Bücherwelt
Das Politische im Persönlichen

Daniela Dröscher: Sprechen
© Hanser Berlin

Biografisch imprägnierte Diskurs-Bücher bilden mittlerweile eine feste Größe im kriselnden deutschen Sachbuchmarkt. Wenngleich der Trend nicht gänzlich neu ist, hat er in den letzten Jahren eine neue Qualität gewonnen. Nils Markwardt, Redakteur im Ressort Politisches Feuilleton der ZEIT, veranschaulicht diese Entwicklung an aktuellen Beispielen.

Einen feststehenden Namen hat dieses Genre nicht, dennoch gehört es zu den erfolgreichsten, die der deutsche Sachbuchmarkt in den letzten Jahren zu bieten hat. Behelfsweise könnte man es vielleicht den politisch-biografischen Essay nennen, wobei Essay hier dann im weitesten Sinne zu verstehen wäre. Gemeint sind also Bücher, die die politischen und gesellschaftlichen Konfliktlagen anhand persönlicher Erfahrungen und individuell Erlebtem verhandeln. Dazu gehört etwa die zehnbändige „Leben“-Reihe des Hanser Verlags, in deren Rahmen unter anderem Daniela Dröschers „Sprechen“ (2026), Doris Dörries „Wohnen“ (2025) oder Theresia Enzensberger „Schlafen“ (2024) erschienen. Ebenso ließen sich in diesem Zusammenhang Christian Barons „Ein Mann seiner Klasse“ (Ullstein, 2020), Marlen Hobracks „Klassenbeste“ (Hanser, 2022), Ewald Fries „Ein Hof und elf Geschwister“ (C.H. Beck, 2022), Bernhard Pörksens „Zuhören“ (Hanser, 2025) und Heike Geißlers „Verzweiflungen“ (Suhrkamp, 2025) sowie Matthias Brandts „Nein sagen“ (Kiepenheuer & Witsch, 2026) verbuchen.

Nun ist dieser Trend biografisch imprägnierter Diskurs-Bücher freilich nicht komplett neu. Geht man noch ein paar Jahre weiter zurück, findet sich eine weitere Reihe von Veröffentlichungen, die in diese Richtung zeigen. Man denke beispielsweise an Leslie Jamisons „Die Empathie-Tests“ (Hanser Berlin, 2015), Maggie Nelsons „Die Argonauten“ (Hanser, 2017) oder Reni Eddo-Lodges „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Tropen, 2019). Was dabei jedoch auffällt: Handelte es sich bei den biografisch-politischen Essays zunächst vor allem um Bücher, die ursprünglich aus dem englischen Sprachraum kamen, bildet dieses Genre mittlerweile auch eine originäre Größe auf dem deutschen Sachbuchmarkt.
 

D. Dörrie, T. Enzensberger, D. Dröscher © Hanser Berlin


Bemerkenswert an diesem Genre ist zunächst, dass die Kombination aus biografischer Erfahrung und analytischer Reflektion auf so vielen unterschiedlichen Themenfeldern funktioniert. Das lässt sich an drei jüngeren Beispielen verdeutlichen. Der Historiker Ewald Frie, der in Interviews bemerkte, wie überrascht er selbst vom großen Publikumserfolg seines Buches „Ein Hof und elf Geschwister“ war, erzählt dort nicht nur vom Verschwinden jener bäuerlichen Welt, in der er in den 1960er Jahren aufgewachsen war. Frie verbindet diese Erinnerungen ebenso mit Überlegungen zum Wandel der Arbeitswelt und dem andauernden Stadt-Land-Konflikt.

Die Schriftstellerin Theresia Enzensberger wählt in ihrem „Schlafen“-Buch hingegen einen anderen Zugang. Sie kommt zwar auch wiederholt auf ihre eigene Insomnie zu sprechen, nutzt diese aber eher als Anlass für ein inspirierendes Sammelsurium philosophischer Nachtgedanken. Diese reichen von der Kritik einer neoliberalen 24/7-Gesellschaft bis zur Frage, inwiefern das Schlafwandeln unsere Vorstellung von Traum und Wirklichkeit sprengt.

Matthias Brandt geht in „Nein sagen“ noch mal einen anderen Weg. Der Schauspieler und Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt erweitert in dem Buch eine Rede, die er 2025 in Erinnerung an die Widerstandskämpfer*innen des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee hielt. Aufschlussreich ist dabei vor allem, wie Brandt die Leser an seinem eigenen Hadern teilhaben lässt. Denn eigentlich sieht er, der als Künstler einen ganz anderen Weg als sein berühmter Vater gewählt hat, sich gar nicht wirklich zur politischen Intervention befähigt. Es ist indes ein Glück, dass er sich dennoch überzeugen ließ. Was im Buch nämlich sehr plastisch wird: Während Brandts Eltern sich in der Nachkriegszeit immer noch gegen die gehässigen Anfeindungen von Alt-Nazis wehren mussten und entsprechend wussten, mit welchen Feinden der Demokratie sie es zu tun hatten, sind die Nachfolgegenerationen schlicht nicht mehr gewohnt, mit der Skrupellosigkeit von Rechtsextremist*innen umzugehen – und müssen es nun neu lernen.
 

