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 Image Martin Schäuble Noah Flug

Die Geschichte der Israelis und Palästinenser

Carl Hanser Verlag
München 2007
ISBN 978-3-446-20907-7
208 Seiten


 

Es ist Die Geschichte der Israelis und Palästinenser, die Noah Flug und Martin Schäuble in ihrem gleichnamigen Jugendbuch erzählen. Dabei handelt es sich um ein ambitioniertes Projekt. Der Nahost-Konflikt, der selbst für viele erwachsene Interessierte in seiner Komplexität schwer zu überblicken ist, wird jungen Lesern anschaulich und lebendig nahe gebracht. Dafür greifen die Autoren auf Zeitzeugenberichte zurück und lassen sowohl palästinensische als auch israelische Stimmen zu Wort kommen. Damit richtet sich das Buch nicht ausschließlich an Schüler, sondern ebenso an all diejenigen, die den Konflikt in seinen Zusammenhängen von Grund auf erläutert bekommen möchten.

Dabei gehen die Autoren chronologisch vor. „Von uralten Zeiten bis zum Aufstand der Palästinenser 1936 bis 1939 – ein kurzer Überblick“ heißt das erste Kapitel. Es beginnt mit der Frage, die oft gestellt wird und vordergründig als Schlüssel zur Lösung des Streits um das Heilige Land zu dienen scheint: Wer lebte dort zuerst? Noah Flug und Martin Schäuble lehnen diese Frage ab, finden sie „kaum schlüssig zu beantworten“ und außerdem „falsch gestellt“. Denn bereits bevor es klare Definitionen dafür gab, wer „Palästinenser“ und wer „Israeli“ war, war das Land besiedelt. Die Autoren zeigen, dass die Frage nach den ersten Siedlern also zu nichts führt. In den darauf folgenden 13 Kapiteln zeichnen sie die wichtigsten Entwicklungslinien der Konflikte um das „seit 3000 Jahren umkämpfte[ ] Gebiet“ nach.

Den Ausgangspunkt der knappen und übersichtlichen Darstellung bildet das Jahr 1000 vor Christus, als die Region von israelischen Stämmen unter den Königen Saul, David und Salomo, die mit den Philistern rivalisierten, beherrscht wurde. Da die Autoren sich auf die wesentlichen Fakten konzentrieren, gehen sie direkt im Anschluss daran auf die Voraussetzungen und das Konzept des Zionismus ein, wie Theodor Herzl es 1897 formulierte. Auf die Weise liefern Flug und Schäuble das Basiswissen, das für das Verständnis des heutigen Konflikts notwendig ist. Auch andere Grundlagen werden in diesem Kapitel erläutert, so beispielsweise die wichtige Rolle Jerusalems als Heiliger Ort für die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum.

Folglich kann man als Leser nachvollziehen, warum das um die Jahrhundertwende arabische Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Zufluchtsland für Juden aus aller Welt wird. Und auch die Gegenreaktion wird schlüssig dargestellt, also warum sich unter den Palästinensern allmählich Widerstand gegen die ab 1933 stark zunehmende jüdische Einwanderung regte. Viele palästinensische Großunternehmer hatten vor allem zu Beginn der Zuwanderungswelle ihre Ländereien zu beträchtlichen Preisen an jüdische Einwanderer verkauft. Somit war ein Großteil des Landes in jüdischen Besitz gelangt – ein Umstand, der später Zündstoff für verschiedene islamistische Widerstandsgruppen liefern sollte. Die Auffassung, dass es sich bei dem palästinensischen Land um „Waqf“ handele, also um unveräußerliches Gemeingut, liefert ihnen die Grundlage, den auf eben diesem Boden gegründeten Staat Israel nicht anzuerkennen.

