Belletristik
Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Ultimativer Geschlechterkampf
Sie ist die Überraschungs-Debütantin des Frühjahrs: Clara Leinemann, ausgezeichnet mit dem lit.Cologne-Debütpreis 2026. Ihr Roman „Gelbe Monster“ richtet den Blick auf Charlie, eine junge PhD-Studentin, die ihren Freund geschlagen hat – und nun freiwillig zur Selbsthilfegruppe gewalttätiger Frauen geht.
Charlie hat sich danebenbenommen – und möchte Abbitte leisten. Die Mathematik-Promovendin ist hochbegabt und schwer gestört, hypersensibel und sie zeigt Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Mit anderen Worten: Sie ist eine faszinierende junge Frau, die allerdings beim Blick auf sich vor einem großen Rätsel steht: „Charlie war der tiefsitzenden, grundlegenden Überzeugung, dass alles an ihr falsch war. Seit der Pubertät hatte sie immer wieder den Versuch unternommen, sich zu ändern und ein besserer Mensch zu werden. Sie wollte Shakira werden, sie wollte Helene aus der 9b werden, oder die Hauptfigur aus einer Serie, die alle in der Oberstufe sich anschauten, eine unbändige, schöne Teenagerin fatale mit glorifiziertem Drogenproblem.“
Ihre innere Leere füllt Charlie seit einigen Jahren mit unbändiger Wut, in selbst-, wie fremdschädigendem Verhalten. Am Romanbeginn sitzt die Kölner Studentin mit Blessuren in einer Selbsthilfegruppe für gewalttätige Frauen. Charlie, die selbst aussieht wie ein Gewaltopfer, will sich im Kreise Gleichgesinnter mit jener Ungeheuerlichkeit konfrontieren, die bereits im Buchtitel „Gelbe Monster“ angedeutet ist: „Sie würden über Formen von Gewalt sprechen, über Macht und Kontrolle, über Signale, Gewaltzyklen, Konfliktverhalten, Emotionsregulation, weibliche Rollenbilder, das Selbstverständnis in Beziehungen, Elternschaft, Angst, Demut, Emanzipation.“
In Vor- und Rückblenden rekonstruiert Charlie ihre Amour fou mit dem ungefähr gleichaltrigen Valentin, einem angehenden Schriftsteller und Aushilfsbuchhändler, der ihr anfangs wie eine bessere Version ihres eigenen fragilen Selbst vorgekommen ist. Grüne Augen hat er, wie sie, talentiert ist er, sie ebenfalls. Charlie erkennt sich selbst im anderen, verliebt sich aber eigentlich wie Narziss ins eigene Spiegelbild. Charlie und Valentin sind ein erwartbares Match. Doch kriselt es schnell in dieser jungen Liebe – bis es schließlich zum Gewaltausbruch kommt, dem Anlass dieser Antiaggressionstherapie. Faszinierend ist, wie gegenwärtig Clara Leineman diese toxische Beziehung inszeniert. Zu Beginn erscheint Charlie die Anwesenheit Valentins „wie der Besuch eines Drogeriemarkts“. Sie fühlt sich sauberer, ordentlicher, ruhiger, „es war, als bräuchte sie nur ihn, und ihr Leben würde sich vereinfachen.“
Doch das Einfache ist dieser komplizierten Frau unmöglich. Sie hat ein missgünstiges Auge, sie hat eine Sprache für scheinbare Beziehungsfallen. Schnell bemerkt sie vermeintlich falsche Angewohnheiten ihres Liebhabers – und reagiert ihrer Ansicht nach selbst dann angemessen, wenn sie tatsächlich handgreiflich wird.
„Ja, wenn du dich immer so aufführst wie ein kleiner Junge, führt das halt dazu, dass ich auch mal nicht nett zu dir bin, Ich wäre gern mit einem Erwachsenen zusammen.“
So rechtfertigt Charlie ihre immer häufigeren Übergriffe. Was eine schöne Liaison sein könnte, versinkt im Morast von schwarzem Narzissmus und Love Bombing, von Gaslighting, Ohrfeigen und Wutausbrüchen: „Männer haben angefangen, manche zumindest.“
Es gibt derzeit einige deutsche Bücher, die sich mit der Wehrhaftigkeit aber auch mit dem Gewaltpotential von Frauen auseinandersetzen: neben Clara Leinemanns „Gelbe Monster“ der ebenfalls von einer histrionischen Frau berichtende Roman „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ von Dita Zipfel – oder das Sachbuch „Fighting Like a Woman: Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen“, die beide quasi passend zu Quentin Tarantinos „Kill Bill: The Whole Bloody Affair“ erscheinen.
Clara Leinmann ist das stärkste Buch dieses neuen Genres, stark aufgrund seiner bewusst einfach und klar gehaltenen Sprache. „Gelbe Monster“ ist eine gelungene literarische Auseinandersetzung mit Gewalt und psychischer Devianz, mit Liebessucht und Destruktion. Man liest diese Fallstudie beim ersten Mal rasch, eingefangen von seiner Leichtigkeit, erkennt aber bei zweiter Lektüre, dass hinter dieser Leichtigkeit eine geschickte Dramaturgie verborgen ist. Dieses „Gelbe Monster“-Buch ist eine kluge Melange aus Dark Romance und Charakterstudie, aus groteskem Psychothriller und Coming of Age-Pageturner, und es dient der Einübung in Ambiguitätstoleranz, jene notwendige Fähigkeit in unserer Epoche des radikalen und verabsolutierten Individualismus.
Von Jan Drees
Jan Drees ist Literaturredakteur im Deutschlandfunk und Moderator der Sendung „Büchermarkt“. Er ist im Kritikerteam der 3sat-Sendung „Kulturzeit“, Mitglied verschiedener Jurys und Autor von Romanen und Sachbüchern wie „Staring at the Sun“ (2000), „Letzte Tage, jetzt“ (2011) „Sandbergs Liebe“ (2019) und „Literatur der Krise: Das Novellen-Werk von Hartmut Lange“ (2022). Jan Drees betreibt den Blog lesenmitlinks.de.