Inhalt
Bücher
Belletristik
Sachbücher
Kinder- und Jugendbücher
Autoren
Magazin
Übersetzungsförderung
Übersetzungsförderung Argentinien / Hispanoamerika
Vorschau

HomeÜber UnsPresseNewsletterKontaktImpressumLinksSitemap


  
zur Titelübersicht
 
 Image Ulf Erdmann Ziegler

Hamburger Hochbahn

Wallstein Verlag
Göttingen 2007
ISBN 3-8353-0096-5
330 Seiten


Verlagskontakt
Buchbesprechung
Leseproben
 Buchbesprechung

„Architekt wird man, wenn man zur Kunst keinen Mut hat und Physik auf die Dauer zu anstrengend findet“ – so lautet das auf den ersten Blick ernüchternde Fazit, als Thomas Schwarz, um die Vierzig und selbst Architekt, 2002 während eines zweimonatigen Sabbaticals in St. Louis sein Leben Revue passieren läßt. Zum ersten Mal nimmt er sich die Zeit, seine langjährige Freundin, die international bekannte Installationskünstlerin Elise Katz, auf einer ihrer Reisen zu begleiten und ihr zuzusehen „bei jener Tätigkeit, aus der ihr Ruf gewachsen war: mit leeren Händen zu kommen und ein Kunstwerk zurückzulassen“.

Anlaß und Auslöser für Thomas’ persönliche Bilanz ist neben der ungewohnten freien Zeit (in der er tun will, „was sie in der Gauloise-Werbung tun“, nämlich einfach gar nichts), ein Gastvortrag, den er an der Washington University vor angehenden Architekten halten soll. Thema ist sein eigener Werdegang zum Kommunikationschef eines renommierten Hamburger Architekturbüros. Die Selbstbefragung an symbolträchtigem Ort entfaltet Ulf Erdmann Zieglers Roman als ein nur scheinbar zielloses Suchen nach den Zusammenhängen, die das eigene Leben strukturieren, und er folgt dabei der sprunghaften Logik der Erinnerung: „Tom spürte die Erschöpfung des Müßiggangs, die ausgefransten Enden in der Revision seines Schicksals. Er sah sich zurückkehren an den Anfang […].“

Ein symbolischer Ort ist die Metropole im mittleren Westen insofern, als Tom Schwarz, wie er sich damals nannte, vor einem Vierteljahrhundert als Austauschschüler schon einmal hier gelebt hat, für ein Jahr. Damals war für den Jungen aus der norddeutschen Provinz Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und das Leben selbst ein Angebot unendlich vieler verschiedener Entwürfe. Mit der Rückkehr an diesen Ort des beginnenden Erwachsenwerdens schließt sich für Thomas ein Kreis; und so wird die Rückschau auf sein bisheriges Leben möglich und zwingend: „Er war unterwegs. Er war dabei, sich zurückzuverwandeln in Tom Schwarz.“

So ist es zum einen eine Coming-of-Age-Geschichte, die Ziegler erzählt – nicht nur die seines Helden, sondern zugleich auch die der ganzen Generation der in den späten fünfziger Jahren Geborenen, die auszubrechen suchen aus der Enge ihrer familiären und geistigen Herkunft, ohne jedoch genau zu wissen, welche neuen beruflichen und persönlichen Ziele sie eigentlich ansteuern wollen. Aus Unentschlossenheit und Entscheidungsunfähigkeit und dem zeittypischen Gefühl des anything goes sind viele Entscheidungen nie bewußt gefällt, aber im vermeintlichen Offenhalten aller Möglichkeiten dann doch längst schon getroffen worden, hat sich aus den vielen offenen Enden wie von selbst etwas Geschlossenes ergeben: der eigene Lebensweg nämlich.

