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„Licht aus.“ Das ist der schlichte und zugleich symbolträchtige letzte Satz
in Christa Wolfs großem Tagebuch-Projekt Ein Tag im Jahr. An die Worte
des sterbenden Goethe „Mehr Licht!“ fühlt man sich erinnert, doch nicht um die
letzten Dinge geht es hier, sondern um etwas so Alltägliches wie das abendliche
Einschlafen. Und damit schließt sich der Kreis dieses Lebensprotokolls aus
vierzig Jahren, das mit einem Satz begonnen hatte, der fast so etwas wie die
Essenz des ganzen Buches darstellt: „Als erstes beim Erwachen der Gedanke: Der
Tag wird wieder anders verlaufen als geplant.“
Und wie die 41 hier versammelten Tage zwischen 1960 und 2000 genau verlaufen
sind, das notiert Christa Wolf mit vielen privaten Details aus ihrem
Familienleben und Autorinnendasein: Vom verbrannten Geburtstagskuchen und dem
letzten Gespräch mit dem sterbenskranken Max Frisch über die jüngste Folge der
Fernsehkrimiserie Der Alte und einem Diskussionsabend bei der
Nationalen Volksarmee in Potsdam-Eiche bis hin zum Duft von frischgekochtem
Holundersaft und dem Ende der Ära Kohl und den Sorgen um die Enkelkinder – all
diese Erlebnisse, die privaten wie die politischen Klein- und Großereignisse,
die damit verbundenen Gedanken und Empfindungen, gibt Christa Wolf ohne
nachträgliche Literarisierung minutiös wieder. Auf diese Weise soll der Zufall,
der unser Leben mal mehr, mal weniger bestimmt, abgebildet werden in all seiner
Unvorhersehbarkeit, genauso wie das immer Wiederkehrende der kleinen
Alltagsrituale und Gewohnheiten.
Der Anlaß zu diesem chronistischen Großunternehmen war ein Aufruf der
sowjetischen Zeitung Iswestija „an die Schriftsteller der Welt“, einen
beliebig ausgewählten Tag, den 27. September 1960, möglichst detailliert
festzuhalten. Das Projekt einer solchen Momentaufnahme unter Schriftstellern
geht zurück auf eine Idee von Maxim Gorki aus dem Jahr 1935 – und wohl kein
anderer Autor hat sie so konsequent umgesetzt wie Christa Wolf. Aus der
ursprünglich auf einen Tag begrenzten Auftragsarbeit ist ein Arbeitsauftrag
geworden, den sich die Autorin selbst erteilt hat, und den sie auch nach dem
Erscheinen von Ein Tag im Jahr fortführen will.
Das Tagebuchschreiben an diesem speziellen Jahres-Tag, der zufälligerweise
zugleich der Tag vor dem Geburtstag ihrer jüngeren Tochter Katrin ist, wird so
zum Widerstand gegen den „unaufhaltsamen Verlust von Dasein“. Zugleich versucht
es, eine Antwort zu finden auf die für Wolf zentrale Frage, wie Leben eigentlich
zustande kommt, woraus es besteht: aus Tagen wie diesen, die sie in ihren sehr
persönlichen und zugleich zeitgeschichtlich bedeutsamen Miniaturen aller 27.
September zwischen 1960 und 2000 protokolliert und „die am Ende, wenn man Glück
gehabt hat, eine Linie verbindet. Daß sie auch auseinanderfallen können zu einer
sinnlosen Häufung vergangener Zeit, daß nur eine fortdauernde unbeirrte
Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt.“
Christa Wolf hat Glück gehabt. Das hier dokumentierte Leben erscheint durch
und durch sinnvoll, und es ist eine sehr klare Linie, die diese 41 Jahres-Tage
verbindet: die ernsthafte Auseinandersetzung mit sich selbst, der Familie, einem
Ausschnitt zunächst ostdeutscher und später dann gesamtdeutscher Wirklichkeit
und natürlich dem Schreiben – nicht zuletzt als Mittel der Selbsterkundung und
-positionierung. So entsteht aus dieser alljährlichen Bestandsaufnahme nach und
nach eine Familien-, eine Zeit- und schließlich eine deutsche
Mentalitätsgeschichte.
