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 Image Anja Tuckermann

Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war.

Carl Hanser Verlag
München 2008
ISBN 978-3-446-23099-6
298 Seiten
Ab 11 Jahren


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Nach Muscha – ein Sinti-Kind im Dritten Reich, bereits 1993 im Erika Klopp Verlag erschienen, und „Denk nicht, wir bleiben hier!“ Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner, 2006 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet, folgt nun ein dritter Roman Anja Tuckermanns über das Schicksal eines Sinti-Kindes während des Dritten Reiches.

Ein elfjähriger Junge überlebt das KZ und den Todesmarsch, befreite französische Kriegsgefangene nehmen sich seiner an. So gelangt das Kind nach dem Krieg 1945 nach Frankreich, und eine lange Reise von Familie zu Familie, von Heim zu Heim beginnt. Die hilfsbereiten Menschen um ihn herum schärfen ihm ein, er dürfe seine deutsche Identität nicht preis geben, da Deutsche in Frankreich nicht gern gesehen, ja sogar verhaßt sind. So vergißt der Junge alles über seine Herkunft, bis auf seinen Namen – Mano.

Der Leser wird sofort in die verwirrende, trostlose Situation Manos hineingezogen. Der Junge befindet sich irgendwo auf einer Landstraße, er versucht mit seinen Cousins unmittelbar nach Kriegsende den Weg nach Hause, nach München zu finden. Aber die kleine Gruppe wird auseinandergerissen, Mano ist so geschwächt, daß er nicht mehr alleine weiter kann. Französische Ex-Häftlinge lesen ihn auf, nehmen den kranken, halb bewußtlosen Jungen mit und raten ihm, sich nicht als Deutscher zu erkennen zu geben. So vergißt Mano im Fieberdelirium, aber auch aus Angst, wieder in ein Lager zu kommen, seine deutsche Vergangenheit. Noch dazu wird ihm sein einziges Andenken an seinen Vater, ein Foto mit seiner Heimatadresse auf der Rückseite, weggenommen und zerrissen. Von jetzt an kennt man ihn nur noch als den Jungen Mano, der als Jude im KZ inhaftiert war.

In Paris wird er schließlich von der Familie Fouquet aufgenommen, die ihn wie einen Sohn behandelt. Dennoch gelingt es Mano nur mühsam, sich dort einzuleben. Er weiß nicht, in welchem Land er sich befindet, er kennt die Sprache nicht. Der Leser wird mit dieser fremden Sprache ebenso unvermittelt konfrontiert wie Mano und muß sich ihren Sinn ebenfalls selbst erschließen. Mano ist auch in seiner neuen Umgebung ständig unruhig und auf der Hut. Vor allem nachts bekommt er Angst, kann nicht alleine schlafen und muß sich erst daran gewöhnen, in einem richtigen Bett zu liegen. Besonders zu schaffen machen ihm seine Stimmungsschwankungen, zuweilen wird er aggressiv, und er läßt keinen an sich heran, aus Angst wieder fortgeschickt zu werden. Immer wieder muß er miterleben, wie die Franzosen die Deutschen beschimpfen: „Sales Allemands! Sales boches!“ Mit der Zeit öffnet er sich ein wenig, er erzählt, daß er in Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen inhaftiert war, als Nummer Z–3526, und daß er auf dem Todesmarsch unterwegs war. Er ist abgemagert und hat gesundheitliche Schäden von der Unterernährung davon getragen, in seinen Füßen und Beinen haben sich schmerzhafte Ödeme gebildet und am Körper trägt er Narben von Mißhandlungen. Immer wieder tauchen kurze Erinnerungsfetzen an traumatische Erfahrungen in den Lagern auf; das meiste davon behält er jedoch für sich.

So hat er zum Beispiel Angst, in dem Ferienlager, in dem er zunächst zusammen mit anderen Kindern zur Erholung untergebracht ist, nachts zur Toilette zu gehen, obwohl diese erleuchtet ist. Denn im KZ war es gerade dieses Licht, das die SS erkennen ließ, ob jemand unerlaubt die Baracke verließ – und dieser jemand wurde dann schlimmstenfalls erschossen.

