Inhalt
Bücher
Belletristik
Sachbücher
Kinder- und Jugendbücher
Autoren
Übersetzungsförderung
Übersetzungsförderung Argentinien / Hispanoamerika
Vorschau

HomeÜber UnsPresseNewsletterKontaktImpressumLinksSitemap


  
zur Titelübersicht
 
 Image Christa Wolf

Ein Tag im Jahr
1960-2000

Luchterhand Literaturverlag
München 2003
ISBN 3-630-87149-6
655 Seiten


Verlagskontakt
Buchbesprechung
Leseproben
Lizenzen
 Buchbesprechung

„Licht aus.“ Das ist der schlichte und zugleich symbolträchtige letzte Satz in Christa Wolfs großem Tagebuch-Projekt Ein Tag im Jahr. An die Worte des sterbenden Goethe „Mehr Licht!“ fühlt man sich erinnert, doch nicht um die letzten Dinge geht es hier, sondern um etwas so Alltägliches wie das abendliche Einschlafen. Und damit schließt sich der Kreis dieses Lebensprotokolls aus vierzig Jahren, das mit einem Satz begonnen hatte, der fast so etwas wie die Essenz des ganzen Buches darstellt: „Als erstes beim Erwachen der Gedanke: Der Tag wird wieder anders verlaufen als geplant.“

Und wie die 41 hier versammelten Tage zwischen 1960 und 2000 genau verlaufen sind, das notiert Christa Wolf mit vielen privaten Details aus ihrem Familienleben und Autorinnendasein: Vom verbrannten Geburtstagskuchen und dem letzten Gespräch mit dem sterbenskranken Max Frisch über die jüngste Folge der Fernsehkrimiserie Der Alte und einem Diskussionsabend bei der Nationalen Volksarmee in Potsdam-Eiche bis hin zum Duft von frischgekochtem Holundersaft und dem Ende der Ära Kohl und den Sorgen um die Enkelkinder – all diese Erlebnisse, die privaten wie die politischen Klein- und Großereignisse, die damit verbundenen Gedanken und Empfindungen, gibt Christa Wolf ohne nachträgliche Literarisierung minutiös wieder. Auf diese Weise soll der Zufall, der unser Leben mal mehr, mal weniger bestimmt, abgebildet werden in all seiner Unvorhersehbarkeit, genauso wie das immer Wiederkehrende der kleinen Alltagsrituale und Gewohnheiten.

Der Anlaß zu diesem chronistischen Großunternehmen war ein Aufruf der sowjetischen Zeitung Iswestija „an die Schriftsteller der Welt“, einen beliebig ausgewählten Tag, den 27. September 1960, möglichst detailliert festzuhalten. Das Projekt einer solchen Momentaufnahme unter Schriftstellern geht zurück auf eine Idee von Maxim Gorki aus dem Jahr 1935 – und wohl kein anderer Autor hat sie so konsequent umgesetzt wie Christa Wolf. Aus der ursprünglich auf einen Tag begrenzten Auftragsarbeit ist ein Arbeitsauftrag geworden, den sich die Autorin selbst erteilt hat, und den sie auch nach dem Erscheinen von Ein Tag im Jahr fortführen will.

Das Tagebuchschreiben an diesem speziellen Jahres-Tag, der zufälligerweise zugleich der Tag vor dem Geburtstag ihrer jüngeren Tochter Katrin ist, wird so zum Widerstand gegen den „unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Zugleich versucht es, eine Antwort zu finden auf die für Wolf zentrale Frage, wie Leben eigentlich zustande kommt, woraus es besteht: aus Tagen wie diesen, die sie in ihren sehr persönlichen und zugleich zeitgeschichtlich bedeutsamen Miniaturen aller 27. September zwischen 1960 und 2000 protokolliert und „die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Daß sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, daß nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt.“

Christa Wolf hat Glück gehabt. Das hier dokumentierte Leben erscheint durch und durch sinnvoll, und es ist eine sehr klare Linie, die diese 41 Jahres-Tage verbindet: die ernsthafte Auseinandersetzung mit sich selbst, der Familie, einem Ausschnitt zunächst ostdeutscher und später dann gesamtdeutscher Wirklichkeit und natürlich dem Schreiben – nicht zuletzt als Mittel der Selbsterkundung und -positionierung. So entsteht aus dieser alljährlichen Bestandsaufnahme nach und nach eine Familien-, eine Zeit- und schließlich eine deutsche Mentalitätsgeschichte.

