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Muss es sein? Leben im Quartett - in diesem nicht auf den ersten Blick verständlichen Titel ist die Essenz des schmalen Bandes von Sonia Simmenauer bereits enthalten. „Muss es sein?“ ist ein Zitat Ludwig van Beethovens, der die Worte einem Motiv aus seinem Streichquartett Nr. 16 unterlegt hat. Sonia Simmenauer, Autorin und Streichquartettagentin, stellt sich dieselbe Frage und versucht sie auf 140 Seiten zu beantworten. Doch warum wird sie überhaupt gestellt? Die Entscheidung, in einem Streichquartett zu spielen, zieht viele Konsequenzen nach sich. Denn mit Kammermusik lässt sich nicht viel Geld verdienen, sie erfordert aber volle Aufmerksamkeit und Hingabe. Die Bereitschaft, sein berufliches Leben mit drei anderen Musikern zu teilen, bedeutet auch, sich ihrem Einfluss zu öffnen – nicht nur dem der Berufsmusiker, sondern auch dem der Menschen. Im Streichquartett gibt es keine eindeutige Trennung zwischen Beruflichem und Privatem. Das „Leben im Quartett” ist anspruchsvoll. Und in Muss es sein? Leben im Quartett gibt eine Kennerin und Liebhaberin faszinierende Einblicke in diese „Lebensform”.
Seit 1989 betreibt die Autorin ihre Konzertagentur. Zu den Ensembles, die sie betreut(e), zählen so bedeutende wie das Guarneri-Quartett, das Alban-Berg-Quartett und das Tokyo-String-Quartett. Als Agentin nimmt sie eine Mittlerfunktion zwischen Veranstaltern und Musikern ein. Dadurch ist sie mit den Regeln des Alltagsgeschäfts vertraut, hat aber auch den Blick für die Bedürfnisse der Künstler. Und zwischen beiden Polen gilt es abzuwägen: Wie muss eine Konzertreise geplant werden, damit sie finanziell gesichert ist, aber die Musiker nicht zu großem zeitlichen Druck und Strapazen ausgesetzt sind? Diesen vermittelnden Standpunkt nimmt Simmenauer auch als Autorin ein. Dabei wird zum einen auf berührende Weise deutlich, dass sie ihr Leben dieser Form des Musizierens verschrieben hat. Zum anderen gelingt es ihr meisterhaft, einen Schritt zurückzutreten und das Thema analysierend einzukreisen, so dass gerade der Außenstehende, der „Nicht-Eingeweihte” die inneren Mechanismen eines Streichquartetts begreift.
Schnell wird klar, dass diese „Welt des Streichquartetts” nach eigenen Gesetzen funktioniert. So beträgt der Altersdurchschnitt des Publikums normalerweise mindestens sechzig Jahre. In der Regel besteht es selbst aus Musikern, die die Stück bestens kennen - nicht selten haben sie Bleistift und Partitur zur Hand, um eigenwillige Interpretationen sofort festzuhalten. Nur wenige Laien verirren sich zu den Konzerten, denn Werken für Streichquartett eilt der Ruf voraus, sperrig und unzugänglich zu sein. Organisiert werden sie oft von privaten Vereinen und Liebhabern der Kammermusik, die sich ehrenamtlich engagieren.
Die Musiker sind hingegen Profis. Denn die strenge Form des Streichquartetts hat Komponisten immer wieder herausgefordert. Durch die vorgegebene Instrumentierung liegt der Schwerpunkt auf der präzisen Abstimmung der einzelnen Stimmen. Das eröffnet dem Komponisten die Möglichkeit, seine musikalische Sprache weiter zu entwickeln. Das Kernthema des Streichquartetts ist folglich „der subtile musikalische Dialog zwischen den Instrumenten”. Dies erfordert auch von den Musikern Höchstleistungen. Sie müssen ihre Interpretation mit einer unverwechselbaren Note versehen.
Doch wie kommen vier Musiker mit drei verschiedenen Instrumenten zu einer gemeinsamen Handschrift? Diese Frage berührt den Kern von Simmenauers Ausführungen über das „Wesen” des Streichquartetts. Aus der Spannung zwischen Individualismus und Einheit muss ein Balancezustand hergestellt werden. Das Quartett muss vier Einzelstimmen zu einer gemeinsamen zusammen führen. Es geht darum, „wie an der und durch die Musik vier grundverschiedene Menschen dennoch zu einer Einheit mit allen musikalischen und menschlichen Schattierungen zusammenfinden können. [...] Es gilt, aus den vier individuellen musikalischen Farbpaletten jene Farben, die im Miteinander kraftvoll und schillernd sein werden, auszuwählen und die quartetteigene Palette zu definieren.”
Die Musiker tragen auch Mitverantwortung für die berufliche und finanzielle Situation der anderen. „Schicksalsangleichung” nennt das die Autorin. Denn diese gegenseitige Abhängigkeit betrifft auch das Privatleben. Was passiert, wenn sich ein Quartettmitglied verliebt? Welche Folgen hat es, wenn ein Musiker eine Familie gründet und keine Konzertreisen mehr unternehmen möchte? All diese Veränderungen muss das Quartett auffangen – und dabei im Gleichgewicht bleiben.
Immer wieder weist die Autorin darauf hin, dass die Prozesse innerhalb des Quartetts auch darüber hinaus Bedeutung haben. Ein Beispiel dafür ist der Wandel der ersten Geigenstimme. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hatte sie, als Primarius, eine dominante Stellung inne. Im Anschluss an gesellschaftliche Veränderungen spielt die erste Geige mittlerweile ausschließlich die erste Stimme der Partitur, ohne dass damit eine Machtstellung verbunden wäre. Daher hält die Autorin das Streichquartett für ein „ideales Beispiel für praktizierte Demokratie, in dem die vier sich in allem als gleichberechtige Partner betrachten.” Der Violinist Gidon Kremer geht sogar noch weiter: „Die Vielschichtigkeit des musikalischen Ausdrucks im Quartett entspricht meiner Vorstellung vom Lebensmodell, in dem sich Mehrstimmigkeit und Balance (Harmonie) begegnen können. Dies sehe ich nicht nur in der Reflektion der Gegebenheiten im ,Sein’, sondern auch als einen Gipfel in der Bemühung um etwas Gemeinsames und Besseres [...].”
Sonia Simmenauer gelingt es, das „Phänomen Streichquartett” von vielen Seiten zu beleuchten. Für ihr Buch hat sie Gespräche mit Musikern und Komponisten geführt, die sie immer wieder zu Wort kommen lässt. So entsteht ein schillerndes Bild, das die Leidenschaft spürbar macht, mit der die Agentin ihrem Beruf nachgeht. Muss es sein? Leben im Quartett gewinnt dadurch eine sehr persönliche Note. Nach der aufschlussreichen und unterhaltsamen Lektüre kann es nur eine Antwort geben. Ja, es muss sein.
Eva Kaufmann
November 2008
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