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 Image Georg Klein

Die Sonne scheint uns

Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg 2004
ISBN 3-250-10464-7
208 Seiten


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Wer Psycho-Schocker und Horrorfilme kennt, weiß, daß der Schrecken oft in den Gängen undurchschaubarer Häuser wohnt. Atemlos irrt man in Stanley Kubricks Shining mit einem kleinen Jungen auf seinem Kettcar durch die dunklen Flure eines menschenleeren Hotels oder durchstreift die Backsteindüsternis des New Yorker Dakota Buildings in Roman Polanskis Rosemaries Baby. Die in den Dünen gelegene Holzvilla des Norman Bates aus Psycho ist regelrecht zum Inbegriff des bösen Hauses geworden. Unzählige Hochhäuser bieten mit ihren immer gleich anmutenden Ganglabyrinthen, Fahrstuhlschächten und unterirdischen Verzweigungen genügend Raum zur Darstellung klaustrophobischer Phantasien oder katastrophischer Zuspitzungen. Meist ist es ein kleines Häuflein sehr unterschiedlicher Personen, die von einem plötzlich hereinbrechenden Zufall zusammengeführt werden und deren Überleben auf dem Spiel steht. Was meist blutig endet und die Guten geläutert ins Licht heraustreten läßt.

Genau dieses Muster ist es, daß der 1953 in Augsburg geborene Autor Georg Klein seinem neuen Roman Die Sonne scheint uns zugrunde legt. Vier Männer und eine Frau finden sich an einem scheinbar hellen, warmen Märztag in der Cafeteria eines leerstehenden, heruntergekommenen 50er-Jahre-Hochhauses zusammen und warten auf ihren Boß. Ein mysteriöser alter Herr, dessen Name Gabor Cziffra ebenso fremdländisch klingt wie sein Zungenschlag, hat die fünf eines sonderbaren Auftrages wegen an diesen von der Außenwelt vollkommen abgeschnittenen Ort bestellt. Cziffra ist der heimliche Pate des sogenannten Salzhafens, eines brachliegenden Industriereviers im Hafen einer norddeutschen Stadt (hinter der Hamburg mit seinem Stadtteil St. Pauli vermutet werden darf). Er betraut den Trupp mit der Aufgabe, in dem Gebäude, an dessen Stelle bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ein „Museum der Weltmirakel“ stand und dessen Abriß kurz bevorsteht, die „Sonne“ zu finden, einen Gegenstand von offenbar kultischer Bedeutung.

Wie sich im Laufe der Streifzüge herausstellt, handelt es sich dabei um eine Planetenscheibe ähnlich der Himmelsscheibe von Nebra, die einst in dem Museum einen Ehrenplatz gehabt haben soll. Der Lohn, der den Teilnehmern der Mission in Aussicht gestellt wird, ist beträchtlich. Entsprechend blutig schreitet die Sache voran, denn es gilt die gandenlose Regel: Wenn einer von ihnen stirbt, bekommen die anderen seinen Anteil. Das Häuflein geistert Tag und Nacht durch das verfallende Gebäude, ernährt sich von längst abgelaufenem Kantinenfraß, sieht sich immer neuen Hindernissen gegenüber und wird merklich dezimiert.

Erzählt werden die Erkundungsgänge in der ersten Hälfte des Romans von Bitter Lemon, einem der Teilnehmer. Wie seine Mitstreiter verdankt auch er seinen Codenamen seinem Lieblingsgetränk. Dieser Bitter Lemon erweist sich als schläfriger, mitunter in wahnhafte Vorstellungen abrutschender und im ganzen unzuverlässiger Chronist. Im zweiten Teil des Romans übernimmt folgerichtig Gabor Cziffra das Erzählen, zwar verborgen in einem „Kümmerkasten“ oberhalb des Fahrstuhls, dafür aber mit beliebiger Übersicht und allen Einflußmöglichkeiten ausgestattet.

Das Geschehen enthüllt sich nach einiger Zeit als ausgeklügelte Versuchsanordnung Cziffras, der von seiner erhöhten Position aus Hindernisse errichtet, Regeln ändert und über Schicksale bestimmt. Der klingende Name dieses reichen Strippenziehers Cziffra (hinter dem sich auch der Film-Regisseur Geza von Cziffra erkennen ließe) legt denn auch nahe, die Architektur des Hochhauses mit ihren Fluchten, Winkeln, Etagen und unübersichtlichen Stiegen als Chiffre für den kunstreich verstrebten Text überhaupt zu begreifen. Elf Stockwerke hat das Haus, und elf Kapitel der Roman. Das Hochhaus und seine zerstörten Vorgängergebäude – außer dem Museum befand sich vormals auch ein Lux-Kino an diesem Ort – spielen die Hauptrolle und werden zum Zeichen sowohl für die formale Mischung der Stilelemente als auch für die unter allerlei Schutt vergrabenen Zeugnisse deutscher Geschichte.

