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„Wenn man eine tote Maus findet, kann man sie begraben.“
Oder man schaut sie sich ganz genau an, um herauszufinden, was mit ihr geschieht. Dieses mutige Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren beeindruckt mit sachlichen Antworten auf die heikle Frage nach dem Tod.
Der Kreislauf des Lebens funktioniert hier folgendermaßen: Sobald die Maus gestorben ist, kommen die „grünen Fliegen“. Sie legen ihre Eier auf dem Nagetier ab, und bald schon schlüpfen die Larven. Diese fressen sich dick und fett und kriechen danach fort, um sich zu verpuppen und in ausgewachsene Fliegen zu verwandeln. Aus einem toten Lebewesen entsteht neues Leben.
Dem Thema Tod kann sich ein (Kinderbuch-)Autor unterschiedlich nähern. Meist geschieht dies auf spirituelle Weise, mit der Frage nach Gott oder dem Leben nach dem Tode. Mark Benecke und die Illustratorin Lisa Fuss haben eine ganz andere Perspektive.
Benecke ist Kriminalbiologe und klärt Verbrechen mit Todesfolge anhand des Insektenvorkommens am Körper auf. Betont sachlich begegnet er in seinem ersten Kinderbuch auch der toten Maus: Als Wissenschaftler, der den Tod vor allem als biologischen Vorgang ansieht, erläutert er kindgerecht, was mit dem verstorbenen Nager geschieht.
In wenigen, klaren Worten beschreibt er mit dem Lebenszyklus der Schmeißfliege einen Ausschnitt aus dem Kreislauf der Natur. Die zahlreichen Illustrationen ergänzen dies wunderbar. Denn wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass die Zeichnungen fortlaufend Verbindungen schaffen: Meist sind sie angeschnitten und gehen über den Seitenrand hinaus, oftmals sind auch einzelne Tiere dargestellt, die davonkriechen oder wegfliegen und den Leser zum Weiterblättern anregen. Am Ende schließt sich der Kreis, denn „Mäuse sind immer genug da“, und von der quicklebendigen Maus, die dies illustriert, ist nur noch der Schwanz zu sehen. Dann ist sie auch schon wieder tot – auf dem Rücken liegend und die kurzen Beine von sich gestreckt.
Dank der Illustrationen können sich auch die kleineren Kinder die biologischen Vorgänge vorstellen. Um sie nicht zu verängstigen, hat Lisa Fuss auf Details des Verwesungsprozesses weitestgehend verzichtet. Die Illustratorin stellt Maus, Fliege und Made keineswegs „eklig“ dar, aber auch nicht verniedlicht oder vermenschlicht. Dadurch dürften die jungen Leser auch nicht so traurig sein über das Schicksal der Maus und die „aufräumenden“ Insekten nicht als grausam empfinden.
Die auf das Wesentliche beschränkten Texte und die großflächigen Bilder tragen zum minimalistischen Charakter des Buches bei, der noch verstärkt wird durch die konzentrierte Farbwahl. Die überwiegenden Erdtöne Braun, Beige und Grau setzen sich kontrastreich vom weißen Hintergrund ab und sorgen für Übersichtlichkeit und Klarheit. Schließlich hat sich dieses Buch die Aufgabe gestellt, wissenschaftliche Sachverhalte für ganz junge Leser verständlich zu machen.
Aber ist dieses schwierige und oft tabuisierte Thema für sie überhaupt geeignet? Diese Frage stellen sich sicherlich viele Eltern. Aber sie können beruhigt sein: Wo bleibt die Maus? macht die Kinder behutsam mit dem Kreislauf des Lebens vertraut. Durch seine umsichtige Herangehensweise und den Verzicht auf grausame Details ist es für Kinder, die ja meist mit viel Neugierde, Wissensdrang und Unbefangenheit an Vorgänge in der Natur herangehen, hervorragend geeignet. Schließlich können angemessene Erklärungen vielen Kindern die Angst vor Dingen nehmen, die sie nicht verstehen, warum beispielsweise ein Lebewesen stirbt. Und beim gemeinsamen Anschauen des Bilderbuchs haben Eltern auch die Möglichkeit, für weitergehende Fragen ihrer Kleinen da zu sein.
Mit dem Ende des Lebens werden schließlich auch Kinder schon konfrontiert, und so ergibt sich beim Anblick toter Tiere oder durch den Verlust nahestehender Menschen die Frage nach dem Warum. Oft fällt es Erwachsenen schwer, darüber zu sprechen; erst recht, zwar natürliche, aber unansehnliche Verwesungsprozesse zur Sprache zu bringen. Aber genau das ist ja der Tod: Er schließt den Kreis des Lebens und sorgt dafür, dass die toten Lebewesen andere ernähren und am Leben halten. Jeder Organismus trägt seinen Teil dazu bei. Dieses Buch ist deshalb auch für Erwachsene eine Bereicherung – vielleicht hilft es ihnen, Berührungsängste abzubauen. Die tiefere Botschaft für uns lautet: Nehmen wir Menschen uns und unsere Existenz nicht manchmal zu wichtig? Schließlich sind auch wir ein Teil der Natur und gehen ebenso wie Maus und Fliege in den Kreislauf des Lebens ein.
Benecke und Fuss ist ein äußerst aufschlussreiches, humorvolles und tiefgründiges Bildersachbuch gelungen, das auf anschauliche Weise den Sinn des Sterbens erklärt. Für die Kinder steht beim Entdecken dieses Buches zweierlei im Vordergrund: Endlich zu erfahren, warum nicht überall tote Mäuse liegen, obwohl doch immer wieder welche sterben, und dass es immer genügend Mäuse gibt!
Catarina Afonso
Oktober 2008
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