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 Image Valentin Groebner

Das Mittelalter hört nicht auf
Über historisches Erzählen

Verlag C.H. Beck
München 2008
ISBN 978-3406-57093-3
176 Seiten


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Buchbesprechung
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In seinem Buch Das Mittelalter hört nicht auf versteht es Valentin Groebner, die verschiedenen Geschichtskonstruktionen des Mittelalters in ihrer jeweiligen politischen Abhängigkeit auf sehr einleuchtende Weise darzustellen. Es geht nicht um die Epoche als solche, sondern darum, was in der Rezeption aus ihr wurde – vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart dient das Bild vom Mittelalter nicht zuletzt als Spiegel der jeweils aktuellen Gesellschaft.

Groebner zeigt, dass es in den verschiedenen Mittelalter-Darstellung immer auch um die Selbstdarstellung geht. Über die Jahrhunderte hinweg, von Petrarca bis zu den Nationalsozialisten, wurde „das Mittelalter“ entsprechend dem jeweiligen Zeitgeist umgedichtet. Mal ist es utopischer Echo-Raum, dann wieder politisch aufgeladene Gegenwelt. In diesem Zusammenhang rekurriert Groebner auf die beiden für jegliche Mittelalter-Rezeption charakteristischen Leitmotive: das barbarisch-finstere steht dem romantisch-sentimentalen Mittelalter gegenüber, in dem die Gefühle „wieder entdeckt“ werden. Beide Mittelalter-Versionen werden dabei stets im bewußten Kontrast zur eigenen Gegenwart gesehen: Für die Aufklärer ist „das Mittelalter“ ein Synonym für finstere Verblendung – auch um zu zeigen, wie aufgeklärt man selbst inzwischen scheinbar ist. Den Vertretern der Romantik hingegen dient das Mittelalter als Schlüssel zu einer subjektiven, gesteigerten Empfindsamkeit und wird damit zum Inbegriff von Unmittelbarkeit. Sie konstruieren die Epoche als etwas „Eigentlicheres“, wie Groebner es nennt, also als ein authentischeres Gegenbild zu ihrer jeweiligen Gegenwart.

Die persönlichen und politischen Motive der jeweiligen „Mittelalter-Erfinder“ arbeitet Groebner sehr überzeugend heraus. Petrarca nutzte das düstere Mittelalterbild zur Abgrenzung und stützte sich doch gleichzeitig auf das Wissen seiner mittelalterlichen Vorgänger. Durch das bewusste Weglassen von Quellenangaben inszenierte er sich als Autorengenie, als einen von der Vergangenheit angeblich unabhängigen Schriftsteller. Anders die junge deutsche Nation – auf der Suche nach Wurzeln, die sie von ihren europäischen Nachbarn möglichst deutlich abgrenzen könnten, wird das Mittelalter hier als „Nationalgeschichte“ neu erfunden. Auch die Interessen der Mittelalterforschung waren oft ökonomischer Natur. So wußten die Historiker zum Beispiel die passenden Stammbäume zu erfinden, damit der jeweilige Fürst sich auf eine Verwandtschaft mit Karl dem Großen berufen konnte und dafür dann ein paar Münzen springen ließ. Oder der Benediktinerorden studierte die eigene Ordensgeschichte im Mittelalter besonders gründlich, weil er auf diese Weise seinen alten Grundbesitz wiedererlangen konnte.

Jede Zeit schafft sich ihr eigenes Mittelalter neu. Heute fungieren die „Sekundärmittelalter“, wie Groebner sie nennt, also Filme und Computerspiele wie Herr der Ringe oder World of Warcraft, als ein Ausgleich – sie werden als Rückzugsmöglichkeiten aus der hektischen Moderne wahrgenommen. Rückzug und Vereinfachung liegen dabei nah beieinander, denn das Mittelalter verspricht hierbei offensichtlich eine reduzierte Komplexität: „Das Reden vom Mittelalter war vielmehr eine Möglichkeit, gleichzeitig mehrere, auch einander widersprechende Positionen einzunehmen, ohne dass die Widersprüche aufgelöst werden mussten.“ Dieser Grundsatz gilt auch heute noch: je schwammiger man von der Vergangenheit spricht, desto leichter lässt sich diese Vergangenheit für die eigenen (politischen) Zwecke einspannen.

Und natürlich wurden die Mittelalterbilder im Laufe der Jahrhunderte auch ganz entscheidend von den Mediävisten selbst geprägt. Groebner zeichnet in seinem Buch nicht zuletzt ein kritisches Bild der „Zunft“ – wie die Mittelalterhistoriker sich selbst nennen. In den abgedruckten Interviews lässt er sie zu Wort kommen: alte resignierende Professoren, verbissene Lehrstuhlinhaber und skeptische Dozenten. Er geht nicht zimperlich mit seiner eigenen Zunft um und nennt sie Bauchredner, die in ihren eigenen Stimmen Quellen zu erkennen glauben.

Groebner bleibt dabei aber angenehm selbstkritisch. Er weiß um die Versuchung, den Kollegen Selbsttäuschung zu attestieren, um sich dann selbst um so unangreifbarer zu fühlen. Dies ist nicht nur in der Wissenschaftsgeschichte ein wiederkehrendes Muster. Er nimmt sich davon keineswegs aus und durch diese Transparenz gelingt es ihm, seine Argumentation für den Leser nachvollziehbar zu machen. Denn Groebners Untersuchung liegt letztlich ebenfalls ein politisches Motiv zugrunde: Zum einen will er zeigen, dass die Konstruktion des Mittelalters immer ein subjektives Unterfangen war und bleiben wird – kein neuer Gedanke, der hier aber originell verpackt ist. Außerdem will er darauf aufmerksam machen, dass die „großen Erzählungen“ auch in der Mediävistik auf der Auslassung des „Anderen“ beruhen. Groebner hat es sich zum Ziel gesetzt, ethnologische Perspektiven auch für die Geschichtswissenschaft fruchtbar zu machen: „Ich lerne jetzt Türkisch“, teilt er dem Leser abschließend mit. Dies soll es ihm ermöglichen, die bisher weitgehend unbeachteten osmanischen Quellen auszuwerten und dadurch langfristig eine transkulturelle Europawissenschaft des Mittelalters zu etablieren.

Bemängeln kann man an Groebners Buch allenfalls, dass er in seiner Argumentation nicht darauf eingeht, dass die Mediävistik in Deutschland seine Einschätzungen zumindest teilweise bereits teilt. So hat beispielsweise die Deutsche Forschungsgemeinschaft 2005 ein Programm ins Leben gerufen, das die Integrationen und Desintegrationen lateinisch-christlicher, griechisch-orthodoxer, islamischer und jüdischer Kulturen im Mittelalter untersucht.

Groebners Das Mittelalter hört nicht auf besticht durch scharfsichtige Beobachtungen und eine gelungene Analyse des jeweiligen „Zeitgeists“. In Abgrenzung von Herders Diktum, wonach „eine ordentliche Vergangenheit […] die einzig brauchbare Zukunft“ ist, gelingt es Groebner in seinem Buch mit viel sprachlichem Witz und brillanten Zuspitzungen deutlich zu machen, wie wandelbar die Vergangenheit ist, wenn sie im Sinne der jeweils angestrebten Zukunft umgeschrieben wird. Denn: „Man hat immer genau die Wurzeln, die einem gerade am besten passen.“

Andrea-Müller
Juli 2008



  
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