|
|  | | Der aktionsreiche Tierroman ist, wie fast alle
Rezensenten betonen, für Erwachsene und für Kinder gleichermaßen unterhaltsam.
Seine Dramaturgie trägt von der ersten bis zur letzten Seite, Stil und Wortwahl
erinnern den erwachsenen Leser häufig an amerikanische Detektivgeschichten der
40er Jahre, und doch fühlen sich auch kleine Kinder durch die skurrilen und
liebevoll gezeichneten Tier-Akteure direkt angesprochen. Die witzigen
Schwarzweiß-Illustrationen von Sybille Hein verleihen den durchweg schrulligen
Figuren mit klarem Strich zusätzlich Charakter.
Die Handlung entwickelt sich parallel an zwei Orten: am See, wo Lucia und
Douglas, ein sehr verliebtes Entenpaar, sich gerade auf ihre ersten Küken freuen
und auf dem nahegelegenen Bauernhof, wo der alte, gutmütige Wachhund Böser Bär
und sein Freund Carlos, der große, schwarz-weiße Kater, leben. Böser Bär lebt in
der Guten Stube, seiner ungewöhnlichen Hundehütte, ausgestattet mit hellblauen
Polstermöbeln und Aquarellen attraktiver Hundedamen. Carlos' Lieblingsplatz ist
der große Kachelofen des Bauern, wo er vorzugsweise amerikanische Actionfilme im
Fernsehen sieht. Außerdem gibt es da noch Nane, die im Hühnerstall den Ton
angibt und sich ständig mit Carlos anlegt, im Grunde aber eine herzensgute Henne
ist.
In 32 kurzen Kapiteln, die einen ständigen Szenenwechsel ermöglichen,
entwickelt Schmidt die rasante und aufregende Geschichte:
Douglas, "einer der hübschesten unter den Erpeln am See, und einer der
klügsten und mutigsten noch dazu", gerät bei seiner abendlichen Runde auf dem
See in den Sog des Abflussschachts. Er kann sich nicht mehr befreien und wäre
mit Sicherheit ertrunken, hätte ihn nicht Böser Bär zufällig entdeckt und
gerettet. Der Hund trägt den bewusstlosen Erpel nach Hause in die Gute Stube und
bettet ihn auf das blaue Sofa. Glücklicherweise kommt ihm die praktisch
veranlagte Nane zu Hilfe und entwickelt sich schnell zur resoluten
Krankenpflegerin.
Inzwischen vermisst Lucia ihren Mann, der vom Schwimmen nicht zurückgekehrt
ist. Hingebungsvoll betrachtet sie ihr Gelege: "Wie gleich sie zu sein
scheinen", murmelte sie. "Trotzdem kommen völlig verschiedene Küken heraus." So
bemerkt sie zunächst nicht, dass das Wasser des Sees steigt: Böser Bär hatte für
seine Rettungsaktion die Schleuse geschlossen. Lucia muß ihre fünf Eier in einen
höher gelegenen Autoreifen evakuieren, wobei das Schlimmste geschieht: ein Ei
geht verloren und Lucia kann ihre anderen Eier nicht verlassen, um es zu suchen.
Was sie nicht weiß: der See läuft über den Damm und schwemmt das Ei an einen
sicheren und warmen Ort. Es bleibt in einem von der Sonne beschienen Topf
liegen, wo es von Friedrich, einer furchtlosen und neugierigen Wühlmaus,
gefunden und behütet wird.
In der Guten Stube indes kommt Douglas zu sich und weiß weder wo, noch wer er
ist: er hat durch den Unfall sein Gedächtnis verloren. Er stammelt nur
unzusammenhängende Wörter und fürchtet sich weder vor dem Hund noch vor dem
Kater. Der weltläufige und abgebrühte Carlos ist überzeugt, der Erpel habe sich
nicht nur einen Flügel gebrochen, sondern auch eine "Schraube locker".
In einem Fiebertraum sieht Douglas einen Entenkönig, umringt von Entenengeln.
