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 Image Norbert Gstrein

Die Winter im Süden

Carl Hanser Verlag
München 2008
ISBN 978-3-446-23048-4
288 Seiten


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Sommer 1991, in Jugoslawien bricht der Krieg aus. Meldungen über Gefechte, brennende Dörfer und erste Opfer häufen sich. Wer kann, ergreift die Flucht und verlässt das Land. Eine aber wählt den umgekehrten Weg, Marija. Sie kehrt ihrem sicheren Leben in Wien den Rücken, um auf unbestimmte Zeit nach Zagreb zu ziehen. Warum? Sie weiß es nicht.

Es ist ein fesselnder Auftakt, der dem Österreicher Norbert Gstrein in seinem jüngsten Buch Die Winter im Süden gelungen ist. Wie schon in Das Handwerk des Tötens, dem 2003 erschienenen Roman des vielfach ausgezeichneten Autors, spielt auch diesmal der Balkankonflikt eine entscheidende Rolle; und Jugoslawien ist zum überwiegenden Teil auch Schauplatz der Handlung. Doch anders als im Vorgängerroman geht es hier nicht nur um die Ereignisse in den 90er Jahren, sondern die erzählte Zeitspanne ist weitaus größer, sie schließt auch die politischen und menschlichen Wirren am Ende des 2. Weltkriegs mit ein. Auch die Perspektive ist eine andere. Stand zuvor die Frage im Vordergrund, ob und wenn ja, wie sich angemessen über den Krieg schreiben lässt, so bilden die Kriegsgeschehnisse hier nurmehr die Folie, vor der die Geschichte zweier Leben erzählt wird.

Zwei Leben, zwei Schicksale. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und sind doch untrennbar miteinander verbunden. Da ist zum einen Marija, eine Frau um die Fünfzig, die als kleines Mädchen mit ihrer Mutter von Zagreb nach Wien geflohen ist und seither dort lebt – die letzten Jahrzehnte hat sie an der Seite eines Mannes verbracht, den sie einmal sehr bewundert hat und für den sie inzwischen nur noch Verachtung empfindet. Und zum anderen: Der „Alte“ (er bleibt bezeichnenderweise ohne Namen), kroatischer Faschist im 2. Weltkrieg, der nach seiner Flucht aus der Kriegsgefangenschaft nach Argentinien ausgewandert ist. Dort lebt er mit seiner dritten Frau und zwei kleinen Töchtern. Das neuerliche Aufflammen des Balkankonflikts treibt schließlich sowohl Marija als auch den Alten nach fast einem halben Jahrhundert zurück nach Zagreb.

Im raffinierten Wechsel zwischen Rückblenden und Gegenwart entfaltet der Roman ihrer beider Leben: Mal heftet sich der personale Erzähler an Marijas Fersen, mal an Ludwig, der als eine Art Adjutant des Alten fungiert. Gerade im ersten Teil des Buches arbeitet Gstrein viel mit Andeutungen und Anspielungen, und aus diesem nur schrittweisen Enthüllen der wahren Zusammenhänge bezieht der Roman eine besondere Form der Spannung: Woher rühren zum Beispiel Marijas Minderwertigkeitskomplexe, und warum ist der Alte so besessen von seiner kroatischen Vergangenheit? Stellenweise gleicht das Buch einem Puzzle, dessen Einzelteile sich für den Leser erst nach und nach zu einem schlüssigen Bild zusammenfügen.

Was Marija nicht weiß und der Alte die längste Zeit ignoriert: Er ist der Mann, den sie seit 45 Jahren für tot gehalten hat, ihr Vater. Erst in Zagreb erfährt sie, eher zufällig, dass er noch am Leben ist. Durch die Rückblenden ahnt der Leser schon länger etwas von dieser Verbindung, doch warum ist der Vater damals verschwunden und hat all die Jahre kein Lebenszeichen von sich gegeben? Und, interessanter noch: Werden sich die beiden wiedersehen, und wenn ja, wie wird ihre Begegnung verlaufen? Diese Frage zieht sich untergründig durch den gesamten Roman. Gstreins erzählerische Meisterschaft zeigt sich hier nicht nur in der sorgfältigen Komposition der verschiedenen Erzählebenen und im gekonnten Spannungsaufbau, sondern ebenso in dem epischen Grundton, der den Roman prägt: Lange, bildreiche Sätze und eine rhythmische Sprache erzeugen den ganz eigenen Ton dieser beiden melancholisch gefärbten und dennoch nie sentimentalen Lebens-Geschichten.

