Nina Schedlmayer Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat

Buchcover Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat

Inhaltsangabe des Verlags

Paul Zsolnay Verlag
Wien 2025
ISBN 978-3-552-07512-2
320 Seiten
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Von der Bohème zu den NS-Bonzen

Stephanie Hollenstein war die 1886 geborene Tochter eines Bauern und Stickers aus dem österreichischen Vorarlberg. Als Kind hütete sie die Kühe. Ihr großes zeichnerisches Talent führte sie allerdings bald auf andere Pfade als die vorgegebenen – also die „zwischen Stickmaschine und Melkschemel“.

1904 gelang ihr die Aufnahme an der Königlichen Kunstgewerbeschule München, die schon sehr früh mit der Ausbildung und auch Anstellung von Künstlerinnen begonnen hatte. Im künstlerisch progressiven München jener Jahre lebte die rustikale Bauerstochter nun ein Leben, von dem ihre Familie zuhause lieber nichts wissen sollte. Zahlreiche Liebesbriefe hat die Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer aus dem Archiv geborgen. Sie zeugen von einem promiskuitiven lesbischen Lebensstil inmitten der Schwabinger Künstlerszene der Jahrhundertwende, wo die angehende Expressionistin Holleinstein bis 1910 sogar eine eigene Malschule betrieb.

„Hitlers queere Künstlerin“ heißt Schedlmayers Biografie. „Queer“ ist ein Begriff, der zu Hollensteins Zeiten zwar noch nicht in Gebrauch war, der aber anzeigen soll, dass es sich hier um eine junge Frau handelt, die ihre Neigung selbstbewusst und offen auslebte. Dafür frequentierte sie entsprechende Kreise, die dem bunten Treiben der Geschlechter gegenüber aufgeschlossen waren. So liest man mit einiger Faszination wie sich Stephanie Hollenstein, während sie sich mit Talent und Abenteuerlust in die avantgardistischsten Kreise ihrer Zeit hochmalte, eine Geliebte nach der nächsten erst in Abhängigkeit zu sich brachte, um sie dann in einem quälend langen Drama von sich zu stoßen. „Alles deutet darauf hin, dass sie sich entzieht, sobald sich das Objekt ihrer Zuneigung nicht wunschgemäß verhält oder sie – willentlich oder nicht – verletzt“, schreibt ihre Biografin, und gewährt uns Einblicke in eine ambivalente Persönlichkeit.

Hollenstein, so viel wird gleich auf den ersten Seiten dieser spannenden Annäherung klar, muss eine charismatische, aber auch gebieterische Person gewesen sein. Schon früh wusste sie, andere für sich einzunehmen und für sich einzuspannen. Spektakulär bleibt Hollensteins Ausflug zu den königlich-kaiserlichen Soldaten des ersten Weltkriegs. Dort tarnt sie sich als Stephan Hollenstein, schneidet sich zu diesem Zwecke die Haare kurz und schmuggelt sich in Soldatenuniform unter die Standschützen ihrer Heimatgemeinde Lustenau, die vom Bahnhof Dornbirn in Richtung Südfront aufbrechen. Eine ganze Weile bleibt sie unerkannt und lebt nun ein Soldatenleben in Südtirol, um für Gott, Kaiser und Vaterland in den Krieg zu ziehen: „Nun kam das große Völker-Ringen“, berichtete sie in einem Brief. Dorthin habe es sie teils aus Vaterlandsliebe, teils aus künstlerischem Interesse gezogen. An der Front entstehen tatsächlich berühmt gewordene Bilder von Soldaten im Feld.

Hollensteins Patriotismus ist zwar damals schon glühend, aber ihr berühmtes Bild, das auch auf dem Cover des Buchs zu sehen ist, zeigt einen melancholisch blickenden Soldaten – es könnte auch eine burschikose Frau sein. Mit dem heutigen Bezugsystem denkt man an das Porträt einer lesbischen Frau mit Männerhaarschnitt. Ein Selbstporträt? Die Traurigkeit des Blicks jedenfalls lässt wenig Spielraum für Spekulationen: Die Kriegseuphorie, die schon kurz nach 1915 unter den zunächst oft jubelnden Künstlern deutlich abgeflaut war, ist allgemein vorbei.

Diese längere Vorgeschichte einer offenbar äußerst unangepassten Frau mündet nun in eine völlig überraschende politische Ideologisierung: Denn Stephanie Hollenstein war gleichzeitig glühende Antisemitin und ebenso leidenschaftliche Anhängerin von Adolf Hitler. „Von der Bohème zu den NS-Bonzen“, so bündig heißt es einmal auf den hinteren Seiten der Biografie. Dieser Widerspruch ist es, der die Autorin auch über den zeitgeschichtlichen Rahmen ihrer Erzählung hinaus interessiert. Denn ist das nicht eine Konstante in autoritären Systemen: dass dort das propagierte Reinheitsgebot oft gar nicht für die eigenen Eliten gilt und Gegensätze verschmolzen werden, wenn es der fanatischen Sache dient. Auch heute finden sich in der deutschen Bundespolitik Beispiele von Politiker:innen, die eine progressive Familienpraxis, in der Queerness sowie Multikulturalität eine Rolle spielen, mit einem rassistischen Weltbild und einer ausgeprägten Herrenmenschenattitüde verbinden.

Stephanie Holleinstein malte expressionistische Bilder wie ihr ebenfalls antisemitischer Kollege Emil Nolde, der wie Hollenstein bereits 1934 der damals in Österreich noch verbotenen NSDAP beigetreten war und sein Haus gleich nach dem „Anschluss“ mit Hakenkreuzfahnen dekorierte. Nach dem Krieg erfuhr er trotz dieser Aktivitäten dennoch eine Ehrenrettung, da seine Werke von den Nazis als „entartet“ qualifiziert wurden – trotz der faschistischen Gesinnung des Künstlers.

Überhaupt, das zeigt diese Biografie deutlich, war auch die NS-Kulturpolitik von Inkonsequenzen durchzogen, die den Fall Hollenstein plötzlich weniger exotisch wirken lassen. „So konnte die Kunst einer Person gleichzeitig als volkstümlich-deutsch und als entartet gelten.“ Die Autorin zählt dazu einige Beispiele auf. Ähnlich Widersprüchliches wird man wohl auch von der künstlerisch progressiven und offen lesbisch lebenden Malerin Stephanie Hollenstein sagen müssen: Sie war gleichzeitig ihrer Zeit voraus und einem reaktionären Männlichkeitskult verfallen, der ihr eine steile Karriere unter den Nazis verschaffte, von der sie sich nach dem Krieg nicht mehr distanzieren konnte, da sie 1944 starb.

Nina Schedlmayer erinnert uns mit ihrer schwungvoll geschriebenen Biografie daran, dass Karrierismus, Charisma und Herrschaftsallüren eine unheilvolle Trias bilden können, in der die Gesetze der Vernunft nicht mehr gelten und auch ein emanzipierter Lebensstil nicht vor blindem Hass auf andere Minderheiten oder Marginalisierte schützt.
Buchcover Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat

Von Katharina Teutsch

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.

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