Susanne Heim Die Abschottung der Welt

Buchcover Die Abschottung der Welt

Inhaltsangabe des Verlags

C.H.Beck Verlag
München 2026
ISBN 978-3-406-84301-3
384 Seiten
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Kein Ort zum Bleiben, kaum ein Ort zum Ankommen

Gehen oder Bleiben, das ist im Frühjahr 1933 für die gut 500.000 in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden die quälende Frage. Der Jurastudent Heinrich Marx – als Henry Marx Jahrzehnte später Programmdirektor des Goethe-Instituts New York – schreibt in sein Tagebuch: „Ich selbst vertrat von Anfang an den Standpunkt, hier in Berlin auszuhalten. […] Ein Weggehen hat nur Sinn, wenn man imstande ist, alle Brücken hinter sich abzubrechen“. Heinrich Marx hat sich dann doch fürs Gehen entschieden, viele andere fürs Bleiben, wieder andere sind gegangen und schon bald zurückgekehrt. Von 60.000 Juden, die 1933 emigrierten, kamen im selben Jahr noch 23.000 zurück, teils weil sie annahmen, die Lage in Deutschland habe sich entspannt, teils weil zum Leben im Exil die legalen oder finanziellen Mittel fehlten. Dass für den Neuanfang im Ausland das Geld fehlte, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass jüdische Vermögen in Deutschland systematisch geplündert wurden.

Die Geschichte von Flucht und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland ist, warum auch immer, weniger gut erforscht als die ihrer Vernichtung. Eine der Expertinnen für dieses komplexe Thema ist Susanne Heim, die als Projektleiterin die sechzehnbändige Quellenedition zu „Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ betreut hat. In ihrem neuen Buch geht es um die „Abschottung der Welt“. Es war Deutschland, das den Juden das Bleiben unmöglich machen wollte. Und es war die Welt, die ihnen vielfach das Ankommen verweigerte. Als „eine Form polizeilich organisierter Gesetzlosigkeit“ hat Hannah Arendt die Politik der geschlossenen Grenzen kritisiert. Heim erkennt Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik, in Europa, Amerika und anderswo. „Wie werden“, fragt sie, „Historikerinnen und Historiker künftiger Generationen über die heutige Migrationspolitik urteilen?“

Breiten Raum nehmen in Heims Buch die dramatischen Fluchterfahrungen von Jüdinnen und Juden ein. Markant unterscheiden sich dabei die Schicksale von Männern und Frauen, Armen und Reichen, Alten und Jungen, aber auch die der früh von denen der spät Geflüchteten. Mit dem Kriegsausbruch 1939 spitzt sich die Lage weiter zu. Wer nicht nach Übersee fliehen kann, ist von der Deportation bedroht. Detailliert betrachtet Heim die Politik der Zufluchtsländer, in denen oft genug der einheimische Antisemitismus der Aufnahme im Wege stand. Nur zögerlich formiert sich eine internationale Flüchtlingspolitik, in der, auch im Dienst der eigenen Abschottung, Pläne erörtert werden, den Juden Siedlungsgebiete in Afrika oder Australien zuzuweisen. Dem gegenüber stehen verdienstvolle Initiativen wie die „Kindertransporte“, mit denen das britische Parlament 1938 unbegleiteten Kindern die Einwanderung ermöglichte. Wenn auch die Völkergemeinschaft sich nicht zu einer gemeinsamen Politik durchringen konnte, so hat man doch in dieser Ära immerhin die Notwendigkeit einer multilateralen Flüchtlingspolitik erkannt – die Gründung der UNHCR 1950 ist auch eine Konsequenz daraus.

Letztlich aber sind es weniger die Staaten als die zivilen Netzwerke gewesen, die Jüdinnen und Juden Flucht und Überleben ermöglicht haben. Internationale jüdische Organisationen, am Wirksamsten das „American Jewish Joint Distribution Committee“ waren mitunter in der Lage, Politik und Gesellschaft für ihr Anliegen zu aktivieren. Gemessen am Ausmaß der jüdischen Katastrophe im Holocaust muten die kleinen Schritte der damaligen Hilfsorganisationen eher bescheiden an. Trotzdem konnte sich die jüdische Community, vor allem in den USA und in Großbritannien, durchaus Gehör verschaffen. Welche Lobby aber könnte, um an Heims Parallele zu erinnern, heutigen Fluchtbewegungen eine Stimme geben?
Buchcover Die Abschottung der Welt

Von Christoph Bartmann

Christoph Bartmann war Leiter der Goethe-Institute in Kopenhagen, New York und Warschau und lebt heute als freier Autor und Kritiker in Hamburg.

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