Je mehr wir im Verlauf dieses vielschichtigen Romans über Marija erfahren, desto klarer wird, welche zentrale Rolle der Vater trotz – oder gerade wegen – seiner Abwesenheit in ihrem Leben spielt. Und zwar in doppelter Hinsicht: Als Kind hat sie ihn schrecklich vermisst, hat wildfremde Leute gefragt, wann er denn endlich wiederkäme. Als Erwachsene dann hat sie sich jahrzehntelang für die Vergangenheit des Vaters geschämt und geglaubt, sich seinetwegen vor ihrem Mann rechtfertigen zu müssen, wenn dieser (einst selbst voller kommunistischer Ambitionen) ihr im Streit mal wieder ihre Herkunft vorgeworfen hat.

Und der Vater selbst? Sympathisch ist der Alte nicht, bestenfalls ein verschrobener Kauz. Und wie steht es um sein Verhältnis zur Tochter? Zu der Tochter, der er nach dem Krieg den Rücken gekehrt und die er all die Jahre bewusst in dem Glauben gelassen hat, er sei tot? Vieles deutet darauf hin, dass er nicht glücklich ist mit seinem Lebensweg. Doch dabei scheint er die Vergangenheit so stark verdrängt zu haben und der Realität so weit entrückt zu sein, dass ihm echte menschliche Gefühle abhanden gekommen sind. Besessen ist er nur von einem, dem Krieg. Er hat die damalige Niederlage nie verwunden und lebt sein Leben noch immer „wie ein Soldat auf Abruf“. Sein Schießstand im Keller, wo er täglich übt, ist nur ein Beispiel dafür. Nun, da auf dem Balkan erneut der Krieg ausbricht, sieht er seine große Stunde gekommen, um jenen Kampf wieder aufzunehmen, „der damals nicht zuende geführt worden ist“.

Dass Vater und Tochter einander schließlich doch nicht begegnen, ist eine gute Nachricht für den Leser. Denn wie hätte eine solche Begegnung anders enden können als in der Katastrophe oder in unglaubwürdigem Kitsch? Viel entscheidender ist doch, dass Marija sich nach mehr als einem halben Leben in Zagreb erstmals gedanklich mit einem lebendigen Vater auseinandersetzt. Was sie während dieses Prozesses erkennt, weist über die reine Vater-Tochter-Problematik weit hinaus. So erkennt Marija, dass der abwesende Vater für sie auch ein Alibi war, um sich als „wartendes Mädchen“ dem Leben nicht wirklich stellen zu müssen: „Sie hatte sich immer gefragt, ob das Leben sich dann auch so zufällig angefühlt hätte oder ob es notwendiger gewesen wäre, schwerer vielleicht, in dem Paradies, das sie in Erinnerung hatte.“

Doch nicht nur Marija, auch ihr Vater, ihr Ehemann und Ludwig, der Adjutant, leiden an der „Zufälligkeit“ ihres Daseins. Mit dem Krieg im Hintergrund – dem Reich des existenziellen Handelns, der Entscheidungen, der Notwendigkeit – tritt das Empfinden von Beliebigkeit umso schärfer zutage. Fragen und Kontraste wie diese bilden das eigentliche Grundthema des Buches. Und so hat Norbert Gstrein keine einfache Vater-Tochter-Geschichte geschrieben, sondern zugleich einen Eheroman und einen Kriegsbericht – grundiert von der steten Frage, was ein sinnvolles Leben eigentlich ausmacht.

Anne Nordmann November 2009


  
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