Durch die Beschränkung auf einen einzigen Tag im Jahr werden hier vierzig
Jahre deutscher Geschichte in einem Zeitraffer präsentiert. Dies illustrieren
auch die eingefügten Collagen des Berliner Malers und Graphikers Martin
Hoffmann. Das Tagebuch-Kaleidoskop wirbelt Fotos aus dem Leben der Familie Wolf,
Zeitungsbilder von politischen Ereignissen und von Persönlichkeiten des
öffentlichen Lebens sowie Momentaufnahmen aus dem deutschen Alltag durcheinander
und setzt daraus ein subjektives Gesamtbild aus privater und politischer
Geschichte zusammen. Der Zugang zu Wolfs Chronik eines Lebens und eines Landes
wird dem Außenstehenden nicht zuletzt dadurch leicht gemacht, daß am Ende des
Buches kurze Anmerkungen zu den wichtigsten Personen und Ereignissen aller 41
Tage versammelt sind.
Deutlich läßt sich an diesem Lebensprotokoll der Prozeß einer allmählichen
Desillusionierung ablesen. Es dokumentiert eindringlich die Wandlung, die sich
über vier Jahrzehnte in Christa Wolfs Verhältnis zur DDR und schließlich zum
wiedervereinigten Deutschland vollzieht. Wie in ihren Romanen spiegelt sich auch
hier ihr Leiden an der sie umgebenden Gesellschaft wider, ein Leiden, das sich
sehr oft als Krankheit, als körperliche Reaktion auf sozialen oder auch
künstlerischen Druck artikuliert. In dem melancholischen Grundton, der zwischen
den Schilderungen von heiteren und glücklichen Momenten mit Freunden, Mann und
Kindern immer wieder durchklingt, wird eher ein schweres denn ein leichtes Gemüt
hörbar. Mit großer Aufrichtigkeit, weder verklärend noch verdrängend, gibt
Christa Wolf Tag für Tag, Jahr für Jahr sehr Privates ungeschönt preis.
Die Subjektivität als spezifische Qualität von Wolfs Schreiben begegnet in
Ein Tag im Jahr in unliterarischer, aber deswegen nicht weniger
eindringlicher Form. In diesem autobiographischen Text gelingt das schwierige
Experiment einer Selbsterkundung ohne Peinlichkeit. Christa Wolf ist sich des
Risikos bewußt, das sie mit der Veröffentlichung dieser tagebuchartigen Notizen
eingeht, „in denen das ‚Ich’ kein Kunst-Ich ist, sich ungeschützt darstellt und
ausliefert – auch jenen Blicken, die nicht von Verständnis und Sympathie
geleitet sind.“ Und gerade das macht sie sympathisch, da hier eine Frau mit
Zweifeln und Selbstzweifeln sichtbar wird, politisch, künstlerisch und im
privaten Leben immer wieder zwischen Resignation und Engagement schwankend.
Als authentisches Zeitzeugnis einer großen deutschen Autorin zeugt Ein
Tag im Jahr vom lebenslangen Versuch, literarische und wirkliche Existenz
miteinander zu versöhnen. Auf diese Weise entsteht ein Zeitbild, das zugleich
das Lebenswerk von Christa Wolf umfasst und reflektiert. Mit dieser Form der
künstlerischen und menschlichen Bilanz macht sich Christa Wolf zutiefst
verletzlich: Ohne Beschönigung zeigt sie Entstehung und Ende ihrer Karriere als
Star der DDR-Literatur, liefert sich aus als Zeitgenossin und Zeitzeugin und
gibt uns zugleich weniger und mehr als eine Schriftsteller-Biographie: ein
Dokument jüngster deutscher Geschichte.
Anne-Bitt Gerecke
Januar 2004
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