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 Image Kathrin Schmidt

Du stirbst nicht

Kiepenheuer & Witsch
Köln 2009
ISBN 978-3-462-04098-2
348 Seiten


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Kathrin Schmidts 2009 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman erzählt die Geschichte eines Selbstverlusts und einer Selbstfindung, einer Rückeroberung des Lebens im Zeichen von Krankheit und Tod. Helene Wesendahl, eine 44 Jahre alte Schriftstellerin, hat eine Hirnblutung erlitten und findet sich nun in einem Krankenhausbett wieder, bewegungsunfähig, sprachlos, ohne Vorstellung davon, was mit ihr geschah und wer sie ist: „Jetzt denkt sie also darüber nach, wie sie aussieht. Wie sieht sie aus? Sie weiß es nicht mehr, sie hat kein Bild von sich.“

Da sie sich niemandem mitteilen, niemanden fragen kann, versucht sie aus den Bruchstücken ihrer Erinnerung das Mosaik ihres Lebens, ihrer Person zusammenzusetzen, gleichsam wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Doch der einstmals sichere Untergrund erweist sich als abschüssiges Terrain, auf dem sie erst allmählich Halt findet. Denn was sie auf ihrer Reise in die eigene Vergangenheit entdeckt, ist irritierend und verstörend: Sie wollte sich vom Vater ihrer Kinder trennen, das gemeinsame Haus verlassen, eine neue Liebesbeziehung eingehen, mit Viola, einer Frau, die früher ein Mann gewesen war und zu der sie sich immer stärker, immer ausschließlicher hingezogen fühlte.

Die einsetzende Hirnblutung hat ihren Trennungswunsch auf ganz andere Weise Wirklichkeit werden lassen, sie aus ihrem alten Leben herausgerissen, die frühere Abhängigkeit aber noch verstärkt. Denn ihr Lebensgefährte Matthes besucht sie nun täglich im Krankenhaus und in der Reha-Klinik, er nimmt seinen Platz wieder ein und versucht auch sie in die Familiengemeinschaft zurückzuholen. Helene erkennt, dass es nicht reicht, sich der früheren Vorsätze und Entschlüsse zu besinnen. Schließlich wurde sie durch die Krankheit an jenen Punkt zurückversetzt, an dem sie sich einst entschieden hatte und nun erneut entscheiden muss. Will sie ihre Welt wieder zusammensetzen, kann sie sich nicht auf ihren damaligen Lebensplan verlassen, sie muss einen neuen entwerfen.

Dabei ist ihr Körper ihrem Bewusstsein immer einen Schritt voraus, reagiert schneller, entschiedener. Als sie durch Matthes von Violas plötzlichem Tod erfährt (Arzt und Angehörige „einigten sich auf Herzversagen“), kommt es zu einem epileptischen Anfall, der die scheinbar zurückgewonnene Sicherheit, die langsam entstehende Ordnung wieder in sich zusammenfallen lässt. An der kaum einzuordnenden, anarchischen, zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit changierenden Figur der Viola hatte sich ihr Wunsch nach Ausbruch und Autonomie entzündet, nun sind es einzelne Objekte und Erinnerungsstücke, eine Haarspange, eine Diskette, die fetischhaften Charakter erlangen. Helene sucht und greift nach diesen Dingen, als könnte sie damit ihres früheren Lebens habhaft werden.

Doch in Du stirbst nicht geht es nicht nur um die handgreifliche Versicherung der eigenen Existenz, die kontemplative Beschäftigung mit dem früheren Leben. Dieser Roman ist auch ein Buch über die Sprache, das Sprechenlernen und Sprechenkönnen. Denn für die Protagonistin ist ihr Versuch, sich ihrer Identität zu versichern bzw. sich eine neue zu erschaffen, vor allem ein sprachliches Problem. Nach der Erfahrung des Sprachverlusts ist sie nun täglich den Mühen des Wörterfindens ausgesetzt, das fast noch zermürbender ist als das Erlernen von Bewegungen, Handgriffen, Schritten.

Beim Versuch, mit ihrer Umwelt Kontakt aufzunehmen, einfache Sätze zu formulieren, verschwinden immer wieder Silben oder ganze Worte, eine Art Gegenerfahrung zu Kleists „Allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Die Sprache wird zum „schlafenden Tier“, das erst aufgespürt und geweckt werden will: „Jedes Wort muss sie hervorsuchen und im Stillen aussprechen, bevor sie es laut sagt. [...] Sprache im Inneren funktioniert irgendwie besser. Es scheint, als ob noch vor der Übersetzung ins gesprochene Wort der Bauplan der gesprochenen Rede einstürzte und sie unmöglich macht. So, dass sie gar keinen Plan mehr davon hat, wovon die Rede hätte sein müssen. Sobald sich auch nur eine kleine Aufregung einmischt, fällt das Wortkartenhaus zusammen.“

Dieser Zustand ist für die Protagonistin umso fataler, als sie selbst Schriftstellerin ist, vom Schreiben und für das Schreiben lebt. Ihr Buch hatte sie an dem Tag abgeschlossen, an dem die Hirnblutung ihr Denk- und Sprachzentrum plötzlich ausschaltete. Oder muss man es umgekehrt formulieren? Hatte ihr Körper gewartet, bis sie mit ihrer Arbeit, ihrem Roman fertig war? Dass sie in einer früheren Zeit nicht nach Worten suchen musste, sondern mit ihnen spielen konnte, kommt ihr inzwischen ganz unwirklich vor: „Gedichte? Wie geht das? Sie kann es sich einfach nicht vorstellen.“

Sie muss sich in ihre eigenen Texte wie in fremde hineinfinden, muss sich herantasten an die Empfindung, die das Lesen von Lyrik einst in ihr auslöste. Wie sie sich dessen wieder bemächtigt, wird im Roman sehr schön am Beispiel eines Gedichts von Seamus Heaney illustriert, dessen Inhalt sich Helene Vers für Vers nacherzählt, um wieder etwas von der Zauberkraft der Poesie zu begreifen.

Für die Autorin dieses Buches, Kathrin Schmidt, ist die erzählte Leidensgeschichte kein beliebiges literarisches Thema, sondern eigene Erfahrung. Entsprechend deutlich sind die biographischen Gemeinsamkeiten gezeichnet, die sie mit ihrer Hauptfigur verbinden. Die 1958 im ostdeutschen Gotha geborene Schriftstellerin, die schon diverse Romane und Gedichtbände veröffentlicht und etliche Preise erhalten hat, lebt wie Helene Wesendahl mit ihrem Mann und fünf Kindern in einem Haus in Berlin, teilt mit ihrer Heldin also auch die Erfahrung der Wende, des Lebens in zwei unterschiedlichen politischen Systemen. 2002 erlitt auch sie eine Hirnblutung, fiel ins Koma, war halbseitig gelähmt und konnte lange Zeit nicht sprechen. Leichte Behinderungen sind geblieben, schreiben kann sie nur noch mit der linken Hand.

Sie musste damals wieder den Weg zurück ins Leben finden, musste lernen, ihr Sprechen zu ordnen und ihre Bewegungen zu koordinieren. Dass dies gelungen ist, davon zeugt dieses Buch. Insofern ist Du stirbst nicht beides: ein Roman über ein existentielles Thema und literarische Bestätigung der wiedergewonnenen Sprache, des Lebens.

Matthias Weichelt
August 2010



  
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