Im Ferienlager erinnert Mano sich dann auch wieder: Wo er herkommt, wer seine Familie ist. Vielleicht hatte er es auch nie wirklich vergessen. Er ist Deutscher, kein Jude. Aber sagen kann er es niemandem, aus Angst erschossen zu werden. Andererseits bedeutet sein Schweigen, daß er nie die Möglichkeit haben wird, zu seiner eigenen Familie zurückzukehren – für den Fall, daß diese überhaupt noch lebt. Hinzukommt, daß er sich inzwischen auch bei den Fouquets zu Hause fühlt, sie sind eine neue Familie für ihn geworden. Dieses Dilemma führt dazu, daß Mano sein Schweigen tatsächlich lange Zeit aufrechterhält. Da er nach wie vor aggressiv und unruhig ist, soll Mano in einer Nervenklinik untersucht werden, bevor er in die Schule kommt. Dort bekommt er einen neuen Namen, er heißt jetzt André Mano. Ansonsten wird er in der Klinik jedoch vollkommen falsch behandelt. Es wird keine richtige Diagnose gestellt, statt dessen behandelt man ihn mit Elektroschocks, in der Annahme, das würde zu einer Beruhigung führen. Das Gegenteil ist der Fall: Immer mehr Erinnerungen an seine Zeit im KZ werden in Mano wach, und das bißchen seelische Stabilität, das er zuvor bei den Fouquets zurückgewonnen hatte, wird wieder zunichte gemacht. Mano wird daraufhin in ein Heim eingewiesen und soll schließlich zur Adoption freigegeben werden.

Doch die Pläne ändern sich zum Glück noch einmal: Mano wird zunächst bei dem liebenswürdigen Lehrerehepaar Chevrier im zerstörten Le Havre untergebracht, das ihm Lesen und Schreiben beibringt. Mano faßt allmählich soviel Zutrauen zu ihnen, daß er ihnen von seinem früheren Leben in Deutschland berichtet, an das er sich nun immer stärker zu erinnern beginnt. Die Chevriers machen sich auf die Suche nach Mano Höllenreiners Eltern, und nach langen Bemühungen von beiden Seiten ist die aus Ungarn stammende Zigeunerfamilie im Dezember 1946 endlich wieder in München vereint. Beide Elternteile, die Schwester, der Großvater und die Cousins haben die Inhaftierung in Vernichtungslagern überlebt.

Immer wieder streut Anja Tuckermann historische Dokumente, in denen es um die Herkunftsfrage des Jungen geht, in ihre Erzählung ein. So sind seit Herbst 1945 Briefe und Aktenverzeichnisse vom Hilfsdienst für Verschleppte Freie Französinnen, von der Child Search and Registration UNRRA-Organisation, von der KZ-Betreuungsstelle München und von den Eltern Manos erhalten, die sie in Manos Geschichte einflicht. Dadurch gewinnt der Leser einen unmittelbaren Einblick, wie kompliziert es war, die während der NS-Zeit zerstreuten und auseinandergerissenen Familien nach dem Krieg wieder zusammenzuführen.

Anja Tuckermann war bereits bei den Recherchen zu „Denk nicht, wir bleiben hier!“, der Geschichte ihres Großvaters, auf das Schicksal von Mano Höllenreiner gestoßen: Von Beginn an zieht sie den Leser mit in die ergreifende Geschichte des deportierten Jungen hinein und läßt dessen lange, von Ängsten, Zweifeln und schrecklichen Erinnerungen begleitete Reise durch Frankreich miterleben. In eingeschobenen Passagen erfährt er aus der Perspektive Manos mehr über seine grausamen Erlebnisse im KZ, über den Todesmarsch und darüber, wie Menschen gedemütigt und vor seinen Augen umgebracht wurden.
Tuckermann versteht es, sowohl die qualvollen als auch die berührenden Momente nicht überzustrapazieren und das Schicksal des Jungen nicht zu dramatisieren. Durch Zeitdokumente, historische Fakten zum Zweiten Weltkrieg und Fotos zu Beginn und Ende des Buches wird die bewegende Geschichte Manos so eindringlich dargestellt, daß der Leser am Beispiel dieses Einzelschicksals viel über die prekäre Situation der Sinti in und nach dem Zweiten Weltkrieg begreift.

Anna Hein
Januar 2010


  
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