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 Image Dieter Thomä

Väter
Eine moderne Heldengeschichte


Carl Hanser Verlag
München 2008
ISBN 978-3-446-23024-8
367 Seiten


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Buchbesprechung
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Niedrige Geburtenraten, Überalterung der Gesellschaft und der mögliche Kollaps des Rentensystems - das sind Sorgen, die die öffentlichen Diskussionen seit Jahren beherrschen. Europas „demographisches Defizit“ dürfte dafür sorgen, dass das Durchschnittsalter in der EU von 39 im Jahr 2004 auf 49 im Jahr 2050 steigt. Das Buch von Dieter Thomä legt nahe, dass die sinkenden Geburtenzahlen auch Symptom eines grundlegenderen gesellschaftlichen Phänomens sind: der Vater ist in der Krise. Der Autor diagnostiziert eine allgemeine Unsicherheit im Hinblick darauf, welche Rolle der Vater innerhalb und außerhalb der Familie einnehmen soll. Das ist für ihn der Grund, weshalb sich immer weniger Männer für eine Zukunft mit Kindern und Familie entscheiden. Doch dies, so Thomä, ist kein neuartiges Phänomen. Die Verwirrung über die Vaterschaft habe mit der Moderne begonnen. In seinem Buch zeichnet er die Geschichte der „Krise der Vaterschaft“ seit dem Ende des 17. Jahrhunderts nach. Dafür trägt er zeitgenössische Stimmen aus öffentlichem Leben, Literatur und bildender Kunst zusammen und reichert sie an mit seinen eigenen Erfahrungen als Vater.

An den Beginn seines Streifzugs durch Geschichte der „dead white european males“ setzt der Autor die These, dass der Übergang zwischen den Generationen in modernen Gesellschaften nicht mehr selbstverständlich funktioniert. Er diagnostiziert zwei Formen der Krise. Zum einen stellt sich für Männer die Frage, ob sie Vater werden möchten. Und wenn ja, wie soll ein Vater überhaupt sein? Zwischen den Extremen des mächtigen Übervaters und des antiautoritären Freundes existieren verschiedene Rollenbilder. Die Verwirrung des modernen Vaters ist also nachvollziehbar. Mit seinem Buch möchte der Autor einen Beitrag dazu leisten, diese Konfusion zu beenden.

Thomä unterscheidet zwischen drei Erscheinungsformen des Patriarchen. Die oberste Vaterinstanz ist der Gottvater. Er wird auf Erden vom Monarchen als politische Autoritäts- und Vaterfigur vertreten. Der „kleinstmögliche“ Vater ist schließlich der Familienvater. Im 18. Jahrhundert beginnen Locke und Kant, den Monarchen zumindest theoretisch von seinem Thron zu stürzen. Politische Vaterschaft wird nun mit Despotismus gleichgesetzt. Als in der Französischen Revolution der Kopf des Königs rollt, wird sein Platz an der Spitze des Staates frei. Es müssen neue Möglichkeiten der Staatsorganisation gefunden werden. Nun tritt die Brüderlichkeit (fraternité) an die Stelle des Vaterprinzips. Auf der politischen Ebene ist dies ein erster Schritt in Richtung Demokratie. Doch die Idee einer Brüderlichkeit, die die Vaterschaft verleugnet, birgt auch Risiken. Sie verhindert den Übergang zwischen den Generationen. Diese Abkopplung vom Überlieferten kann zu Orientierungslosigkeit führen. „Wer nämlich die angestammten Lebensregeln abschafft, hat keinen ,Kompass' mehr, der ihn leitet, keinen ,Hafen', den er ansteuert.“ Die politische „Abschaffung des Vaters“ im revolutionären Frankreich hatte auch Folgen für den Familienvater. So galt 1792 für kurze Zeit ein Gesetz, das den Franzosen erlaubte, sich ihren Namen selbst zu wählen und sich damit vom Namen des Vaters zu befreien.

Im Europa des 19. Jahrhunderts resultieren aus den ökonomischen Umwälzungen im Zuge der Industrialisierung gravierende Veränderungen in der Familienstruktur. Sowohl in den bürgerlichen Kleinfamilien als auch in Arbeiterhaushalten wird der Mann durch die Arbeitsanforderungen aus dem Lebensraum Familie gedrängt, er muss sich außerhalb von ihr beweisen. Und doch ist er es, der die Machtposition in der Familie innehat und trotz seiner Abwesenheit die Regeln festlegt. Seine Position ist durch ein paradoxes Wechselspiel von An- und Abwesenheit gekennzeichnet. Die Familie wird zum Hort der Geborgenheit und bietet ihren Mitgliedern Sicherheit und Schutz. Aber ihre Enge kann auch so bedrückend werden, dass in vielen Fällen nur die Flucht bleibt. Die Familie als Hohl- und Stauraum, der Vater als dominierende Figur: Viele Beispiele, die Thomä gerade in der Literatur des 19. Jahrhunderts findet, führen diese Spannung eindrucksvoll vor Augen. Angesichts dieser Extreme ist es nicht verwunderlich, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr junge Deutsche ihr Glück in der Jugendbewegung suchten. Bis heute bietet die Gemeinschaft unter Gleichaltrigen Leitbilder außerhalb der Familie.

