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Ein französischer Offizier beobachtet die belagerte Festung, die Verteidigung durch die Eingeschlossenen erscheint ihm als »das reinste Guignol«, ein Kasperltheater von Verrückten. Mit dieser Szene, die Anfang und Ende des Romans einrahmt, erreicht der Erste Weltkrieg die deutsche Musterkolonie Tola-Land und beendet ein Projekt von phantastischer Verstiegenheit: die Aufforstung der afrikanischen Steppe mit deutschen Hölzern, mit Tannen, Fichten, Pappeln.
Afrika dient der Literatur seit Joseph Conrads selbst zur Metapher geronnenen Novelle Heart of Darkness immer wieder als höchst ambivalent besetzter Sehnsuchts- und Schicksalsraum; in der Nachfolge von Uwe Timms Morenga entdecken nun auch deutsche Autoren zunehmend die Kolonialgeschichte des eigenen Landes. Der 1977 geborene Literaturwissenschaftler, Journalist und Schriftsteller Thomas von Steinaecker interessiert sich bereits seit seinem Debütroman Wallner beginnt zu fliegen für die menschlichen Fluchten aus der Realität und experimentiert dabei mit Schnitt- und Montage-Techniken bis hin zur Bricolage von Erzählung und Comic-Elementen in seinem preisgekrönten Roman Geister. In seinem jüngsten Roman ruft von Steinaecker zwar bereits mit dem Titel die euphemisierende Diktion der wilhelminischen Kolonialstrebungen auf – »Deutsche Schutzgebiete« hießen unter Bismarck die kolonialen Territorien –, entscheidet sich aber zugleich konsequent gegen das historische Erzählen.
Es ist ein höchst skurriles Personal, das von Steinaecker in Schutzgebiet auftreten lässt: Da ist zuerst Ludwig Gerber, um sein Erbe betrogener Sohn einer bayerischen Forstwirt-Dynastie ohne Händchen für die Forstwirtschaft, dann seine um die Mitgift gebrachte und betrogene Schwester Käthe und schließlich der Deutsch-Amerikaner Henry Peters, der im hochfliegenden Wunsch, Architekt zu werden, den Namen seines ertrunkenen Dienstherren an- und dessen Position einnimmt, um in der afrikanischen Steppe die Architektur der Zukunft erstehen zu lassen. Komplettiert wird die deutsche Einwohnerschaft der Festung Benēsi von einem drogensüchtigen Arzt, einem verschrobenen Tropenforscher (der bald in der Wildnis umkommt) und dem über-preußischen Kommandanten der schwarzen Schutztruppe.
Tatsächlich also die Besetzung eines »Kasperltheaters«. Enthält sich von Steinaecker auch einer politischen Kritik des Kolonialismus, so dekonstruiert er mit der grotesken Realitätsverleugnung der Kolonialisten nicht allein das Projekt einer Begrünung der afrikanischen Steppe mit deutschem Nutzholz, sondern die Hypertrophien des utopistischen Denkens schlechthin. Er entwirft ein koloniales Panorama von möglichst umfassender Fiktionalität: Die Besitzung »Tola« erinnert eben nur hie und da an das historisch-reale »Togoland«, Afrika tritt dem Leser bevorzugt in den Klischees unserer eigenen Bilder entgegen, bis hin zur famosen Erfindung einer eigenen tolalesischen Fauna mit dem Dschungelwolf Sork.
Bevor die so entstehenden, teils surreal anmutenden Szenen in eine Nummern-Revue trashiger Gags abzudriften drohen, erdet von Steinaecker den Roman durch die Lebensgeschichten seiner Protagonisten: Nicht zufällig stehen in der numerischen Mitte des Romans mit dem Kapitel »Damals« sowohl der Rückblick auf Käthes sehnsüchtige Gedanken während ihrer Hochzeitsfeier als auch die Tagträume des jungen Henry. Auf geschickte Weise offenbart von Steinaeckers Romankonstruktion somit die Verschränkung von Individuum und Geschichte, sind doch die kleinen Pläne und großen Utopien aus den teils anrührend biographisch motivierten Lebenszielen und Träumen der Kolonialisten gewirkt: Das Private ist politisch und macht Geschichte!
Thomas von Steinaecker, so viel ist klar, gelingt mit dem Roman Schutzgebiet eine großartige Melange: Er nimmt die Position des kolonialen Abenteuerromans ein, um die ungebrochenen Afrika-Stereotypen gerade in ihrer Zuspitzung zu desavouieren. Er bindet die Bilder des Anderen zurück an den Normalfall brüchig-prekärer Identität des ungeliebten Sohns, der fliehend-scheiternden Tochter, des zweisprachigen Außenseiters. Er präsentiert das Ganze bisweilen in einer dermaßen betulich wilhelminisch anmutenden Sprache, dass man kaum anders kann, als zu vermuten, er spiele zugleich mit unseren Bildern von Literatur, mit unserer Erwartungshaltung, und treibe feinsinnigen Spott mit literarischen Gütekriterien und Moden. Jedenfalls münden alle Lesarten hier nach überaus unterhaltsamer Lektüre in dieselbe Erkenntnis: Klischees, das sind wir alle.
Michael Sellhoff
Mai 2010
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