M. Hobrack, M. Brandt, Ch. Baron © Hanser Berlin, © Kiepenheuer & Witsch, © Claassen

Vor diesem Hintergrund, so könnte man meinen, wird dann auch schnell der verbindende Erfolgsfaktor dieser Bücher deutlich. Der persönliche Zugang bietet Leser*innen nicht nur ein hohes Maß an Authentizität und Identifikationspotential, sondern ermöglicht es auch, politisch komplexe Themen biografisch zu veranschaulichen. Im Podcast-Zeitalter, das die Nachfrage nach gut gebauten Storylines und nahbaren Fallgeschichten nochmals erhöht hat, scheint diese Form des Essays eine folgerichtige Entwicklung innerhalb eines kriselnden Sachbuchmarkts.

Das allein reicht als Erklärung jedoch nicht aus, was schon daran deutlich wird, dass es Mitte der 2000er Jahre schon einmal einen Boom biografisch imprägnierter Essays gab, der dann aber schnell wieder abebbte. Es war jene Zeit, in der Social-Media-Plattformen wie Facebook entstanden, sich Blogs und digitale Journale etablierten und auch der Online-Journalismus seine erste Hochphase feierte. Damals, so rekapitulierte es Jia Tolentino 2017 im New Yorker, gab es auf Portalen wie Jezebel, Gawker oder Salon eine regelrechte Essay-Flut. Nur zeichneten sich diese Texte oft dadurch aus, dass sie mit gleichermaßen intimen wie meinungsstarken Bekenntnissen auftrumpften, ganz gleich, ob es dabei um Menstruationsbeschwerden oder Armutserfahrungen ging. Gerade weil diese – zumeist auch schnell produzierten – Texte oft aufdringlich daherkamen, stellte sich recht bald eine publizistische Übersättigung ein. Jia Tolentino diagnostizierte in ihrem 2017 erschienenen Text dann auch das Ende dieses „Personal Essay Boom“.
 

H. Geißler, B. Pörksen, L. Jamison © Edition Suhrkamp, © Hanser, © Suhrkamp

Die aktuellen Beispiele des politisch-biografischen Essays unterscheidet aber etwas Wesentliches von den Texten aus den Anfängen des Social-Media-Zeitalters. Bücher wie „Ein Hof und elf Geschwister“, „Schlafen“ oder „Nein sagen“ enthalten nicht nur einen weitaus höheren Reflexionsgrad, sie sind gewissermaßen auch genau andersherum komponiert. Enthielten die Essays der 2000er- und 2010er-Jahre meist intime Bekenntnisse, in denen im besten Fall auch kurz eine verallgemeinerbare Dimension aufleuchtete, sind die heutigen Essays politische Diskursbücher, die über einen persönlichen Erzählzugang funktionieren. Im Zentrum steht also nicht das Persönliche, das ein Granum Verallgemeinerung zulässt, sondern die allgemeinere Analyse wird durch das persönliche Beispiel besonders plastisch.

Ewald Frie erzählt zwar eindrücklich vom eigenen Aufwachsen im Münsterland der 1960er Jahre, doch im Kern geht es um das Verschwinden einer bäuerlichen Welt, die noch ganz anderen Regeln folgte, einer Welt, in der beispielsweise Kinder nicht Geburtstag, sondern Namenstag feierten. Theresia Enzensberger schildert auch ihre durchwachten Nächte, analysiert im Kern aber eine produktivitätsbesessene Gesellschaft, die eine kollektive Schlafstörung erleidet. Und Matthias Brandt hat sich nach langem Zögern für seine politische Intervention entschieden, weil die AfD zu einer existentiellen Gefahr für die deutsche Demokratie zu werden droht.
 

E. Frie, R. Eddo-Lodge, M. Nelson © dtv, © Klett-Cotta, © Hanser Berlin

Derlei politisch-biografische Essays personalisieren am Ende also nicht das Politische, sondern eröffnen für viele Leser den Raum des Politischen durch einen persönlichen Einstieg. Das ist gleich ein doppelter Glücksfall: für den hiesigen Sachbuchmarkt, aber auch für die politische Debatte.


Nils Markwardt, 1986 in Grevesmühlen geboren, studierte Literatur- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitete als Redakteur beim Philosophie Magazin sowie bei der Wochenzeitung Der Freitag, ebenso schrieb er Texte u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Republik Magazin und Deutschlandfunk Kultur. Seit 2022 ist der Redakteur bei der ZEIT.


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