochgradig informierten Fallstudien (Josef H. Reichholf – „Schmetterlinge. Warum sie verschwinden uns was das für uns bedeutet“, Hanser). Wobei dies, genau besehen, dann vielleicht doch keinen völligen Gegensatz zu den politischen Titeln bildet. Denn die Natur, und das gilt in der kulturhistorischen Tradition Deutschlands womöglich sogar noch ein My mehr als in manch anderen europäischen Ländern, vermag freilich ebenfalls ein starker Teil der Identität zu sein.


Nils Markwardt ist leitender Redakteur beim "Philosophie Magazin“ und schreibt zudem als Autor für „Zeit Online“, „FAZ“, „Deutschlandradio Kultur“ u.a. Er ist Mitglied der deutsch-griechischen Litrix-Jury 2019/20.