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Neues vom Taugenichts. Der Untertitel deutet an, dass Alexander Rösler eine moderne Variation auf die 200 Jahre alte Figur des Taugenichts geschrieben hat. Seit Jahrzehnten gehört die Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff zum Pflichtprogramm im Deutschunterricht. Eichendorffs Taugenichts sitzt lieber in der Sonne als seinem hart arbeitenden Vater zur Hand zur gehen. Das schwärmerische, naturverbundene Leben, das der Taugenichts führt, nachdem er die elterliche Mühle verlassen hat, galt als Lebensideal der Romantiker.
Röslers Taugenichts heißt Robert, ist siebzehn Jahre alt und kurz vor dem Abitur. Auch seine Eltern werfen ihm Faulheit vor, er dagegen findet seine Eltern vor allem spießig. Eines Tages gehen sie ihm so sehr auf die Nerven, dass er seinen Rucksack packt und auf gut Glück loszieht. Auf seiner Wanderung begegnen ihm allerlei Kuriositäten. Er wird Zeuge einer Kuhschlachtung, nimmt an der Parade eines Mittelalterfestivals teil und trifft, so muss es sein, am Frankfurter Hauptbahnhof seine große Liebe, die „Mohnprinzessin”. Wenn er sie wiedersehen will, muss er nach Chicago reisen... Doch lassen sich im 20. Jahrhundert noch wirkliche Abenteuer erleben? Die Geschichte von Robert, von Alexander Rösler mit viel Witz erzählt, zeigt, dass die Abenteuer sich manchmal im Alltäglichen verstecken und darauf warten, entdeckt zu werden. Man muss nur neugierig genug sein und sich trauen, die Welt mit eigenen Augen zu betrachten. Mit diesem Buch holt Rösler den Taugenichts aus dem Kanon des Deutschunterrichts heraus und rückt ihn wieder an seinen richtigen Platz: Mitten ins Leben.
Es ist Frühling, die Sonne scheint. Roberts Vater mäht den Rasen, die Mutter putzt die Gartenmöbel. Auch in der Nachbarschaft herrscht geschäftiges Treiben, alle arbeiten „am Garten, an ihren Autos, oder am Hund.” Robert selbst liegt etwas abseits in einer Ecke und beobachtet das Geschehen. „,[S]th ndlich f nd t ws’”, tönen die Worte seines Vaters durch den Lärm des Rasenmähers zu ihm herüber. „,Du hilfst nicht im Garten. Du tust nichts im Haushalt. Dein Abitur ist in der Tonne. Du hängst rum oder isst den Kühlschrank leer. Mach endlich was, tu was Sinnvolles [...]!’” Die Tirade seines Vaters zeigt Wirkung, wenn auch nicht die gewünschte. Ohne groß zu überlegen geht Robert ins Haus und packt seinen Rucksack. Das Abenteuer beginnt.
Wohin er will, weiß er nicht. Hauptsache, erst einmal der Enge der Wohnsiedlung entkommen. Ein Stück weiter auf dem Land hält ein Traktor neben ihm an. Als der Bauer ihn fragt, wohin er denn möchte, weiß er selbst nicht so recht, was er antworten soll. „Ich zögerte einen Augenblick, dann sagte ich: ,Frankfurt am Main.’ Es gibt Wörter, die der eigene Mund ganz von selbst spricht und die vielleicht das Schicksal entscheiden. Diese Antwort von mir war so eine.” Robert steigt zu dem Bauern auf den Traktor, der eine halbtote Kuh ins nächste Dorf zum Schlachter fährt. Nach der ersten Nacht im Freien führt ihn ein Trimm-dich-Pfad, dem er folgt, zu einem Mittelalterfest. Seltsam findet er die vielen altertümlich gekleideten Menschen, aber auch irgendwie interessant. Besonders angetan hat es ihm Kunigunde in ihrem dunkelgrünen Kleid, von der er sich überreden läßt, als Pestopfer am Festumzug teilzunehmen.
Bald wird der moderne Taugenichts mit einem Problem konfrontiert: Er muss an Geld kommen. Das Geld aus Mamas Haushaltskasse schwindet zusehends dahin. Zunächst verdingt sich Robert als Losverkäufer bei einer Jahrmarkttruppe. Der nächste Job führt ihn in ein Altenpflegeheim, wo er die schöne Pflegerin Gabi trifft. Sie zieht ihn in ihren Bann. Doch Robert findet Mittel und Wege, professionell mit der Situation umzugehen. „Wenn ich scharf bin, dann denke ich am besten an den Zahnarzt oder an Mickeymaus. Oder ich gehe ein Stück rückwärts. Ich kaufte eine Postkarte, adressierte sie an Gabi und schrieb ihr, dass ich oft an sie denken müsse, und manchmal auch an Mickeymaus. Dann drehte ich mich um und ging vorsichtig rückwärts, bis ich an einen Briefkasten stieß. Na bitte.”
Aus Gabi und ihm wird leider nichts, doch dafür entschädigt ihn eine ganz andere, die große Liebe. Die trifft er in Frankfurt am Hauptbahnhof. Als er dort ankommt, ist er hungrig und wieder einmal ohne Geld. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als an den Ständen am Bahnhof nach Essen zu fragen. Eine hübsche Verkäuferin will ihm eine Mohnschnecke über den Tresen reichen, doch der Geschäftsführer verhindert dies im letzten Moment. Nur kurze Zeit später steht die Verkäuferin wieder vor Robert, drückt ihm lächelnd und ohne ein Wort zu sagen 50 Euro in die Hand und verschwindet. Die Begegnung dauert nur wenige Sekunden, doch Robert verliebt sich augenblicklich in seine „Mohnprinzessin” namens Anaid. Er muss sie wieder sehen. Die Spur führt ihn nach Chicago. Dort erlebt er auf der Suche nach Anaid allerlei Abenteuer. Er liefert sich eine rasante Verfolgungsjagd mit Anaids Verwandten, feiert auf einer Hardcore-Schwulenparty und bekommt eine Ausgabe des „Goodfornothing” von Joseph von Eichendorff in die Hand gedrückt. Dann tritt er den Heimweg an.
Das Buch ist spannend, doch wirklich Außergewöhnliches erlebt Robert nicht. Der Reiz des Abenteuers entsteht vor allem dadurch, dass Robert ganz auf sich gestellt ist. Er lässt sich einfach treiben und überraschen von dem, was seinen Weg kreuzt. Die Spannung und der Esprit werden vor allem sprachlich erzeugt. Robert, der Ich-Erzähler, geht mit wachem Blick durch die Welt und kommentiert, was er sieht, immer ein wenig distanziert mit sprühendem Humor und manchmal beißender Ironie.
Die Welt der Erwachsenen spielt in dem Buch keine Rolle. Es blendet sie einfach aus. Das gibt Robert Freiraum. Beim Wandern bemerkt er: „Alles geht von selbst, die Füße, der Atem, die Gedanken. Ich dachte [...] an nichts Bestimmtes, [...] ließ die Gedanken mit dem Atem kommen und mit dem Atem gehen. Ich war in der Welt aufgehoben. Auch die Schule, die Eltern, die Rasenmäher und die Bullen waren in der Welt aufgehoben. Aber in einer anderen Ecke.” Fern aller Autoritäten kann Robert die Welt entdecken, ohne dass ihm jemand sagt, wie er sie zu bewerten hätte. Diese Botschaft des Taugenichts hat in den letzten 200 Jahren nicht an Aktualität verloren – und sie ist im Schulunterricht nicht zu vermitteln.
Eva Kaufmann
November 2009
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