Im Spiel mit den Genregesetzen des Horror-Romans und -Films legt Georg Klein mit seinem bisher ambitioniertesten und trotzdem griffigen Roman nicht nur eine spannende Story vor, sondern auch ein Schaustück über das Wesen der Fiktion, darüber, wie man einen eigenen literarischen Kosmos erzeugt, der sich aus Versatzstücken der uns vertrauten Wirklichkeit ebenso speist wie aus der sogenannten Trash- und Trivialkultur des Kinos, der Comics und der Unterhaltungsliteratur. In der deutschen Gegenwartsliteratur steht Klein nicht allein mit dieser künstlich herbei-geführten Konfrontation von Archaik und Moderne, die wir aus Filmen von Mad-Max bis Matrix gut kennen.

Zusammen mit Autoren wie Henning Ahrens oder auch Tobias O. Meißner bildet Klein eine regelrechte Troika meisterhafter Genreverschmelzung, die sich um die heiligen Grenzbäume zwischen literarischem Anspruch und gut gemachter Unterhaltung nicht schert. Kaum einem deutschsprachigen Autor gelingt es derzeit so beeindruckend, aus dieser Kombination solche substanziellen Funken zu schlagen. Mit seinen bisher drei Romanen, die allesamt ein literarisches Genre aufgreifen, souverän über dessen vorgegebene Strukturmuster, Rollenverteilungen und Sprachkultur verfügen und diese artistisch und kühn in immer neue Verbindungen bringen, hat sich Georg Klein fast zu einer Art Quentin Tarantino der Literatur entwickelt. Wie dieser den Schund unzähliger B-Movies zu hoch artifiziellen filmischen Auseinandersetzungen mit überkommenen Genres macht, verarbeitet auch Georg Klein mit unerschöpflicher Sprach- und Konstruktionsphantasie riesige Mengen niederster wie anspruchsvoller Lektüren.

So begegnet der Leser einerseits einem Horrorszenario, in dem ein unerkannter Keulenmörder sein Unwesen treibt, in dem Blut fließt, zwei Teilnehmer sterben sowie verschimmelnde Leichen und allerlei drastisch geschilderte Körperfunktionen hinzunehmen sind. Gleichzeitig aber öffnen sich in der Architektur dieses Romans auch komische Erzählebenen, verweist doch der Erzähler Bitter Lemon des öfteren auf seine große Sammlung von Disneys „Lustigen Taschenbüchern“. Gabor Cziffra, wiederholt als „Onkel“ tituliert und seinerseits mit strengem Blick auf seine „Neffen“ fixiert, erinnert zudem nicht nur klanglich an den schwerreichen Dagobert – einen Geldtresor hat er ebenfalls.

Doch nicht nur Horror und Komik verschmelzen hier zu einer eigenwilligen Legierung. Mit diesem Roman setzt Georg Klein auch seine erzählerischen Expeditionen ins Innere deutscher Geschichte und deutscher Erinnerungskultur fort. Von deren Suchbewegungen waren bereits sein als Detektivgeschichte getarnter Roman Barbar Rosa (2003) und seine jüngste Sammlung von Erzählungen mit dem programmatischen Titel Von den Deutschen (2004) geprägt. Es ist das Verdienst dieses sprachmächtigen Autors, seine Probebohrungen im deutschen Selbstverständnis und dem Umgang mit den seelischen Verheerungen des Nationalsozialismus und der restaurativen Adenauer-Ära nicht in plakativer Rollenprosa auszustellen. Klein sucht nach Zeugnissen deutscher Kultur und deutscher Barbarei, die als kaum bemerkte Kriechströme auch unsere Gegenwart bestimmen. In Die Sonne scheint uns sind es letzte Zeugen des Bombenkrieges, der SS-Verbrechen und des nationalsozialistischen Arisierungswahns, die bei der nur vordergründig auf Gruseleffekte angelegten Suche nach dem urzeitlichen Artefakt ins Licht gerückt werden. Es zeichnet Georg Klein als bedeutenden Erzähler aus, daß er diesen Umstand bilderreich zeigen kann, ohne ihn erklären zu müssen.

Oliver Jahn
März 2005



  
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