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|  | | Nach Moskau, nach Moskau wollen die Drei Schwestern in Tschechows gleichnamigem Stück: dorthin, wo es ein Auskommen, Zerstreuung und Männer gibt, also ein gutes Leben. Wären die drei Schwestern nicht irgendwo in der russischen Provinz gestrandet, sondern in der deutschen, sagen wir in Lübeck, würden sie ihre Sehnsüchte sicher auf Städte wie Rom, Venedig oder Florenz projizieren. Denn Zerstreuung, schöne Männer und schöne Frauen vermuten wir im Süden. Dort ist das gute Leben sogar süß, weil im Süden, anders als in Moskau, immer die Sonne scheint. „Dorthin zeigt die Kompassnadel des Glücks“, schreibt der Kulturhistoriker Dieter Richter. „Wir leben im Westen, und wir träumen vom Süden.“
Die „Geschichte einer Himmelsrichtung“ als Kulturgeschichte? In der Tat, Richter benutzt keinen Kompass, um Erdteile zu vermessen, sondern er behauptet: Himmelsrichtungen sind immer auch „geistige Raumkonstruktionen, Weiser auf der Windrose der Zivilisation, Koordinaten einer mentalen Geographie“. Und so durchstreift er, ähnlich wie in seinen Studien über Neapel (2005) oder den Vesuv (2007), in Der Süden den Raum, indem er die Zeit durchstreift. Er trägt Fundstücke aus Mythologie, Religion, Literatur, Kunst und Philosophie zusammen, beschreibt sie knapp und interpretiert sie behutsam.
So handeln die einzelnen Kapitel vom Süden in der Antike oder im Christentum, vom Zeitalter der Entdeckungen, von Exotik und Dekadenz, von der Südsee oder dem Südpol. Aus dem alten Rom etwa erfahren wir, dass sämtliche Lebewesen des Südens sich durch besondere sexuelle Aktivität auszeichneten, und zwar quer über die Grenzen zwischen den Arten hinweg, so dass die dortige Fauna viel reichhaltiger sei als anderenorts. „Daher das in Griechenland allgemein bekannte Sprichwort: Aus Afrika stets etwas Neues“, heißt es in der Naturgeschichte des Plinius.
Tschechows drei Schwestern wollen nach Moskau – und erreichen den Ort ihrer Sehnsüchte nie. Wir Westler wollen nach Süden – und überqueren die Alpen in Scharen. Richter erwähnt die Massen unserer Tage, die es nach Italien, nach Dalmatien, auf die Balearen oder die Kanarischen Inseln zieht. Und er zeigt, dass der Bildungstourismus seit dem 18. Jahrhundert als Vorläufer dieser Wanderungsbewegung gelten kann.
Ein Mann des 18. Jahrhunderts ist es auch, der unter den ungezählten Reisenden, die dieses Buch bevölkern, den stärksten Eindruck hinterlässt: Den Baron de Montesquieu (1689-1755), der England, die Niederlande, die deutschen und die italienischen Länder aus eigener Anschauung kannte, verzeichnen die Geschichtsbücher als Erfinder staatlicher Gewaltenteilung in westlichen Demokratien.
Bei Dieter Richter tritt Montesquieu als Erfinder der Klimatheorie auf. Denn aller Staatsphilosophie dieses Aufklärers aus dem französischen Südwesten geht die Überzeugung voraus: „Die Herrschaft des Klimas ist die erste unter allen Herrschaften.“ Mitten in seinem Hauptwerk Vom Geist der Gesetze geht Montesquieu der Frage nach, wie die unterschiedlichen Temperaturen im Norden und im Süden auf die geistigen und charakterlichen Eigenschaften der Menschen wirken.
„Die kalte Luft“, heißt es da, „zieht die Enden der äußeren Fasern unseres Körpers zusammen; dies vergrößert die Spannkraft und begünstigt die Rückkehr des Blutes von den äußeren Teilen nach dem Herzen. […] Man hat daher in den kalten Himmelsstrichen mehr Kraft. Diese größere Stärke muss viele Wirkungen hervorbringen: z.B. mehr Selbstvertrauen, das heißt mehr Mut; größeres Bewusstsein seiner Überlegenheit, das heißt weniger Rachbegier; größeren Glauben an seine Sicherheit, das heißt mehr Freimütigkeit, weniger Argwohn, List und Verschlagenheit.“
Ob das alles so stimmt? Jedenfalls ist eine nicht enden wollende Reihe von Nachfolgern in die Fußstapfen Montesquieus getreten. Montesquieus Südmensch war geistig träge und faul – man kennt diese Ansicht bis heute. Doch bereits unter Montesquieus Zeitgenossen gab es jene, die diese Wertung wieder umkehrten. Für Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) etwa, den großen Archäologen, waren Südländer vorbildlich schön, wenn auch in Abstufungen: „Die Neapolitaner sind feiner und schlauer noch als die Römer, und die Sizilianer mehr als jene.“ Die deutschsprachigen Bibliotheken des 19. Jahrhunderts strotzen vor Italienliebe ebenso wie vor Italienhass. Der Süden war tief religiös – und ausschweifend libertär.
Jedes Detail in Richters kulturgeschichtlichem Mosaik ist säuberlich belegt: Insofern stimmt das alles. Je länger man das Mosaik aber betrachtet, desto stärker beginnt das Bild vom Süden zu flirren. Phantastisch, wie die westliche Aufklärung sich mit wissenschaftlichen Mitteln dieselben Menschen zugleich als faul und vorbildlich ausgemalt hat! Richter lässt das Nacheinander und die Gleichzeitigkeiten vorbeiziehen – und erzeugt so auf unterhaltsame Weise eine Botschaft, die durchaus typisch ist für die deutschsprachige Kulturgeschichte der Gegenwart: Er relativiert seinen Gegenstand; es gibt zwei, drei, viele Süden.
Wer sich dann noch vor Augen hält, dass der „freie“ Westen, der „rationale“ Norden und der „barbarische“ Osten auch nur relativ frei, rational beziehungsweise barbarisch sind, muss sich einer Frage anschließen, die Dieter Richter gegen Ende seines Buches stellt. Nach einer kurzen Abschweifung über die Folgen des Klimawandels heißt es da: „Könnte es nicht sein, dass Norden, Süden, Osten und Westen einmal ganz andere Qualitäten bekommen werden als jene, die wir seit dem Ende der letzten Eiszeit mit ihnen verbinden?“
René Aguigah
April 2010
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