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Eine mehr als fünf Jahrzehnte lang verschollene und längst vergessene Kamera
taucht im Jahr 1993 unverhofft wieder auf, wie eine „Flaschenpost“, die „wider
aller Wahrscheinlichkeit jetzt doch noch ihr Ziel erreicht“ – was für ein
grandioser Auftakt für einen historischen Roman über Deutschland im zwanzigsten
Jahrhundert, was für ein Stoff für einen Erzähler auf der Suche nach der eigenen
Vergangenheit, nach seiner wahren Familiengeschichte!
Die wiedergefundene No.1a Pocket Kodak-Kamera gehörte dem Vater von Stephan
Wackwitz. Als Siebzehnjähriger hatte er sie im Jahr 1939 der Royal Navy
aushändigen müssen, als diese den Dampfer „Adolph Woermann“ nach Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs im Südantlantik aufbrachte. Dieses Schiff sollte den jungen
Gustav Wackwitz sowie seine Eltern und Geschwister eigentlich von
Deutsch-Südwestafrika nach Bremerhaven bringen, statt dessen gerieten sie in
Gefangenschaft – und die verlorene Kamera in Vergessenheit. Bis zu dem Tag, an
dem Stephan Wackwitz’ alter Vater den Fotoapparat mitsamt einliegendem Film von
der „Dienststelle für die Benachrichtigung der Angehörigen ehemaliger Soldaten
der Wehrmacht“ in Berlin zugestellt bekommt.
Vater und Sohn Wackwitz knüpfen daran nun die Hoffnung, der enthaltene, noch
unentwickelte Film möge wie der Jahrzehnte lang verschüttete und im
Kupfervitriol jugendlich schön erhaltene Bergmann in Johan Peter Hebels
berühmter Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen auf wundersame
Weise konserviert worden sein. Doch anders als bei der unerhörten Begebenheit in
Hebels Anekdote aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts, gibt es hier „keinen
dramatischen Moment des Wiedererkennens“, „keine überraschende historische
Wendung“, denn der Film hat sich im Laufe eines halben Jahrhunderts zersetzt, zu
sehen ist auf ihm nichts als Schwärze.
Dennoch erhält dieser leere Film für den Autor Wackwitz ein tieferen Sinn:
als unverhofftes Erinnerungsstück löst er eine ebenso unerwartete Neugier auf
die Vergangenheit aus und wird so zum „unsichtbaren Zentrum der verwirrenden,
verborgenen und verschlungenen Windungen eines Familienromans“ – und für Stephan
Wackwitz ganz konkret zum Anlaß einer Entdeckungreise in das Unsichtbare
Land seiner Vorfahren.
Vermutlich haben nur wenige unter den deutschen Schriftstellern der
Nachkriegszeit eine so ergiebige und reich dokumentierte Familiengeschichte wie
Stephan Wackwitz: Sein Großvater, Andreas Wackwitz, hat seit den fünfziger
Jahren auf „zahllosen zwiebelschalendünnen Blättern“ seine Erinnerungen für die
Nachkommen festgehalten. Auf vielen hundert Seiten hat er den „Roman eines
Lebens und eines Landes“ geschrieben. Darin offenbart sich ein zutiefst
protestantischer und zugleich deutschnational gesinnter Mann, dessen
„merkwürdige, fast tickartige, zwanghaft-fatale rassistische Bemerkungen,
Ausfälle und Absencen“ den Enkel wie den Leser gleichermaßen abstoßen. Zugleich
faszinieren diese Erinnerungsbücher aber auch, weil in ihnen auf gespenstische
Weise die „seltsame Begabung“ des Andreas Wackwitz greifbar wird, „an
verschiedenen historisch bedeutsamen Orten des letzten Jahrhunderts und während
verschiedener historisch bedeutsamer Augenblicke […] im Hintergrund irgendwie
aufzutauchen“.