Bereits 1915 hat Großbritannien, das 1920 zur Mandatsmacht über die palästinensischen Gebiete wurde, den Arabern im Kampf gegen das Osmanische Reich einen eigenen Staat zugesagt. Doch in der Balfour-Erklärung 1918 verspricht die britische Regierung den Juden Unterstützung bei der Schaffung einer „jüdischen Heimstätte“. In der Folge entstehen verschiedene Konfliktlinien: Arabische Widerstandsgruppen streiken gegen die jüdischen Einwanderer in Palästina, diese wiederum werden zu wichtigen Verbündeten der auf Stabilität bedachten britischen Besatzungsmacht. Um den Frieden in der Region zu wahren, sieht sich die britische Regierung allerdings gezwungen, der jüdischen Masseneinwanderung wiederum Grenzen zu setzen – auch, als die Situation der Juden in den 1940er Jahren in nahezu ganz Europa lebensbedrohlich geworden war.

Die daraufhin entstehenden Internierungslager für jüdische Flüchtlinge und die Bildung von widerständlerischen Untergrundorganisationen führen zu einer Eskalation des Konflikts – und zur Kapitulation der Briten, die das Gebiet an die Vereinten Nationen übergeben. Der 1947 ausgearbeitete Teilungsvorschlag für die Region, der einen vorrangig palästinensischen Norden und einen jüdischen Süden vorsieht, hat die Staatsgründung Israels zur Folge. Er ist auch die Grundlage für das Bündnis der Palästinenser mit den arabischen Staaten. Im ersten Arabisch-Israelischen Krieg fallen diese in das neu gegründete Israel ein. Der Konflikt ist nun zementiert, die Frontlinie gezogen: die westliche Welt steht auf Seiten Israels, die arabischen Staaten größtenteils hinter den Palästinensern.

In der Darstellung dieses Dauerkonflikts beschränken sich die Autoren von Die Geschichte der Israelis und Palästinenser nicht auf das Aufzählen von Fakten. Vielmehr liefern sie all das Hintergrundwissen, das notwendig ist, um die Gründe für die anhaltende Auseinandersetzung zu verstehen. Eine Voraussetzung dafür ist, die Handlungsmotivationen der beteiligten Akteure einordnen zu können. Darin liegt eine der großen Stärken des Buches. Beispielsweise werden die Einzelinteressen der Staaten, die in der Vollversammlung der Vereinten Nationen für die Gründung des Staates Israel stimmen, überzeugend und in der auf Grund des komplexen Themas gebotenen Knappheit dargelegt. In diesem Zusammenhang ist auch die Tendenz, die Ereignisse im Nahen Osten immer wieder in größere weltpolitische Zusammenhänge zu stellen, positiv hervorzuheben.

Noah Flug und Martin Schäuble führen souverän durch alle wichtigen Stationen des Nahostkonflikts: die jordanische Besetzung des Westjordanlands und Ost-Jerusalems, das Jordanwasserprojekt und der Suezkrieg sowie die israelische Okkupation der palästinensischen Gebiete nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Bemerkenswert ist dabei das Bestreben der Autoren, beide Parteien zu Wort kommen zu lassen. Das gelingt vor allem durch das geschickte und häufige Einflechten von Zeitzeugenberichten, die das Geschehen kommentieren und illustrieren. Diese lebendigen Zeugnisse sind es auch, die auf beeindruckende Weise demonstrieren, dass der Konflikt für palästinensische wie für israelische Menschen in erster Linie Leiden schafft.

Durch das Einbeziehen dieser individuellen Schicksale gewinnt der Nahost-Konflikt in den Köpfen der Leser Kontur. Vor allem interessierte Jugendliche werden auf anschauliche Art in das Thema eingeführt. Doch auch erwachsene Leser wird die klare und präzise Darstellung der komplexen Zusammenhänge begeistern. Als hilfreich erweist sich dabei auch der umfangreiche Info-Teil im Anhang. Während eine übersichtliche Zeittafel und gut ausgewählte Karten den ersten Teil des Buches ergänzen, liefern die Autoren hier zusätzlich eine Fülle von kommentierten Medientipps. So ermöglichen sie es dem Leser, sich gezielt über einzelne Aspekte zu informieren und sich weitere Zugänge zu dem Thema zu erschließen.

Eva Kaufmann
Juli 2008



 

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