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Das Buch Der König und das Meer besteht aus 21 kurzen Anekdoten. Jede von ihnen erzählt von einer anderen Begegnung des Königs: zum Beispiel mit der Katze, der Biene, dem Regen, dem Geist, den Wolken oder der Müdigkeit. Meistens versucht der König, ganz Herrscher, seinem Gesprächspartner etwas zu befehlen: dem Regen, dass er aufhören, der Wolke, dass sie über seinem Reich verharren soll. Aber natürlich ziehen die Wolken weiter, und auch der Regen hört nicht auf. Der König muss einsehen, dass er nicht alles bestimmen kann. Die Welt ist vielfältig und funktioniert nach ihren eigenen Regeln. Das ist die Essenz des Buches. Sie wird nie explizit als Moral ausgestellt, sondern scheint immer wieder zwischen den wenigen Textzeilen und den sparsamen Illustrationen auf. Die Texte sind poetisch und kurz und stellen die Dialoge zwischen dem König und seinem Gegenüber in den Mittelpunkt. Auch die Illustrationen im Collage-Stil beschränken sich auf das Wesentliche. Sie verleihen dem König menschliche Züge, so dass man sich manchmal selbst im herrschsüchtigen König wiederzuerkennen meint. Ein außerordentlich schönes Kinderbuch, das viel Raum für eigene Gedanken lässt.
Jeder König hat ein Reich, in dem seine Untertanen leben und sein Wort als Befehl gilt. Soweit die gängige Vorstellung. Diese wird in Der König und das Meer aber subtil auf den Kopf gestellt. Denn in verschiedenen Unterhaltungen wird der König mit der Frage konfrontiert, ob er seine Rolle nicht zu wichtig nimmt. So zum Beispiel, als er die Katze trifft und sie fragt, was sie denn gerade macht. „Ich lasse mir von der Sonne das Fell wärmen”, antwortet die Katze. Der König hakt nach: „Dann ist die Sonne heute das Größte für dich?” „Heute schon”, bekommt er zur Antwort. „Heute ist die Sonne mein König!”
21 solcher Begegnungen werden in dem schmalen Buch auf jeweils einer Doppelseite geschildert. Jede von ihnen bildet eine abgeschlossene Episode und hat eine eigene Überschrift: „Der König und das Meer”, „Der König und der Geist” oder „Der König und die Nacht”. Die Einfachheit und das Prinzip der Wiederholung sind kennzeichnend für das ganze Buch. Auch die Illustrationen Wolf Erlbruchs sind in diesem Stil gehalten. Der Hintergrund einer jeden Doppelseite ist weiß. Darauf stehen sich der König und sein Gesprächspartner gegenüber – das Meer eben, die Biene, die Katze oder die Nacht. Das lenkt die Konzentration auf die Positionierung der beiden im Raum. Der König, eine Collagefigur aus braunem Kartonpapier, ist klein. Er trägt einen langen Mantel und eine große Krone auf dem Kopf. Sein Gesicht ist ausdrucksvoll und sympathisch.
Die Texte sind kurz, oft nur wenige Zeilen lang. Janisch vermeidet Nebensätze und verwendet durchgehend einen klaren, präzisen Stil. Die Textpassagen geben vorrangig die Wortwechsel zwischen dem König und seinem jeweiligen Gegenüber wieder, die von Begegnung zu Begegnung ähnlich strukturiert sind. Meistens eröffnet der König die Unterhaltung mit einer Frage oder einer Aufforderung. Er verlangt zum Beispiel vom Regen, aufzuhören zu regnen, weil das Wasser seine Krone rosten lässt. Die Antwort des Regens macht den König nachdenklich: „Deine Krone wird rosten. Und du auch. [...] Auch wenn ich aufhöre.” In allen Episoden ist der kleine Herrscher einer Situation der Machtlosigkeit ausgesetzt, die seiner Stellung als König widerspricht. Er wird damit konfrontiert, dass es andere Gesetze als seinen Willen gibt, denen auch er unterworfen ist. So zum Beispiel in seinem Kampf mit der Müdigkeit. Er hält ihr entschlossen entgegen: „Glaub nur ja nicht, dass du hier das Sagen hast! [...] Ich bin der König, und ich entscheide, wann ich müde werde.” Doch natürlich fallen auch ihm irgendwann die Augen zu.
Die Vorstellung vom König, der souverän über sein Reich herrscht, wird also bewusst demontiert. Es ist hier vielmehr das „Reich” in seinen einzelnen Bestandteilen, das zum König spricht. Sie erklären ihm, dass jeder von ihnen eine eigene Aufgabe erfüllt oder einen eigenen Willen hat. Der Regen regnet, die Katze sonnt sich und der Schatten erinnert daran, dass alles zwei Seiten hat. Das kann und soll der König gar nicht beeinflussen. Seine Macht hat Grenzen, er kann nicht über andere bestimmen.
Dass es gut ist, dass jeder seinen eigenen Willen und seine eigenen Machtbereiche hat, merkt auch der König. Er ist eine nachdenkliche, ruhige, fast melancholische Figur. „Ich bin der König”, sagt er zu Beginn des Buches zum Meer, während er mit geschlossenen Augen, die Hände in den Manteltaschen, am Strand steht. „Das Meer rauschte eine Antwort. ,Ich weiß’, sagte der König. Er wurde still und nachdenklich. ,Ich weiß’, murmelte er. Dann hörte er lange dem Rauschen zu.” Er ist bereit, seinen Gesprächspartnern zuzuhören und ihre Botschaften ernst zu nehmen. Immer wieder geht er, wenn auch zögerlich, auf die neuen Regeln ein, die an ihn herangetragen werden. „,Ich bin der König!’”, befiehlt der König der Trompete: „,Spiel für mich!’” Doch die Trompete schweigt. „,Du willst wohl nicht allein spielen’, sagte er. Er dachte kurz nach. ,Na, meinetwegen’, sagte er und holte tief Luft.”
Das Buch beeindruckt, weil es große Fragen in kleiner Form behandelt. Janischs Texte sind so klar wie poetisch; sie treffen den Nagel auf den Kopf, ohne dass ein Hammerschlag zu hören wäre. Nie wird die Botschaft aufdringlich. Das gilt auch für die Illustrationen, die fein auf den Text abgestimmt sind und so eine unverwechselbare melancholisch-schöne Stimmung schaffen. Das Buch lädt zum Gespräch ebenso ein wie zum Träumen und zieht damit den kleinen wie den erwachsenen Leser in seinen Bann.
Eva Kaufmann
Dezember 2009
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