So hat er vom ersten bis zum letzten Tag am Ersten Weltkrieg teilgenommen,
war 1920 beim Kapp-Putsch in Berlin dabei und hat von 1921 bis 1933 als junger
Pfarrer im damals polnischen Anhalt und damit nur wenige Kilometer von Auschwitz
enfernt gewohnt, und zwar in einem Pfarrhaus, in dem wiederum ganz zufällig
einer der wichtigsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, Friedrich
Schleiermacher, aufgewachsen ist. Doch damit nicht genug der historischen
Bedeutsamkeiten: Andreas Wackwitz hat Hitler aus nächster Nähe gesehen, war
während des Endstadiums des deutschen Kolonialismus in Afrika und nach dem
Zweiten Weltkrieg Generalsuperintendent im märkischen Luckenwalde, wo er unter
anderem auch „für einen frommen und sportlichen Jugendlichen“ namens Rudi
Dutschke zuständig war. An allen wichtigen „Brennpunkten“ der deutschen
Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Mann in irgendeiner Form
zugegen.
Zurecht empfindet der Erzähler diese geballte Form der Koinzidenzen und die
große Anzahl von Schnittstellen zwischen persönlicher und allgemeiner Geschichte
als „gespenstisch“ oder „geisterhaft“, wie es leitmotivisch wiederkehrend heißt.
Und so prägt das Motiv des Unheimlichen nicht nur das erzählte Leben, sondern
auch den Text selbst. Das Unheimliche resultiert zum einen aus der augenfälligen
und selbst fast schon romanhaft-phantastischen Schicksalhaftigkeit im Leben des
Großvaters. Zum anderen erwächst es aus den Verdrängungsmechanismen, die das
Erinnern oder genauer gesagt gerade das Nicht-Erinnern des Großvaters zu
bestimmen scheinen: beispielsweise wenn es um die Greuel geht, die im weiteren
Verlauf der deutschen Geschichte mit dem Namen des einst so beschaulichen
Städtchens Auschwitz verknüpft sind. Äußerlich wahrnehmbares Symptom dieses
Verdrängten ist allein ein „steinernes Schweigen“, ein „Totstellreflex“
gegenüber den Fragen und Rechenschaftsforderungen des in den siebziger Jahren
linksradikalen Enkels.
Wackwitz’ Porträt dreier sehr verschiedener Familiengenerationen verknüpft
ebenso klug wie kurzweilig die Erforschung der eigenen Herkunft mit der
Erkundung der historisch-politischen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die chronologischen Aufzeichnungen des Großvaters werden in die
diskontinuierliche Erinnerungsarbeit des Erzählers hineinmontiert, werden
gesprengt und durch neue Kontexte anders beleuchtet. Auf diese Weise holt
Wackwitz die zu Lebzeiten unmögliche Auseinandersetzung mit dem schweigsamen und
abweisenden Großvater nach. Durch das halb dokumentarische, halb fiktionale
Montageverfahren und die Überlagerung der Zeitebenen gehen die
Familienrecherche, die Beschreibung deutscher Topographien und die
intellektuelle Biographie des Autors fast nahtlos ineinander über.
So ist denn auch der gesamte Text weder ein Familienroman noch überhaupt ein
Roman im klassischen Sinne, sondern eher eine Mischform aus Roman und Essay. An
dieser Grenze zwischen Fiktion und historischer Spurensuche entlang zieht sich
als roter Faden die Suche nach der eigenen Identität, nach dem Unsichtbaren
Land. Dargestellt wird diese Suche als ein schmerzlicher Prozeß mißglückter
Identitfikationsversuche. Dessen gleichwohl glückliches Ende halten wir mit
diesem Entwicklungsroman eines deutschen Intellektuellen in Händen, der die
Erkenntnis zulassen kann, „wie ähnlich mein Leben dem eines Mannes inzwischen
geworden ist, dem ich, als er noch lebte und ich jung war, so unähnlich werden
wollte wie irgend möglich.“
Anne-Bitt Gerecke
Januar 2004
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