Die zwei Monate freier Zeit am Mississippi werden für Thomas zur Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, als er in der Vorbereitung auf seinen Vortrag beginnt, die beruflichen wie privaten Stationen Revue passieren zu lassen, die ihn zu dem gemacht haben, der er nun ist. Die Zukunft kommt in St. Louis insofern ins Spiel, als man ihm nach seinem erfolgreichen Auftritt eine Professur an der Washington University anbietet, dem akademischen Prunkstück der Stadt. Ein Angebot, das ihn gerade angesichts seines bislang eher mäandernden Lebenswegs und seines Haderns mit der eigenen Entscheidungsunfähigkeit sehr reizt – und gegen das er sich am Ende dann doch entscheiden wird, um (zumindest vorerst) mit Elise nach Hamburg zurückzukehren. Zum ersten Mal nimmt er damit wirklich entschieden sein Leben in die Hand.

Ziegler gelingt es erstaunlich leichthändig, die rund 30 Jahre bundesrepublikanischer Geschichte, vor deren Folie sich Thomas’ Leben abspielt, in einzelne Geschichten aufzulösen, die den gesellschaftlichen Wandel, die historischen Einschnitte (vor allem natürlich den Fall der Mauer) reflektieren und ihre mal mehr, mal weniger deutlichen Wirkungen auf die Entwicklung seines Helden und seiner Umgebung erkennen lassen.

So lassen sich in den achronologisch auftauchenden Etappen der Erinnerungsarbeit immer auch zeittypische Denk- und Verhaltensweisen wiederfinden, die hier aber ganz ins Individuelle gewendet sind und die Figur auch unabhängig von diesem spezifisch deutschen Erfahrungshintergrund plastisch konturieren. Von den Lüneburger Schuljahren führt dieser Weg durch die Braunschweiger Studentenzeit und eine damals geschlossene und nun zu Ende gehende Freundschaft, von den Anfängen als bloß zuarbeitender Zeichner in einem Hamburger Architektenbüro über die Begegnung mit Elise und der Kunstszene bis zum unverhofften Aufstieg zum Kommunikationschef im Architekturbüro eines Studienfreundes.

Es ist ein äußerst komplexes und bemerkenswert tragfähiges Erzählgebäude, das der ausgewiesene Kunst- und Architekturkritiker Ziegler, der mit seinem Protagonisten wohl mehr als nur das Alter teilt, in seinem späten, ausgereiften Romandebüt errichtet. Weil die Erinnerungsschichten nicht linear, sondern in einem manchmal mühsamen und schmerzhaften Rekonstruktions- und Erkenntnisprozeß abgetragen werden, kann er die verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen geschickt gegeneinander schneiden und souverän überblenden. Von der Ebene der Erzählgegenwart in St. Louis, die durch den Wechsel des Erzählers in die dritte Person auf Distanz gebracht wird, geht es nahtlos in der Ich-Form zurück zu den prägenden Lebensereignissen, die rekapituliert und rekonstruiert werden. Auf die Weise rückt das Vergangene nahe, wird es in seinem Hineinwirken in die Gegenwart spürbar.

Beeindruckend ist schließlich die Lässigkeit und Präzision, mit der Ziegler immer wieder Beobachtungen zur Architektur einflicht, die den erfahrenen Kritiker erkennen lassen, sich aber völlig organisch in den Textzusammenhang einfügen und ihrerseits das Verhältnis von Stadtplanung, Bau- und Lebensweisen so ausleuchten, daß auch an ihnen so etwas wie eine bundesdeutsche Mentalitätsgeschichte ablesbar wird. Hamburger Hochbahn besticht durch ein realistisch gesättigtes Erzählen und einen scharfen Blick für die Codes und Verhaltensnormen eines spezifischen künstlerisch-intellektuellen Milieus. Der Roman ist so anspielungsreich, so genau beobachtend und weiß seine klugen Reflexionen in eine sinnliche Bildsprache ebenso wie in treffende Aphorismen zu kleiden, daß er als Liebes- und Adoleszenzgeschichte ebenso überzeugt und Vergnügen bereitet wie als Gesellschafts- und Zeitroman.

Anne-Bitt Gerecke
Oktober 2007



  
Druckversion
zum Seitenanfangzur Titelübersicht