Bücherwelt
Wie formuliert Literatur unsere Gegenwart?

Deutscher Buchpreis 2025
© Pixabay

Themen und Besonderheiten in der aktuellen deutschsprachigen Literatur

Unsere Gegenwart ist seit geraumer Zeit schwer zu fassen: multiple kriegerische Krisen, rasante technische Entwicklungen, narzisstische Imperialisten an der Macht. Noch nie erlebte ich so unbeständige, unfassbare Zeiten.
 

In solchen Zeiten hilft die Literatur.

Literatur war schon immer ein Mittel, Unfassbares greifbar oder – buchstäblich – lesbar zu machen. Literatur kann formulieren: unserer Zeit eine Form geben. Für mich persönlich ist eine Hauptlust am Lesen, dass Sprache diffusen Gefühlen Ausdruck verleiht, unerklärliche Beziehungs- und Gesellschaftsphänomene erschließt.

Als ich 2025 für die Jury des Deutschen Buchpreises angefragt wurde, dachte ich: Das ist die Gelegenheit, ein kleines »Studium« darüber zu absolvieren, wie die deutschsprachige Literatur unsere verrückte Gegenwart formuliert. Was sind die zentralen Themen? Wie wird unsere Gegenwart sprachlich gestaltet?

Die Jury hat mehr als 220 Romane geprüft. An den Neuerscheinungen fällt auf, dass die meisten Romane ihren Fokus nicht auf die Gegenwart richten, sondern auf Vergangenheit oder Zukunft. Viele Autor:innen forschen, um Orientierung im Heute zu finden, im Gestern nach: Was waren die Fehler? Worüber wurde nicht gesprochen? Was droht, sich zu wiederholen? Oder die Schriftsteller:innen blicken in die nahe Zukunft: Welche heutigen Fehler führen bald zur Katastrophe? Was sind die Folgen unseres Handelns?

Zunächst befürchtete ich, es könnte sich um eine Flucht der Autor:innen vor der Gegenwart handeln: Ist das Heute tatsächlich zu schwer zu greifen? Je mehr ich mich aber in die Romane vertieft habe, umso klarer leuchtete mir dieser Zugriff ein, ja dieser Trick, das Jetzt über das Gestern und Morgen zu verstehen – nämlich mit den Fragen: Wie sehr haben Nationalsozialismus, Kommunismus, die Jugoslawienkriege, wie hat die Ausbeutung des globalen Südens uns geformt? Wie prägen wir heute schon das Morgen?

Anhand der beeindruckenden Titel auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises lässt sich diese Rück- und Vorschau, die wir bei Hunderten Romanen beobachteten, exemplarisch aufzeigen.

Blick in die Vergangenheit

Bei historischen Stoffen ist der Blick in die Vergangenheit gegeben. In dem heiteren Roman Wachs von Christine Wunnicke geht es um die Liebesgeschichte zweier Frauen im vorrevolutionären Frankreich; die beiden leben gegen jede Konvention, und sie arbeiten – eine seziert als Anatomin Leichen, die andere fertigt Zeichnungen von Blumen. Die zwei Französinnen lieben sich, und das so selbstverständlich, dass man sich fragt, warum heute noch so viel Kulturkampf um Queeres tobt, wo man gleichgeschlechtliche Liebe schon im Paris des 18. Jahrhunderts lebte.
 

Wunnicke, Kicaj, Erdmann © Berenberg, © Wallstein, © Ullstein

Die meisten Romane blicken allerdings nicht in die ferne Historie, sondern in die nahe Vergangenheit. Das Zurückdenken an die eigene Kindheit, das Aufarbeiten des Lebens der Eltern und Großeltern ist in der zeitgenössischen Literatur allgegenwärtig: Warum bin ich diejenige geworden, die ich bin? Welche Rolle spielen Traumata – insbesondere generationsübergreifende Traumata?

Dazu zählt auf der Shortlist das Debüt ë von Jehona Kicaj. Darin geht die junge Protagonistin zum Kieferorthopäden, weil sie – wie manch andere – mit den Zähnen knirscht. Aber ihr Knirschen ist so brutal, dass es ihr Gebiss zu zerstören droht. Nach und nach entschlüsselt sich im Text, dass die Anspannung eine Folge der Flucht aus dem Kosovo und der durch mörderische Kriegsverbrechen verlorenen Heimat ist. Auch im autofiktionalen Roman Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann beschäftigt sich der Protagonist mit einem Trauma aus seiner Kindheit, das nicht nur ihn, sondern eine ganze Stadt über Jahre erschüttert: dem Amoklauf in einer Erfurter Schule im Jahr 2002.

Blick in die Zukunft

Zwei Autor:innen auf der Shortlist, die bewusst die Gegenwart in der Zukunft spiegeln, sind Thomas Melle mit Haus zur Sonne und Fiona Sironic mit Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und sprengen Sachen in die Luft.