Auch die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts nehmen den Eltern die Verantwortung für die Erziehung und legen sie in die Hände des Staates. Gerade dem deutschen Nationalsozialismus wird häufig unterstellt, er stünde der Familie prinzipiell positiv gegenüber. Hier widerspricht Thomä, denn in Wirklichkeit trenne er sie. Während die Frau allein für Haushalt und Gebären zuständig sei, müsse der Mann außerhalb der Familie als Arbeiter und Soldat funktionieren. Zwischen diesen Bereichen gebe es keine Schnittmenge, also auch keinen Raum für die Familie. Die Erziehung der Kinder finde in den NS-Kinder- und Jugendorganisationen statt und geschehe ganz im Sinne des Staates. In den kommunistischen Staaten hingegen ersetze das Kollektiv die Elternschaft.

Thomä zeigt anschaulich, dass es unterschiedliche Versuche gibt, das Prinzip der Vaterschaft zu ersetzen: Bruderschaft, Individualismus und Verstaatlichung der Erziehung sind nur einige von ihnen. Auch die 68er-Bewegung versuchte in verschiedenen Spielarten, die in ihren Augen autoritäre Idee der Elternschaft auszuschalten. Den Heranwachsenden sollten möglichst keine Grenzen gesetzt werden, damit sie sich aus sich selbst heraus entwickeln konnten. Doch für Thomä ist keiner dieser Versuche eine wirkliche Alternative zur Vaterschaft. Nur durch diese könne der Übergang von einer Generation zur nächsten erfolgreich vollzogen werden.

Wie soll dieser Vater aber nun aussehen? In der Gegenwart erkennt Thomä vor allem „eine Vielzahl von Suchbildern, die stark voneinander abweichen“, frei nach dem Motto: „Alles geht, nichts funktioniert“. Denn auch der Kapitalismus erweist sich als nicht sonderlich familienfreundlich. Immer weniger Männer entscheiden sich dafür, Vater zu werden. Oftmals wird der Wunsch nach Nachwuchs zu einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung: „Lohnt“ es sich, die Kosten für den Unterhalt eines Kindes aufzubringen? Der „ökonomische Individualist“ versucht, emotionalen Gewinn gegen finanziellen Verlust aufzurechnen. Dass dies in die Irre führt, ist offensichtlich. Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Vatersein ist für Thomä die Idee der Selbstverwirklichung. Dieser Gedanke führe dazu, das eigentliche Leben immer weiter in die Zukunft zu verschieben. Diese Weigerung, erwachsen, „fertig“ zu werden, geißelt Thomä als eine „Kultur des Zögerns“.

Dem Autor geht es um ein leidenschaftliches Plädoyer für den Vater und die Familie: „Wenn es Geburtshelfer gibt, dann muss es auch Lebenshelfer geben. Und wenn die Väter solche Helfer nicht sind, begehen sie ein Verbrechen gegen die Zukunft.“ Der „neue Vater“ muss dem Kind als „Lebenshelfer“ praktisches und emotionales Wissen vermitteln und es damit auf das Leben vorbereiten. Er soll sein Kind nicht mit seiner Autorität erdrücken, darf sich aber durchaus „befugt fühlen, dem Kind seine eigene Lebensanschauung nahezubringen“ - und dabei leise durchscheinen lassen, dass auch seine Überzeugungen antastbar sind.

Bemerkenswert ist, dass dieses überzeugte und über weite Strecken überzeugende Plädoyer für die Väter kein programmatisches ist. Viele der Überzeugungen Dieter Thomäs beruhen auf eigenen Erfahrungen als Vater wie als Sohn. Dadurch ist „Väter“ ein sehr persönliches Buch, in dem sich der Leser wieder erkennen kann. Darüber hinaus ist Thomä ein glänzender Essayist und hervorragender Erzähler. Das zeigt sich nicht nur in den immer wiederkehrenden Anekdoten aus dem eigenen Leben, sondern auch in den vielen Episoden aus Kunst und Literatur, die Thomä spannungsvoll referiert. Es ist erstaunlich, wie treffend diese seine Thesen belegen. Zwar wäre interessant gewesen, wie Thomä den Begriff der Vaterschaft von dem der Mutterschaft abgrenzt, doch trotz dieser kleinen Kritik ist das Buch eine lohnende Lektüre: aufschlussreich, unterhaltsam und bedeutsam für das eigene Leben wie für die ganze Gesellschaft.

Eva Kaufmann
Januar 2009



  
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