Bücherwelt
Das Politische im Persönlichen
Biografisch imprägnierte Diskurs-Bücher bilden mittlerweile eine feste Größe im kriselnden deutschen Sachbuchmarkt. Wenngleich der Trend nicht gänzlich neu ist, hat er in den letzten Jahren eine neue Qualität gewonnen. Nils Markwardt, Redakteur im Ressort Politisches Feuilleton der ZEIT, veranschaulicht diese Entwicklung an aktuellen Beispielen.
Nun ist dieser Trend biografisch imprägnierter Diskurs-Bücher freilich nicht komplett neu. Geht man noch ein paar Jahre weiter zurück, findet sich eine weitere Reihe von Veröffentlichungen, die in diese Richtung zeigen. Man denke beispielsweise an Leslie Jamisons „Die Empathie-Tests“ (Hanser Berlin, 2015), Maggie Nelsons „Die Argonauten“ (Hanser, 2017) oder Reni Eddo-Lodges „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Tropen, 2019). Was dabei jedoch auffällt: Handelte es sich bei den biografisch-politischen Essays zunächst vor allem um Bücher, die ursprünglich aus dem englischen Sprachraum kamen, bildet dieses Genre mittlerweile auch eine originäre Größe auf dem deutschen Sachbuchmarkt.
Bemerkenswert an diesem Genre ist zunächst, dass die Kombination aus biografischer Erfahrung und analytischer Reflektion auf so vielen unterschiedlichen Themenfeldern funktioniert. Das lässt sich an drei jüngeren Beispielen verdeutlichen. Der Historiker Ewald Frie, der in Interviews bemerkte, wie überrascht er selbst vom großen Publikumserfolg seines Buches „Ein Hof und elf Geschwister“ war, erzählt dort nicht nur vom Verschwinden jener bäuerlichen Welt, in der er in den 1960er Jahren aufgewachsen war. Frie verbindet diese Erinnerungen ebenso mit Überlegungen zum Wandel der Arbeitswelt und dem andauernden Stadt-Land-Konflikt.
Die Schriftstellerin Theresia Enzensberger wählt in ihrem „Schlafen“-Buch hingegen einen anderen Zugang. Sie kommt zwar auch wiederholt auf ihre eigene Insomnie zu sprechen, nutzt diese aber eher als Anlass für ein inspirierendes Sammelsurium philosophischer Nachtgedanken. Diese reichen von der Kritik einer neoliberalen 24/7-Gesellschaft bis zur Frage, inwiefern das Schlafwandeln unsere Vorstellung von Traum und Wirklichkeit sprengt.
Matthias Brandt geht in „Nein sagen“ noch mal einen anderen Weg. Der Schauspieler und Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt erweitert in dem Buch eine Rede, die er 2025 in Erinnerung an die Widerstandskämpfer*innen des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee hielt. Aufschlussreich ist dabei vor allem, wie Brandt die Leser an seinem eigenen Hadern teilhaben lässt. Denn eigentlich sieht er, der als Künstler einen ganz anderen Weg als sein berühmter Vater gewählt hat, sich gar nicht wirklich zur politischen Intervention befähigt. Es ist indes ein Glück, dass er sich dennoch überzeugen ließ. Was im Buch nämlich sehr plastisch wird: Während Brandts Eltern sich in der Nachkriegszeit immer noch gegen die gehässigen Anfeindungen von Alt-Nazis wehren mussten und entsprechend wussten, mit welchen Feinden der Demokratie sie es zu tun hatten, sind die Nachfolgegenerationen schlicht nicht mehr gewohnt, mit der Skrupellosigkeit von Rechtsextremist*innen umzugehen – und müssen es nun neu lernen.
Das allein reicht als Erklärung jedoch nicht aus, was schon daran deutlich wird, dass es Mitte der 2000er Jahre schon einmal einen Boom biografisch imprägnierter Essays gab, der dann aber schnell wieder abebbte. Es war jene Zeit, in der Social-Media-Plattformen wie Facebook entstanden, sich Blogs und digitale Journale etablierten und auch der Online-Journalismus seine erste Hochphase feierte. Damals, so rekapitulierte es Jia Tolentino 2017 im New Yorker, gab es auf Portalen wie Jezebel, Gawker oder Salon eine regelrechte Essay-Flut. Nur zeichneten sich diese Texte oft dadurch aus, dass sie mit gleichermaßen intimen wie meinungsstarken Bekenntnissen auftrumpften, ganz gleich, ob es dabei um Menstruationsbeschwerden oder Armutserfahrungen ging. Gerade weil diese – zumeist auch schnell produzierten – Texte oft aufdringlich daherkamen, stellte sich recht bald eine publizistische Übersättigung ein. Jia Tolentino diagnostizierte in ihrem 2017 erschienenen Text dann auch das Ende dieses „Personal Essay Boom“.
Ewald Frie erzählt zwar eindrücklich vom eigenen Aufwachsen im Münsterland der 1960er Jahre, doch im Kern geht es um das Verschwinden einer bäuerlichen Welt, die noch ganz anderen Regeln folgte, einer Welt, in der beispielsweise Kinder nicht Geburtstag, sondern Namenstag feierten. Theresia Enzensberger schildert auch ihre durchwachten Nächte, analysiert im Kern aber eine produktivitätsbesessene Gesellschaft, die eine kollektive Schlafstörung erleidet. Und Matthias Brandt hat sich nach langem Zögern für seine politische Intervention entschieden, weil die AfD zu einer existentiellen Gefahr für die deutsche Demokratie zu werden droht.
Nils Markwardt, 1986 in Grevesmühlen geboren, studierte Literatur- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitete als Redakteur beim Philosophie Magazin sowie bei der Wochenzeitung Der Freitag, ebenso schrieb er Texte u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Republik Magazin und Deutschlandfunk Kultur. Seit 2022 ist der Redakteur bei der ZEIT.
Copyright: © 2026 Litrix.de