Inhalt
Bücher
Belletristik
Sachbücher
Kinder- und Jugendbücher
Autoren
Übersetzungsförderung
Übersetzungsförderung Argentinien / Hispanoamerika
Vorschau

HomeÜber UnsPresseNewsletterKontaktImpressumLinksSitemap


  
zur Titelübersicht
 
 Image Karl-Heinz Ott

Endlich Stille

Hoffmann und Campe Verlag
Hamburg 2005
ISBN 3-455-05830-2
207 Seiten


Verlagskontakt
Buchbesprechung
Leseproben
Lizenzen
 Buchbesprechung

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag – den man jedoch erst sehr viel später als solchen erkennt, denn zunächst klingt das alles sehr zurückgenommen und idyllisch: „Endlich Stille. Nur Bussarde über mir. Beim Hinabsteigen das Geräusch von Geröll. Es klang, als möchte es ihm nachfolgen.“ Erst gegen Ende des Romans begreift man, wovon und von wem da in diesen schlichten Naturimpressionen die Rede ist: von einem perfekten Mord. Begangen hat ihn ein denkbar friedliebender, konfliktscheuer Mensch – in einem Akt der Notwehr, um sich mit diesem überraschend kaltblütigen Befreiungsschlag das eigene Leben zurückzuerobern. Denn nicht weniger als das hatte sich ein skrupelloser Eindringling zuvor mit der größten Selbstverständlichkeit angeeignet.

Der Ich-Erzähler, Philosophieprofessor in Basel, bleibt bis zuletzt namenlos, das Grauen dagegen hat einen Namen: Es heißt Friedrich Grävenich. Das ist ein ungepflegter Kerl, der sich als Klavierdozent an der Mannheimer Musikhochschule ausgibt und den der Erzähler nach einer zufälligen Begegnung auf dem Straßburger Bahnhof einfach nicht mehr loswird. Unablässig schwadroniert dieser Fremde vor sich hin, in seinem Reden ebenso rücksichtslos wie in seinem ungehobelten Verhalten allem und jedem gegenüber. Es ist seine atemberaubend vehemente Dreistigkeit, der dieser Erzähler von Anfang an hilflos ausgeliefert ist und derer er sich nach den üblichen gesellschaftlichen Spielregeln von Höflichkeit und Rücksichtnahme nicht zu erwehren weiß: „Zum ersten Mal in meinem Leben war ich mit einem Wesen konfrontiert, das keine instinktive Distanz kannte.“

Ohnmacht und Aggressivität angesichts dieses Egoismus, mit dem der Erzähler hier vom ersten Moment an überrollt wird, vermitteln sich dem Leser so unmittelbar, daß er den Erzähler am Kragen packen und zum Hinauswurf dieses unerträglichen Kerls ermuntern möchte. Doch genau dazu sieht sich der freundliche Philosoph, dessen Forschungsthema ausgerechnet Spinozas paradoxe Negation der Willensfreiheit ist, außerstande.

Und so durchleiden wir mit ihm einen endlos lang erscheinenden heißen Sommer, in dem der gleichsam in Schreckensstarre verfallene Protagonist mit allen möglichen Tricks und Ausflüchten versucht, den ungebetenen Gast loszuwerden und seine Wohnung endlich wieder für sich allein zu haben. Doch alle diese Befreiungsversuche scheitern, bis eines Tages der Leidensdruck unerträglich wird. Denn nicht nur die biederen Kollegen von der Universität beobachten seinen neuerdings recht ausschweifenden Lebenswandel in der Gesellschaft dieses ungepflegten Zeitgenossen mit Argusaugen.

Die Verzweiflung treibt den Arglosen schließlich dazu, sich auf so schlichte wie raffinierte Weise von seinem Verfolger zu befreien. Denn: „Um endlich wieder Gnade mit mir selbst üben zu können, durfte es ihm gegenüber keine mehr geben.“ Und so sorgt er einfach dafür, daß Grävenich bei einer gemeinsamen Gebirgswanderung vom Weg abkommt und in die Tiefe stürzt.

In seinem zweiten Roman, der von der Kritik durchweg begeistert aufgenommen wurde, erzählt Karl-Heinz Ott diese Geschichte einer psychischen und physischen Okkupation so fesselnd und plastisch, dass man die Qual des Bedrängtseins, die den Protagonisten hier wochenlang quält, lesend miterlebt und eine gewisse Erleichterung nicht leugnen kann, wenn „Endlich Stille“ herrscht.

Diese in der Rückschau erzählte Geschichte beschreibt also nicht weniger als die Emanzipation eines Ich, das durch den Gewaltakt erstmals zu sich selbst zu kommen scheint, das sich genau in jenem Moment amoralisch selbst behauptet, als es seine Identität endgültig zu verlieren droht: „Jetzt, vier Monate danach, werde ich damit leben müssen, dass diese Begegnung sich als weitreichender als alle bisherigen in meinem Leben erweisen sollte und dieser Mensch sich weniger als jeder andere aus meinem Gedächtnis ausradieren lassen wird. Niemandem, so nahe er mir auch sein mag, werde ich diese Geschichte je mitteilen können, doch die Last dieses Geheimnisses gibt mir vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, erwachsen zu sein.“

Karl-Heinz Otts Kammerspiel vermittelt das Hereinbrechen des Bedrohlichen und Absurden in die Welt der Normalität vollkommen glaubhaft; mit albtraumhafter innerer Konsequenz (und abgründigem Humor) entfaltet das Geschehen sich bis zur äußersten Zuspitzung. Die Musikalität der Sprache, die Rhythmisierung des Erzählens und die Dynamik des Erzählten verbinden sich zu einem mitreißenden Buch über das Wechselspiel von Macht und Ohnmacht, Hoffnung und Verzweiflung – oft ungeheuer komisch und entsetzlich zugleich.

Anne-Bitt Gerecke
März 2006



  
Druckversion
zum Seitenanfangzur Titelübersicht