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In letzter Zeit ist viel über die Frage diskutiert worden, ob der Mensch überhaupt einen freien Willen besitzt oder ob nicht doch jede seiner Reaktionen durch genetische Vorgaben und bestimmte Automatismen im Gehirn vorgegeben ist. Und selten ist auf diese Frage eine so überzeugende und überzeugte Antwort gegeben worden wie in diesem wirklich außergewöhnlichen Bilderbuch für Menschen ab vier.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Konrad, ein hungriger Fuchs, erbeutet statt einer Ente nur ihr Ei, aus dem kurz darauf ein Küken schlüpft, das als erstes den Fuchs erblickt und ihn deshalb für seinen Vater hält. Der kann nun plötzlich das niedliche Küken nicht mehr fressen und kümmert sich statt dessen rührend um sein „Adoptivkind“, dem er den Namen Lorenz gibt. Zu einem hübschen Erpel herangewachsen verliebt sich Lorenz in eine Ente, Emma, die zu Konrad und Lorenz zieht und schon bald fünf Eier legt. Aber weder Emma noch Lorenz wissen, was man tun muss, damit aus den Eiern auch Küken schlüpfen. Wieder ist es Konrad, der seine Natur verleugnet und den Enten erklärt, wie man brütet. Die Küken schlüpfen, die Familie wird größer und größer und bevölkert den Wald, und Konrad, wie immer hungrig, lebt trotzdem zufrieden inmitten seiner „Enkel“, bis er schließlich als glücklicher alter Fuchs im Kreise seiner Lieben stirbt.
Man kann dieses Buch als Fabel über die Kraft der Liebe verstehen, die selbst den größten Hunger zu besiegen vermag. Das Meisterstück, ein solches Thema ohne Pathos oder gar Kitsch in einem Bilderbuch zu behandeln, ist hier gelungen. Der Text von Christian Duda und die Illustrationen von Julia Friese ergänzen sich sehr harmonisch und tragen wechselseitig zum Fortgang der Erzählung bei.
Wenige kontrastreiche Farben dominieren die Illustrationen, den Hintergrund bilden oft Collagen in Brauntönen, aus Packpapierstücken gerissen. Der Fuchs und die Enten sind die farbigen Elemente der Bilder, ihre ausdrucksstarken Gesichter sind gar nicht niedlich, sondern vielschichtig und hintergründig. Durchscheinende Hilfslinien können entweder Bewegungen andeuten oder auch auf eine ganz andere Handlungsoption der betreffenden Figur hinweisen: So kann man im Gesicht des Fuchses immer wieder neben der freundlichen und hilfsbereiten Miene auch die Fratze des Raubtiers entdecken, die er aber erfolgreich unterdrückt. Die Vielfalt der gestalterischen Mittel, die in der Illustration dieses Buches zum Einsatz kommen, ist beeindruckend.
Christian Dudas Text verwendet ebenfalls ein paar Stilmittel, die Kindern besonders gut gefallen: Wiederholungen zum Beispiel, mit denen er immer wieder neue Spannung aufbaut, auch wenn wir Erwachsenen schon bald ahnen, dass die Geschichte eigentlich nur gut ausgehen kann. In dem Versuch des Fuchses, seine eines Raubtieres ganz und gar unwürdigen Reaktionen vor sich selbst zu rechtfertigen, verschiebt er seine Beutepläne immer wieder auf später. „Ich hab’s!“, ruft er dann: Zuerst soll das magere Küken noch wachsen, denn sonst ist ja gar nichts an ihm dran. Dann hofft er darauf, dass Lorenz’ und Emmas Liebe bald zerbricht, damit er die jeweils abgelegten Freundinnen von Lorenz fressen kann. Als auch das nichts wird, freut er sich über die Eier und die daraus geschlüpften Küken, denn die könnte er dann ja… Aber schließlich siegt doch immer die Liebe, und spätestens beim dritten Mal werden es auch die jüngeren Leser vorhersagen können!
Heike Friesel
Februar 2008
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