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 Image Adam Soboczynski

Polski Tango
Eine Reise durch Deutschland und Polen

Gustav Kiepenheuer Verlag
Berlin 2006
ISBN 3-378-00675-7
207 Seiten


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Eine Entdeckungsreise in die Welt der Vorurteile

Anfang der Achtziger Jahre zog Adam Soboczynski mit seinen Eltern als Sechsjähriger von Toruń in Polen nach Koblenz in Deutschland. Entgegen der naheliegenden Vermutung, er sei in beiden Ländern gleichermaßen zu Hause, vermittelt sein Buch vielmehr den Eindruck, dass er mit beiden Ländern verbunden ist, aber jeweils auf ganz unterschiedliche Weise. Seine Reise in das Land seiner Familie und seiner Herkunft, die er Anfang des 21. Jahrhunderts unternimmt, entwickelt sich mit jeder neuen Station mehr zu einem Akt der Ent-Mystifizierung verklärter Erinnerungen und gern gepflegter Stereotype.

Soboczynski präsentiert seine Erlebnisse und Erkenntnisse mit einer großen Leichtigkeit, ohne dabei je leichtfertig zu wirken. Mit humorvoller Distanz erzählt er von den ersten Schritten der polnischen Aussiedlerfamilie in der neuen Heimat, der Bundesrepublik Deutschland der frühen achtziger Jahre. Er berichtet vom Zusammenhalt der Familie, von der Mutter und den Tanten, die damals alle – obwohl mit einer guten Ausbildung ausgestattet – als Putzfrauen arbeiten und verwundert feststellen müssen, dass das Klischee von den sauberen Deutschen eben nichts als ein Klischee ist. Er berichtet von den Sprachproblemen, mit denen die Familie zu kämpfen hatte, vom Vater, der staunt, wie viele deutsche Orte an der Autobahn „Ausfahrt“ heißen und dem Sohn, dessen erste Worte auf deutsch „Pause“ und „Stillarbeit“ lauten.

Regelmäßig kehrte die Familie zu Familienfeiern nach Polen zurück, im Gegenzug kam der arme polnische Opa nach Koblenz zu Besuch, was dem kleinen Adam aber eher peinlich war. Die ewig gleichen Rituale, die jeden dieser Besuche prägten, der Tod der Großeltern und das Erreichen des Jugendalters ließen Soboczynskis Besuche in Polen schließlich immer seltener werden.

So wird diese erste Reise, die Soboczynski als Erwachsener nach Polen unternimmt, auch zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Er fährt nach Warschau und Krakau, nach Masuren und Toruń und begegnet dort Bekannten und Verwandten, sucht Künstler auf und spricht mit Zufallsbekanntschaften in Kneipen. Und es gelingt ihm, dabei immer gleichzeitig ganz da zu sein und doch ein bisschen daneben zu stehen. Auf diese Weise entsteht ein Bericht, der seine ganz eigene Perspektive widerspiegelt, in der Empathie und sympathisierende Distanz in einem fein ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

An Themen fehlt es Soboczynski nicht. Überall findet er Anknüpfungspunkte, die ihn von alltäglichen Erlebnissen zu Überlegungen allgemeinerer Natur führen. Die putzenden Frauen seiner Familie leiten über zum vergleichsweise anachronistischen Frauen- und Mutterbild in Deutschland, wo die arbeitende Mutter bis heute durchaus noch oft als „Rabenmutter“ gilt. Die Begegnung mit einem exilierten russischen Homosexuellen, der seit Jahren um seine Aufenthaltserlaubnis in Polen kämpft, mündet in die Darstellung der reaktionären Rück-Entwicklung, die sich in Polen in den letzten Jahren immer stärker bemerkbar macht.

Soboczynski benennt die stereotypen Vorstellungen, die Deutsche und Polen voneinander haben, und zeigt, wie sehr sie vor allem dazu dienen, mit ihrer Hilfe das jeweilige Selbstbild zu untermauern. Die „polnischen Putzfrauen“, die in Deutschland längst durch russische ersetzt worden sind, existieren im deutschen Bewusstsein fort, und andersherum ist das Bild der Deutschen als ewige Nazis unverwüstlich. Angesichts eines wirtschaftlich boomenden Polen einerseits und einer seit über 60 Jahren demokratischen und friedlichen Bundesrepublik andererseits sind auch dies nichts als zwei signifikante Beispiele für die Standhaftigkeit von Vorurteilen.

So stimmt die Lektüre von Soboczynskis Erlebnissen und Erkenntnissen in seinen beiden ungleichen Heimatländern vergnügt und nachdenklich zugleich. Die große Verbundenheit und Sympathie, die das Verhältnis des Autors zu beiden Ländern und deren Bewohnern bestimmen, kommen auf jeder Seite zum Ausdruck. Dass er in seiner Sozialisation ganz und gar ein Kind der Bundesrepublik ist, kann und will er nicht verleugnen, doch erst die im selben Maße vorhandene Liebe zu Polen ist es, die Soboczynski zu einem so überzeugenden Vermittler zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Nachbarn macht.

Heike Friesel
Juni 2007



  
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