Er wacht auf und stammelt "Entenkönig", was Nane zu der felsenfesten Erkenntnis
bringt, eine Majestät vor sich zu haben und von Stund an den gesamten Bauernhof
dazu anhält, sich entsprechend untertanenhaft zu benehmen.
Auch Lucia träumt – von Wilhelm, dem verlorenen Küken. Als sie erwacht, steht
der alte Graureiher Jean-Pierre vor ihrem Autoreifen und möchte ein Gespräch
anknüpfen. Lucia läßt sich, trotz Jean-Pierres Gestank nach Fisch, von dessen
charmantem französichen Akzent erobern, der sie so zum Lachen bringt, dass sie
sogar für einen Augenblick ihren tiefen Kummer vergessen kann. Auch Jean-Pierre
kennt das Gefühl, jemanden zu verlieren: seine Frau, "ein bild'übsches Mädschen,
alter mecklenburgischer Landadel", war drei Jahre zuvor in eine
Hochspannungsleitung geflogen. Die beiden werden Freunde und Jean-Pierre
verspricht, Douglas wiederzufinden.
In der Luft wird er von einer Gruppe cooler Krähenjungs, Kuno und seinen
Kumpels Matisse, Tiger, Ali und Rocky, belästift, die unterwegs sind,um "Rentner
zu piesacken", wie sie es nennen. Jean-Pierre aber läßt sich nichts gefallen,
bringt Kuno zum Absturz und beauftragt ihn, sich mit seinen Kumpels an der Suche
nach Douglas und dem Ei zu beteiligen. Die anderen aber haben das Weite gesucht
und so beschließt Kuno, allein gelassen, auszuwandern.
Während Jean-Pierre Lucia beim Brüten vertritt, versucht Carlos mehr über die
Herkunft des angeblichen Entenkönigs zu erfahren. Aus den Tagesthemen weiß er ,
dass "es bei Enten die Monarchie nie gegeben" hat. Er läuft zu Harvey Schröder,
dem Waschbären, der mit seiner Familie am See wohnt und erzählt ihm, was
passiert ist. Harvey kann zwar nicht weiterhelfen, ist aber in dieser herrlichen
Szene wortgewandter Partner des als "Lieutenant John McLaine" agierenden Katers.
Inzwischen geht es auf dem Bauernhof immer höfischer zu: Nane veranlaßt eine
Prozession, um dem König sein Reich zu zeigen. Vivat-Rufe ertönen. Eine Sänfte
wird auf dem Rücken von Böser Bär installiert, und der Erpel wird über den
Bauernhof getragen, sämtliche Hühnern und zahlreiche andere Tiere im Gefolge.
Zufällig beobachten von Matisse und Tiger diesen merkwürdigen Umzug. Als sie
kurz darauf nach einer filmreifen Verfolgungsjagd von Jean-Pierre zur Rede
gestellt werden, erzählen sie ihm vom erstaunlichen Geschehen auf dem Bauernhof
und der Reiher macht sich auf den Weg dorthin.
Auch Lucia erfährt nun vom Geschehen auf dem Bauernhof: Carlos taucht, auf
dem Heimweg von Harvey, neben ihrem Autoreifen auf, woraufhin sie vor Angst in
Ohnmacht fällt. Als sie in seinen Armen erwacht, erneut versinkt und dann
vorsichtig die Augen öffnet, erfährt sie von Carlos, was passiert ist In ihrer
Verzweiflung bittet Lucia, "jenseits ihrer Zurechnungsfähigkeit", den Kater, auf
ihre Eier aufzupassen und macht sich ebenfalls auf zum Hof.
Dort hat Jean-Pierre inzwischen durch einen Beinahe-Absturz für große
Aufregung gesorgt, in deren Verlauf Douglas vom Hunderücken fällt und noch
einmal das Bewußtsein verliert. Wie nicht anders zu erwarten, erlangt er durch
diese Erschütterung seinen Normalzustand wieder. Endlich trifft Lucia ein und
das Paar schließt sich glücklich in die – Flügel.
Heike Friesel
Januar 2004
|