Kinder- und Jugendbuch
Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Hintergründiges Affentheater
Die Geschichte nimmt bereits auf dem hellblauen Vorsatzpapier ihren Anfang: Ein Schimpanse steht vor einem Abrisszettel, auf dem in krakeliger Schrift „Affe gesucht“ steht. Der ungewöhnliche Aushang stammt von Leander. Der wiederum ist auf der ersten Doppelseite in seinem Atelier zu sehen und möchte gerne Affen malen. „Da er Affen nur aus Büchern kannte, lud er Affen zu sich ein. Und es kamen Affen.“
Während Leanders Freude über das zahlreiche Erscheinen der unterschiedlichen Primaten groß ist, sind die Affen empört: Orang-Utan, Stummelaffe, Totenkopfäffchen, Schimpanse, Gorilla, Pavian, Bonobo, Weißbüschelaffe, Zwergseidenäffchen, Uakari, Tamarin, Gibbon, Klammeraffe, Mandrill, Spix, Berberaffe, ja sogar der Lemur, der bekanntlich gar kein Affe ist, sie alle sind davon überzeugt, der einzige Affe im Raum zu sein und wollen nicht glauben, dass es noch andere Affen neben ihnen gibt. Und so entspinnt sich eine hitzige Diskussion darüber, was einen echten Affen ausmacht. Während noch Einigkeit darüber besteht, dass Kopf, Arme, Beine, Finger, Zehen, Augen, Ohren, Nase, Mund und sehr viel Haar typisch sind, entbrennt ein lautstarker Streit um die Frage, ob Affen einen Schwanz haben müssen. Auch die unterschiedlichen Körperformen und -größen sowie Fellfarben werden infrage gestellt. Leander versucht die bunte Truppe, die sich gegenseitig wüst beschimpft, zu beruhigen: „Es ist auch ganz unwichtig, ob ihr euch ähnlich seht […]. Innen drin seid ihr nämlich alle gleich!“
Doch nun geht das Affentheater erst richtig los. Es folgt „ein stilles Durcheinander. Ein stilles Durcheinander ist eigentlich auch laut, man hört es nur nicht.“ Und genau in diese Stille, unter deren Oberfläche es brodelt, platzt Luzi. Das Mädchen hat Leanders Aushang ebenfalls gelesen und möchte dem Künstler Modell stehen. Doch der versteht die Welt nicht mehr. „Der Mensch ist ein Affe!“, erklärt Luzi ihm und den anderen. Und weiter: „Affen sind Tiere.“ Die Affen – Leander eingeschlossen – sind tief erschüttert. Das kann und darf nicht sein.
Leander, der sich als Künstler sieht, verliert bei der Vorstellung, dass auch er Affe und Tier sein soll, die Fassung. Doch genau hierin liegt der erzählerische Kniff. Als er sich – vollkommen außer sich – seiner Kleidung entledigt, können es alle sehen: Auch Leander hat einen Kopf, Arme, Beine, Finger, Zehen, Augen, Ohren, Nase, Mund und wirklich ziemlich viel Haar (vor allem auf dem Rücken). Was für eine Erkenntnis! Und was für ein Spektakel, das daran anschließt: „Darauf packte alle eine unbändige Lust. Sie nahmen Papier und Pinsel zur Hand, wählten passende Farben und bewarfen sich damit. Wer konnte, ging die Wände hoch. Wer das nicht konnte, ließ es mächtig krachen, rollte fürchterlich mit den Augen und patschte mit den Händen gegen die eigene Brust, bis die Luft zitterte und die Fensterscheiben klirrten. Luzi schmetterte ein grimmiges Lied. Leander brüllte ‚Lülala!‘ Das ist Französisch und heißt: ‚Wie wunderbar!‘“
Christian Duda und Julia Friese erzählen in einem spannungsvollen Miteinander aus zurückhaltendem, beinahe nüchtern klingendem Text und expressiven Bildern, die den Blick in das sparsam möblierte Atelier des Künstlers und auf das bunte Treiben frei geben. Friese spielt in ihren kolorierten Zeichnungen mit Perspektiven, Nähe und Distanz und nutzt den Weißraum der Seiten als Bühne für das Affentheater, das ganz ohne erhobenen Zeigefinger die Absurdität von Vorurteilen und Ausgrenzung offenlegt. Dafür stellt sie naturnah gemalte Affen (die auf dem Nachsatz einzeln vorgestellt werden) stilisiert gezeichneten Menschen gegenüber. Mit einem Augenzwinkern werden so Identitätskonzepte aber auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier hinterfragt und Raum für philosophische Fragen geöffnet. „Großer Stunk“ ist große Bilderbuchkunst in kleinem Format, die zeigt, wie vielschichtig, witzig und erhellend Erzählen in Text und Bild für jung und alt sein kann.
Von Marlene Zöhrer
Marlene Zöhrer ist Jurorin, Referentin und Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur. Sie arbeitet als Hochschulprofessorin für Kinder- und Jugendliteratur und Deutschdidaktik an der PH Steiermark in Graz.