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„Melancholia balneum diaboli est.“ Melancholie ist das Bad des Teufels. Diesen Aphorismus, in Druckbuchstaben auf Postkarten gemalt, verschickt die namenlose Heldin aus Marion Poschmanns Hundenovelle an all ihre früheren Bekannten. Anonym und unfrankiert. „Wer es wissen wollte, sollte dafür selber zahlen.“ Diese finstere Weisheit ist die letzte Nachricht der Ich-Erzählerin an ihr Umfeld. Sie selbst ist zu diesem Zeitpunkt schon fast in einem schwarzen Strudel versunken, auf dem Weg in ihr Schattenreich.
Poschmann erzählt in ihrer streng den Regeln dieses Genres folgenden Novelle die langsam fortschreitende Krankheitsgeschichte einer Melancholikerin. Die junge Frau, gerade arbeitslos geworden, hat ihre krebskranke Mutter verloren. Sie ist allein. Fixiert auf sich selbst, verliert sie sich an ihre pessimistische Lebenseinstellung. Sie verbringt ihre Tage damit, durch die Stadt zu streunen und zu beobachteten, wie die Grenzen ihrer bisherigen Welt verschwimmen. Sie wirkt, als wäre sie aus dieser heraus gefallen – hinein in eine düstere Parallelwelt. Zwischen Müllplatz und Rieselfeld erobert sie bei ihren täglichen Spaziergängen den Stadtrand. Dort erlebt sie die üppig wuchernde Natur als Kontrast zur grauen Betonzivilisation. Poschmann beschreibt dies in einer eigenwilligen Naturpoesie. Die grüne Urgewalt schießt aus den grauen Betonspalten, wuchert über verrosteten Stahlbauten und überdeckt ihre von Menschen geschaffene Umgebung. Eigenartig ist auch die Verbindung von Natur und Zeit: „Langsam, sehr langsam schraubten sich Pflanzen aus dem verhärteten Boden hervor, sie wuchsen spiralförmig, drehten sich unmerklich nach oben, zu den Seiten, füllten Raum aus, ließen Knospen klaffen, Blätter lappen, verstreuten Blütenstaub, all das sah niemand, zu langsam, man sah es nicht mit bloßem Auge, sah vielleicht das Resultat, eine Verlängerung, eine Verdickung.“ Die Realität löst sich im Blick der Erzählerin auf, das Alltägliche wird verfremdet. Die Heldin, ihre Umwelt, vor allem aber sich selbst beobachtend, hat nur selten die Chance, sich mit anderen auszutauschen. Meist gleitet sie von der Betrachtung der tristen Stadtrandzonen direkt hinein in ihre schwarze Seelenlandschaft. Und die Protagonistin erkennt mit stockendem Atem: „Die Landschaft bemächtigte sich meiner.“
Doch keine Novelle ohne unerhörte Begebenheit. Sie ereignet sich mit dem Auftritt einer ungepflegten, diabolischen Kreatur, die ab diesem Zeitpunkt das Leben der Heldin beherrscht. Inmitten einer dunklen, trostlosen Landschaft schmiegt sich das schwarze Wesen an ihr Bein. Es ist ein streunender Hund, aus dem Nichts kommend. Damit setzt Poschmann einen deutlichen Verweis zu Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“. Bei Dürer starrt ein geflügelter Engel düster sinnend in die Ferne. Zu seinen Füßen schläft ein abgemagerter Hund, daneben liegt lose verstreutes Werkzeug. Eine Fledermaus trägt am dunklen Himmel den Titel des Bildes in Form einer Banderole durch die Luft. Poschmann holt Dürer in die literarische Gegenwart: „Ich hielt meinen Kopf auf die geballte Faust gestützt und starrte über die verwilderte Wiese“. In diesem Moment geschieht die unerhörte Begebenheit, „ein schwarzes Tier strich aus dem Gebüsch und rollte sich zu meinen Füßen ein.“ Im Gras liegen Hammer, Hobel und Nägel, während eine Fledermaus an ihrem Kopf vorbeihuscht.
Zu dem zugelaufenen Hund baut die Erzählerin eine zwiespältige Beziehung auf. Sie gibt ihm Futter, bringt ihn in den Hundesalon und schneidert dem Geschorenen sogar ein Mäntelchen. Trotzdem empfindet sie ihn eher als unheimlichen Eindringling denn als willkommenen Kumpan. Sie bewundert seine geheimnisvolle Eleganz, findet ihn „auf ungewöhnliche, beängstigende Weise schön.“ Mit seinen imposanten Bewegungen, die sie „in gewisser Weise erschreckten“ und mit denen er sich ihrer Wohnung bemächtigt, ist ihr ganz persönlicher Höllenhund allgegenwärtig.
Außer in wenigen Momenten bizarrer Situationskomik, im Hundesalon oder beim Tierarzt, ist das Leben der Protagonistin von Düsternis und Einsamkeit geprägt. Ihre Isolation macht die mitteljunge Erzählerin jedoch nicht traurig oder leidend, sondern misanthropisch: „Es war eine sonderbare Wut, die mich vorantrieb. Ein heißer Zorn hatte sich aus mir herausgewälzt und in der gesamten Umgebung ausgebreitet.“
So verwundert es nicht, dass sie auch die Gegenwart des Vierbeiners, der ihr scheinbar die Luft zum Atmen nimmt, irgendwann nicht mehr erträgt. In einem verlassenen Waldstück setzt sie ihn aus und flüchtet in die völlige Einsamkeit. Doch vor der dämonischen Kreatur gibt es kein Entkommen. Der schwarze Todesbote kommt zurück und stirbt im Moment ihres Wiedersehens, auf der Türschwelle – der Grenze zwischen ihrem Traumgebilde und der Welt. Über den Kadaver hinweg schreitet sie hinaus in die Nacht. Und in dieser herrschen Orions Hunde, die über den Sternenhimmel jagen. Am Ende dieses philosophischen Bilderirrgartens trägt „Canis maior, der Hund mit dem gleißend hellen Gesicht (...) den hellsten Stern des Himmels im Maul.“
Christine Fehenberger
Dezember 2008
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