Durch die Beschränkung auf einen einzigen Tag im Jahr werden hier vierzig Jahre deutscher Geschichte in einem Zeitraffer präsentiert. Dies illustrieren auch die eingefügten Collagen des Berliner Malers und Graphikers Martin Hoffmann. Das Tagebuch-Kaleidoskop wirbelt Fotos aus dem Leben der Familie Wolf, Zeitungsbilder von politischen Ereignissen und von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie Momentaufnahmen aus dem deutschen Alltag durcheinander und setzt daraus ein subjektives Gesamtbild aus privater und politischer Geschichte zusammen. Der Zugang zu Wolfs Chronik eines Lebens und eines Landes wird dem Außenstehenden nicht zuletzt dadurch leicht gemacht, daß am Ende des Buches kurze Anmerkungen zu den wichtigsten Personen und Ereignissen aller 41 Tage versammelt sind.

Deutlich läßt sich an diesem Lebensprotokoll der Prozeß einer allmählichen Desillusionierung ablesen. Es dokumentiert eindringlich die Wandlung, die sich über vier Jahrzehnte in Christa Wolfs Verhältnis zur DDR und schließlich zum wiedervereinigten Deutschland vollzieht. Wie in ihren Romanen spiegelt sich auch hier ihr Leiden an der sie umgebenden Gesellschaft wider, ein Leiden, das sich sehr oft als Krankheit, als körperliche Reaktion auf sozialen oder auch künstlerischen Druck artikuliert. In dem melancholischen Grundton, der zwischen den Schilderungen von heiteren und glücklichen Momenten mit Freunden, Mann und Kindern immer wieder durchklingt, wird eher ein schweres denn ein leichtes Gemüt hörbar. Mit großer Aufrichtigkeit, weder verklärend noch verdrängend, gibt Christa Wolf Tag für Tag, Jahr für Jahr sehr Privates ungeschönt preis.

Die Subjektivität als spezifische Qualität von Wolfs Schreiben begegnet in Ein Tag im Jahr in unliterarischer, aber deswegen nicht weniger eindringlicher Form. In diesem autobiographischen Text gelingt das schwierige Experiment einer Selbsterkundung ohne Peinlichkeit. Christa Wolf ist sich des Risikos bewußt, das sie mit der Veröffentlichung dieser tagebuchartigen Notizen eingeht, „in denen das ‚Ich’ kein Kunst-Ich ist, sich ungeschützt darstellt und ausliefert – auch jenen Blicken, die nicht von Verständnis und Sympathie geleitet sind.“ Und gerade das macht sie sympathisch, da hier eine Frau mit Zweifeln und Selbstzweifeln sichtbar wird, politisch, künstlerisch und im privaten Leben immer wieder zwischen Resignation und Engagement schwankend.

Als authentisches Zeitzeugnis einer großen deutschen Autorin zeugt Ein Tag im Jahr vom lebenslangen Versuch, literarische und wirkliche Existenz miteinander zu versöhnen. Auf diese Weise entsteht ein Zeitbild, das zugleich das Lebenswerk von Christa Wolf umfasst und reflektiert. Mit dieser Form der künstlerischen und menschlichen Bilanz macht sich Christa Wolf zutiefst verletzlich: Ohne Beschönigung zeigt sie Entstehung und Ende ihrer Karriere als Star der DDR-Literatur, liefert sich aus als Zeitgenossin und Zeitzeugin und gibt uns zugleich weniger und mehr als eine Schriftsteller-Biographie: ein Dokument jüngster deutscher Geschichte.

Anne-Bitt Gerecke

Januar 2004



  
Druckversion
zum Seitenanfangzur Titelübersicht