Sironic schildert eine Welt, in der sich zwei Töchter von »Mum«-Influencerinnen an ihren Müttern rächen – denn die hatten etliche Videos ihrer Kleinkinder in den sozialen Medien geteilt und damit ihre Privatsphäre untergraben. Gleichzeitig erleben wir in diesem Near-Future-Roman eine vom Klimawandel zerstörte, überhitzte Umwelt.

Thomas Melle geht mit seinem Band Haus zur Sonne ebenfalls in die nahe Zukunft und erzählt von einem Protagonisten, der aufgrund einer bipolaren psychischen Erkrankung suizidal ist. Der Mann checkt in ein staatliches Sanatorium ein, das lebensmüden Patienten verspricht, über KI-Simulationen Glück zu empfinden. Es ist das titelgebende »Haus zur Sonne«, das man allerdings nur tot verlassen darf – in Wahrheit ein kapitalistisches Versuchslabor.

In beiden Büchern spiegeln sich im Zukunfts-Setting unsere Gegenwartsfragen: Was macht Leben lebenswert? Können Digitalität, soziale Medien oder gar Simulationsmaschinen uns glücklich machen?
 

Melle, Sironic, Elmiger © Kiepenheuer & Witsch, © Ecco, © Hanser Berlin


Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

Auch das Gewinnerbuch Die Holländerinnen macht einen Umweg um die Gegenwart – und zwar einen künstlerischen: Elmiger nimmt die Lesenden mit an einen zeitlosen Ort, in einen südamerikanischen Urwald. Dort recherchiert eine europäische Theatergruppe zu einem Verbrechen, bei dem zwei Holländerinnen vor einigen Jahren verschollen sind. Die Gruppe erzählt sich auf ihrem Marsch Geschichten aus dem eigenen Leben. Es sind verstörende Erzählungen über Gewalt, Angst und Unsicherheit – ein Echo unserer instabilen Zeit. Auch sprachlich ist der Roman außergewöhnlich, weil durchweg in indirekter Rede geschrieben.

Erzählungen von Gewalt

Was diese sechs Bücher mit vielen anderen Neuerscheinungen verbindet, ist Gewalt als zentrales Thema: Kriegsgewalt, Amok, Femizide, psychische Gewalt, Traumata. Die gute Nachricht ist, dass die Bücher Gewalt nicht glorifizieren, reißerisch oder effekthascherisch einsetzen. Im Gegenteil: Die Autor:innen weigern sich, Gewalt als Faszinosum zu inszenieren. Das wirkt wie ein Signal in unsere kriegerische Zeit.

Und hier kursorisch noch einige weitere Besonderheiten des aktuellen Buchpreis-Jahrgangs:
  • Fast die Hälfte der Romane, die die Jury prüfte, ist autobiografisch oder autofiktional. Im besten Fall erzählen Autor:innen über das Biografische hinaus etwas Universelles, im schlechtesten entsteht – wie ich es nenne – eine »Instagramisierung der Literatur«, in der alles um das Ich kreist.
  • Sprachlich und formal findet sich eine lustvolle Vielfalt, von abstrakt bis dokumentarisch. Viele Schriftsteller:innen haben einen eigenwilligen, sprachlichen Duktus. Auch die Dramaturgien sind divers, von linear bis sprunghaft und verschachtelt.
  • Es gibt allerdings Sujets, die in (zu) vielen Romanen vorkommen, zum Beispiel »Protagonist:in fährt ins Dorf ihrer Kindheit«, »Protagonist:in holt eine Schachtel mit alten Fotos heraus«, usw.
  • Mit wenigen Ausnahmen findet Sexualität in deutschsprachigen Gegenwartsromanen kaum statt (New Romance-Bücher nicht eingeschlossen!).
  • Eine Vielzahl der Romane ist im mittel- und osteuropäischen Raum angesiedelt. Die Spaltung zwischen Ost- oder Mitteleuropa und Westeuropa lässt sich wenigstens literarisch etwas auflösen.
  • Viele Figuren heißen »Paul«. Was das zu bedeuten hat, fand die Jury allerdings nicht heraus.

Und nach all der bereichernden Lektüre eine besonders schöne Auffälligkeit: Die Jury hat zahlreiche starke Debüts gelesen. Um die Zukunft der hiesigen Literatur muss man sich also keine Sorgen machen!


Laura de Weck ist Dramatikerin und Literaturkritikerin. Seit 2023 moderiert sie den Literaturclub auf SRF und 3Sat im Wechsel mit Jennifer Khakshouri und seit 2024 ist sie Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. 2025 war Laura de Weck Sprecherin der Jury des Deutschen Buchpreises.

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