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 Image Stephan Wackwitz

Ein unsichtbares Land
Familienroman

S. Fischer Verlag
Frankfurt a. M. 2003
ISBN 3-10-091055-9
286 Seiten


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Eine mehr als fünf Jahrzehnte lang verschollene und längst vergessene Kamera taucht im Jahr 1993 unverhofft wieder auf, wie eine „Flaschenpost“, die „wider aller Wahrscheinlichkeit jetzt doch noch ihr Ziel erreicht“ – was für ein grandioser Auftakt für einen historischen Roman über Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert, was für ein Stoff für einen Erzähler auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit, nach seiner wahren Familiengeschichte!

Die wiedergefundene No.1a Pocket Kodak-Kamera gehörte dem Vater von Stephan Wackwitz. Als Siebzehnjähriger hatte er sie im Jahr 1939 der Royal Navy aushändigen müssen, als diese den Dampfer „Adolph Woermann“ nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Südantlantik aufbrachte. Dieses Schiff sollte den jungen Gustav Wackwitz sowie seine Eltern und Geschwister eigentlich von Deutsch-Südwestafrika nach Bremerhaven bringen, statt dessen gerieten sie in Gefangenschaft – und die verlorene Kamera in Vergessenheit. Bis zu dem Tag, an dem Stephan Wackwitz’ alter Vater den Fotoapparat mitsamt einliegendem Film von der „Dienststelle für die Benachrichtigung der Angehörigen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht“ in Berlin zugestellt bekommt.

Vater und Sohn Wackwitz knüpfen daran nun die Hoffnung, der enthaltene, noch unentwickelte Film möge wie der Jahrzehnte lang verschüttete und im Kupfervitriol jugendlich schön erhaltene Bergmann in Johan Peter Hebels berühmter Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen auf wundersame Weise konserviert worden sein. Doch anders als bei der unerhörten Begebenheit in Hebels Anekdote aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, gibt es hier „keinen dramatischen Moment des Wiedererkennens“, „keine überraschende historische Wendung“, denn der Film hat sich im Laufe eines halben Jahrhunderts zersetzt, zu sehen ist auf ihm nichts als Schwärze.

Dennoch erhält dieser leere Film für den Autor Wackwitz ein tieferen Sinn: als unverhofftes Erinnerungsstück löst er eine ebenso unerwartete Neugier auf die Vergangenheit aus und wird so zum „unsichtbaren Zentrum der verwirrenden, verborgenen und verschlungenen Windungen eines Familienromans“ – und für Stephan Wackwitz ganz konkret zum Anlaß einer Entdeckungreise in das Unsichtbare Land seiner Vorfahren.

Vermutlich haben nur wenige unter den deutschen Schriftstellern der Nachkriegszeit eine so ergiebige und reich dokumentierte Familiengeschichte wie Stephan Wackwitz: Sein Großvater, Andreas Wackwitz, hat seit den fünfziger Jahren auf „zahllosen zwiebelschalendünnen Blättern“ seine Erinnerungen für die Nachkommen festgehalten. Auf vielen hundert Seiten hat er den „Roman eines Lebens und eines Landes“ geschrieben. Darin offenbart sich ein zutiefst protestantischer und zugleich deutschnational gesinnter Mann, dessen „merkwürdige, fast tickartige, zwanghaft-fatale rassistische Bemerkungen, Ausfälle und Absencen“ den Enkel wie den Leser gleichermaßen abstoßen. Zugleich faszinieren diese Erinnerungsbücher aber auch, weil in ihnen auf gespenstische Weise die „seltsame Begabung“ des Andreas Wackwitz greifbar wird, „an verschiedenen historisch bedeutsamen Orten des letzten Jahrhunderts und während verschiedener historisch bedeutsamer Augenblicke […] im Hintergrund irgendwie aufzutauchen“.

So hat er vom ersten bis zum letzten Tag am Ersten Weltkrieg teilgenommen, war 1920 beim Kapp-Putsch in Berlin dabei und hat von 1921 bis 1933 als junger Pfarrer im damals polnischen Anhalt und damit nur wenige Kilometer von Auschwitz enfernt gewohnt, und zwar in einem Pfarrhaus, in dem wiederum ganz zufällig einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, Friedrich Schleiermacher, aufgewachsen ist. Doch damit nicht genug der historischen Bedeutsamkeiten: Andreas Wackwitz hat Hitler aus nächster Nähe gesehen, war während des Endstadiums des deutschen Kolonialismus in Afrika und nach dem Zweiten Weltkrieg Generalsuperintendent im märkischen Luckenwalde, wo er unter anderem auch „für einen frommen und sportlichen Jugendlichen“ namens Rudi Dutschke zuständig war. An allen wichtigen „Brennpunkten“ der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Mann in irgendeiner Form zugegen.

Zurecht empfindet der Erzähler diese geballte Form der Koinzidenzen und die große Anzahl von Schnittstellen zwischen persönlicher und allgemeiner Geschichte als „gespenstisch“ oder „geisterhaft“, wie es leitmotivisch wiederkehrend heißt. Und so prägt das Motiv des Unheimlichen nicht nur das erzählte Leben, sondern auch den Text selbst. Das Unheimliche resultiert zum einen aus der augenfälligen und selbst fast schon romanhaft-phantastischen Schicksalhaftigkeit im Leben des Großvaters. Zum anderen erwächst es aus den Verdrängungsmechanismen, die das Erinnern oder genauer gesagt gerade das Nicht-Erinnern des Großvaters zu bestimmen scheinen: beispielsweise wenn es um die Greuel geht, die im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte mit dem Namen des einst so beschaulichen Städtchens Auschwitz verknüpft sind. Äußerlich wahrnehmbares Symptom dieses Verdrängten ist allein ein „steinernes Schweigen“, ein „Totstellreflex“ gegenüber den Fragen und Rechenschaftsforderungen des in den siebziger Jahren linksradikalen Enkels.

Wackwitz’ Porträt dreier sehr verschiedener Familiengenerationen verknüpft ebenso klug wie kurzweilig die Erforschung der eigenen Herkunft mit der Erkundung der historisch-politischen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die chronologischen Aufzeichnungen des Großvaters werden in die diskontinuierliche Erinnerungsarbeit des Erzählers hineinmontiert, werden gesprengt und durch neue Kontexte anders beleuchtet. Auf diese Weise holt Wackwitz die zu Lebzeiten unmögliche Auseinandersetzung mit dem schweigsamen und abweisenden Großvater nach. Durch das halb dokumentarische, halb fiktionale Montageverfahren und die Überlagerung der Zeitebenen gehen die Familienrecherche, die Beschreibung deutscher Topographien und die intellektuelle Biographie des Autors fast nahtlos ineinander über.

So ist denn auch der gesamte Text weder ein Familienroman noch überhaupt ein Roman im klassischen Sinne, sondern eher eine Mischform aus Roman und Essay. An dieser Grenze zwischen Fiktion und historischer Spurensuche entlang zieht sich als roter Faden die Suche nach der eigenen Identität, nach dem Unsichtbaren Land. Dargestellt wird diese Suche als ein schmerzlicher Prozeß mißglückter Identitfikationsversuche. Dessen gleichwohl glückliches Ende halten wir mit diesem Entwicklungsroman eines deutschen Intellektuellen in Händen, der die Erkenntnis zulassen kann, „wie ähnlich mein Leben dem eines Mannes inzwischen geworden ist, dem ich, als er noch lebte und ich jung war, so unähnlich werden wollte wie irgend möglich.“

Anne-Bitt Gerecke

Januar 2004



  
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