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|  | | Die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam
haben eine gemeinsame Überlieferung und einen ähnlichen Gottesbegriff. Dennoch
ist ihre Geschichte von erbitterten Auseinandersetzungen geprägt, die bis in die
Gegenwart wirksam sind. Allen drei Religionen ist gemeinsam, dass sie sich in
ihren Anfängen gegen ein heidnisches Umfeld behaupten mussten. Im Laufe der Zeit
übertrugen sie den Begriff des Heidentums auch auf ihre monotheistischen
Nachbarreligionen, um ihre jeweilige Wahrheit gegen die „Unwahrheit“ der anderen
abzugrenzen.
Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann, der zusammen mit seiner
Frau Aleida Assmann mit der Theorie des „kulturellen Gedächtnis“ international
bekannt wurde, untersucht in seinem neuen Buch in einfacher und glänzender, an
Max Weber und Sigmund Freud geschulter Wissenschaftssprache die Wurzeln und die
Konsequenzen der Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“ in Glaubensdingen,
die es in der vor-monotheistischen Welt nicht gab. Diese Unterscheidung nennt
Assmann die „Mosaische Unterscheidung“.
Er zeigt in Zuspitzung und Fortsetzung seines Buches Moses der
Ägypter (1998), dass in der Gedächtnisgeschichte mit der Offenbarung auf
dem Sinai und dem damit verbundenen Übergang zur Schriftlichkeit, die alle
monotheistischen Religionen kennzeichnet, die Einführung eines radikalen
wahr/falsch-Schemas verbunden ist. Die polytheistische Welt integrierte und
assimilierte fremde Kulte und Götter. Die monotheistische hingegen setzte den
einzigen, wahren Gott gegen die „Götzen der Heiden“. Dabei entwickelt der
Monotheismus in seiner radikalen Form eine scharfe Trennung zwischen Welt und
Gott, die im Polytheismus unbekannt ist. Weil der Polytheismus als Glaube an
einen göttlich beseelten Kosmos zu verstehen ist, nennt Assmann ihn
„Kosmotheismus“. Der Monotheismus ist in seinen Anfängen eine „Gegenreligion“
zum Kosmotheismus, er ging nicht evolutionär aus diesem hervor, sondern entstand
durch einen revolutionären Akt der Absetzung.
Das früheste bekannte Beispiel einer Vorform des Monotheismus ist der
Aton-Kult unter dem ägyptischen Pharao Echnaton Mitte des 14. Jahrhunderts vor
Christus. Die revolutionäre Einführung eines exklusiven Sonnenkultes und die
damit verbundene kurzzeitige Vernichtung der traditionellen ägyptischen
Götterwelt führte zu einem kulturellen Trauma. Nach Echnatons Tod wurde seine
quasi-monotheistische Theologie ausgelöscht, kulturell verdrängt und Echnatons
Name aus den Königslisten getilgt. Dennoch lassen sich die Spuren Echnatons
durch die Geschichte verfolgen. Zwar ist ein unmittelbarer Zusammenhang mit der
Entstehung des Mosaischen Monotheismus nicht nachzuweisen. Das ist auch nicht
Assmanns Anliegen. Vielmehr untersucht er die „Gedächtnisspuren“ dieses frühen
Monotheismus von biblischen, antiken und spätantiken Überlieferungen durch die
Geistesgeschichte bis hin zu Sigmund Freuds Buch Der Mann Moses.
Ohne zu werten, ohne den Kosmotheismus zu idealisieren, im vollen Bewusstsein
des zivilisatorischen „Fortschritts in der Geistigkeit“ (Freud), den der
Monotheismus bedeutet, beschreibt Assmann die gedächtnisgeschichtliche
Wechselwirkung zwischen Phasen, in denen die Mosaische Unterscheidung jeweils
neu radikalisiert wurde, und Phasen, in denen Residuen des Kosmotheismus wieder
kulturell wirksam werden. Diese Phasen sind die humanistischen Renaissancen, die
in allen drei Monotheismen immer wieder auftreten. Im Sinne der Freudschen
Kulturpsychologie handelt es sich um eine periodische Wiederkehr verdrängter
kultureller Komponenten. Es geht Assmann „um eine Erinnerungsarbeit, die das
Verdrängte ans Licht hebt, um es einer Verarbeitung, also einer ‚Sublimierung’
im Sinne Freuds zugänglich zu machen.“
Die Mosaische Unterscheidung muss, das ist Assmanns abschließendes Plädoyer,
zum „Gegenstand einer unablässigen Reflexion und Redefinition“ gemacht werden,
„wenn sie uns Grundlage eines Fortschritts in der Menschlichkeit bleiben soll.“
Januar 2004
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